Top News

Wochenendvorschau Spezial: Manny Pacquiao – Joshua Clottey

Am Samstagabend kommt es in den USA zu dem ersten richtig großen Boxkampf des neuen Jahres. Der frisch gekürte Boxer des letzten Jahrzehnts, und der derzeit beste Boxer der Welt, Manny Pacquiao verteidigt seinen frisch gewonnenen Weltergewichtsgürtel gegen Joshua Clottey, ehemaliger Weltergewichtsweltmeister.

Der Kampf um die Weltergewichtskrone der WBO findet im Stadion des American Football Teams der Dallas Cowboys statt. Es ist in Arlington, Texas gelegen und fasst 80000 Zuschauer. Der Kampf zwischen Pacquiao und Clottey wird der erste Kampf in dem Stadion sein, das am 27. Mai 2009 vollendet wurde und 1,3 Milliarden US-Dollar kostete. Das vielleicht größte Kennzeichen des Baus ist das größte und teuerste HD-Video-Board der Welt, welches etwa 49 mal 22 Meter groß ist. Für den ersten Boxkampf in der nagelneuen Arena sind 45000 Plätze vorhanden, und es sieht so aus, als würden bis Samstagabend noch die letzten paar verfügbaren Tickets verkauft werden, so dass Manny Pacquiao und Joshua Clottey vor 45000 Zuschauern in den Ring steigen werden.

Manny Pacquiao hat im Moment einen Lauf, wie man ihn nur ganz selten erlebt. Seit seinem ersten Aufeinandertreffen mit Erik Morales im Jahr 2005 ist er in 11 Kämpfen ungeschlagen. Dabei besiegte er unter anderem Legenden wie Erik Morales (2x), Marco Antonio Barrera, Juan Manuel Marquez, Oscar De La Hoya, Ricky Hatton oder Miguel Cotto und gewann dabei Titel in vier Gewichtsklassen. Lediglich der Rückkampf mit Juan Manuel Marquez war dabei knapp, und besonders nach diesem Kampf schien bei dem Philippinen ein Schalter umgelegt worden zu sein, durch den alle Zahnräder ineinander griffen. In seinen letzten vier Kämpfen sah Manny Pacquiao schier unschlagbar aus: Leichtgewichtsweltmeister David Diaz deklassierte er nach Belieben, bevor er ihn in der neunten Runde schwer KO schlug. Den größten Star des Boxsports, Oscar De La Hoya, ließ er wie einen schlechten Sparringspartner aussehen, bis dieser keinen Drang mehr verspürte zur neunten Runde und zu mehr Prügel heraus zu kommen. Halbweltergewichtsweltmeister Ricky Hatton schickte er gleich in der ersten Runde zweimal zu Boden, um ihm dann in Runde 2 einen der schwersten KO-Schläge der letzten Jahre zu verpassen. Und gegen Weltergewichtsweltmeister Miguel Cotto brauchte er zwei Runden um die Kontrolle zu übernehmen, um dann zwei Niederschläge und eine weitere spektakuläre Vorstellung später durch technischen KO in der zwölften Runde zu siegen.
Joshua Clottey boxte ebenfalls zuletzt gegen Miguel Cotto. Jedoch unterlag er in einem sehr engen Kampf dem Puertoricaner knapp und etwas kontrovers nach Punkten. Zwei der drei Punktrichter sahen Cotto vorne, während der dritte Punktrichter und die Mehrheit der Zuschauer den Ghanaer als Sieger sahen. Im Kampf zuvor war Joshua Clottey, der seine beiden größten Kämpfe bisher verloren hat, zum ersten Mal Weltmeister geworden, indem er Zab Judah in einer technischen Punktentscheidung schlug. Das Punkturteil ging zwar nur knapp an Clottey, doch es war klar, dass Clottey den Kampf gewonnen hatte, und vor allem, dass er zu dem Zeitpunkt, als der Kampf wegen einer Cutverletzung Judahs abgebrochen wurde, gerade stark aufkam, während Zab Judah klar nachließ. Damit konnte Joshua Clottey sich endlich Weltmeister nennen, nachdem er zwei Jahre zuvor am Mexikaner Antonio Margarito gescheitert war. In diesem Kampf, in dem er immerhin mit Margarito über die Runden ging, hatte Clottey sich die Hand gebrochen und kämpfte dadurch im Grunde einhändig.

Trotzdem überstand er den Kampf gegen einen der physisch stärksten Boxer der Gewichtsklasse. Und gerade diese Härte, die Clottey auch im Kampf gegen Margarito an den Tag legte, zeichnet ihn aus. Er stand mit einigen der größten Puncher des Weltergewichts im Ring und sah noch nicht einmal angeschlagen aus. Gegen Miguel Cotto war er zwar in der ersten Runde am Boden, doch das kam durch einen gut getimten Jab, der Clottey erwischte, als dieser nicht die richtige Balance hatte. Und während Joshua Clottey einiges wegstecken kann, besitzt er außerdem selber einen guten Schlag, der jedem Gegner Probleme bereiten kann. Eine weitere Stärke von ihm ist seine Doppeldeckung, an der die Großzahl der Schläge seiner Gegner dran hängen bleibt. Jedoch ist diese Deckung eher passiv, und der Ghanaer wartet oft, hinter der Doppeldeckung verschanzt, darauf, dass der Gegner zu Ende schlägt, bevor er selber wieder aktiv wird. Nur selten schlägt er in die Salven seines Gegners hinein, was ihm definitiv als Schwäche auszulegen ist. Während er auf keinen Fall langsam ist, gehört Clottey des Weiteren jedoch nicht zu den schnellsten Boxern des Weltergewichts, weder was die Hände noch was die Beine angeht.
Manny Pacquiao jedoch brilliert gerade in diesem Bereich. Seine Schläge sind schnell wie Kanonenkugeln und auf den Beinen ist er inzwischen nicht nur blitzschnell, sondern auch außerordentlich sicher und effektiv. Er bewegt sich um einiges besser als noch vor ein paar Jahren und ist in einem Wimpernschlag in Position seine Schläge aus den unmöglichsten Winkeln abzufeuern. Seine Beweglichkeit, gepaart mit seinen unheimlich schnellen und präzisen Händen und seiner Fähigkeit aus allen möglichen Winkeln zu schlagen, macht es dem Gegner beinahe unmöglich seine Schläge zu antizipieren oder zu blocken. Und da es Manny Pacquiao verstanden hat, auch in seiner achten Gewichtsklasse noch seine Schlagkraft zu behalten, ist es um so fataler für seine Gegner, wenn sie so viele Treffer kassieren müssen. Der Philippine sieht im Moment beinahe wie der perfekte Boxer aus, doch, wenn es um seine Schwächen geht, werden vor allem immer wieder seine Nehmerfähigkeiten und seine Physis angesprochen. Zwar hat er gegen Cotto, von dem er einige gute Treffer in der Anfangsphase nehmen musste, bewiesen, dass er auch die Schläge von ausgewachsenen Weltergewichtlern nehmen kann, doch bleibt bei einem Boxer, der bereits im Fliegengewicht Weltmeister war, den Großteil seiner Karriere zwischen Superbantam- und Superfliegengewicht verbracht hat, und jetzt wohl am ehesten ins Leicht- oder Halbweltergewicht gehören würde, die Frage, wie gut es denn nun wirklich um seine Nehmerfähigkeiten in der Gewichtklasse bis 147 Pfund bestellt ist. Dass seine Physis wiederum der von Joshua Clottey unterlegen ist, bleibt außer Frage. Der Ghanaer ist körperlich klar stärker. Er ist größer, hat längere Arme, wird am Kampftag vermutlich um die 15 Pfund schwerer sein und ist insgesamt einfach deutlich robuster und kräftiger.

Für Manny Pacquiao gilt es daher also im Ring diesen physischen Aspekt so gering wie möglich zu halten. Er muss versuchen seine Schnelligkeit auszuspielen und auf flinken Füßen in die Distanz zu gelangen, die Schläge loszuwerden, und wieder aus der Reichweite zu verschwinden. Gleichzeitig gilt es das Problem von Clotteys guter Defensive zu lösen. Der primäre Plan dazu sollte es sein seinen Körper möglichst viel zu bearbeiten, da Clotteys Fäuste meist weit oben sind und seinen Körper etwas vernachlässigen. Joshua Clottey schien es nicht all zu sehr zu gefallen, als Carlos Baldomir einige gute Körpertreffer gegen ihn anbrachte, und allgemein scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass Boxer mit einem sehr guten Kinn zum Körper hin recht gut auszuknocken oder zumindest zu beeindrucken sind. Frühe, gute Schläge zum Körper würden außerdem einige Vorteile für die späteren Runden bringen, in denen Joshua Clottey diese Schläge deutlich spüren würde und langsamer werden würde. Auch sind sie eine gute Möglichkeit um Clotteys Deckung herunterzubringen und somit für Treffer zum Kopf zu öffnen. Ansonsten gilt es für Manny Pacquiao nicht zu sorglos und waghalsig zu attackieren, da Clottey ein durchaus guter Konterboxer sein kann, der den „Pacman“ mit einem harten Konter sicherlich zu Boden schicken könnte. Pacquiaos kompletter Kampfplan sollte auf Schnelligkeit, Geduld, und Körpertreffer aufbauen.
Joshua Clottey muss auf der anderen Seite versuchen seine Stärken auszuspielen und die von Manny Pacquiao zu neutralisieren. Dabei spielt ein Aspekt für den Herausforderer eine genau so große Rolle wie für den Weltmeister: die Arbeit zum Körper. Je öfter es Joshua Clottey gelingen wird Manny Pacquiao zum Körper hin zu treffen, desto langsamer werden dessen Aktionen in den späteren Runden werden und desto geringer wird dessen Schnelligkeitsvorteil dann ausfallen. Pacquiao bewegt außerdem seinen Kopf sehr gut und ist deshalb am Körper leichter zu treffen als zum Kopf hin. Clottey sollte probieren auf alles zu schlagen, was er erwischen kann. Schläge auf die Oberarme, auf die Hüften oder zum Brustkorb tragen alle dazu bei, dass Manny Pacquiao später im Kampf die Luft ausgeht. Gleichzeitig muss Clottey aber darauf aufpassen, dass er sich nicht von der Schnelligkeit Pacquiaos am Anfang überwältigen lässt. Die ersten paar Runden wird er als klar langsamerer Boxer kaum gewinnen können, sollte Pacquiao nicht einige große Fehler begehen, aber Joshua Clottey muss trotzdem dort schon versuchen seinen Gegner unter enorm hohen Druck zu setzen und so viele Treffer wie eben nur möglich anzubringen. Gegen den Rechtsausleger Pacquiao könnte dabei die unvorbereitete rechte Gerade eine gute Waffe sein, wenn sich Pacquiao, wie zuletzt gegen Miguel Cotto, meist im Uhrzeigersinn, das heißt Richtung Clotteys rechter Hand, bewegt. Es wird schwer sein für Clottey Manny Pacquiao gegen die Seile zu drängen, doch sollte er es schaffen, muss er diesen Moment nutzen. Seine Physis hat erst wirklich in der Nahdistanz seine Vorteile, und diese Momente, in denen Pacquiao nicht die Distanz halten kann, sind es, die entscheidend sein werden für Clottey, wenn er hofft für den Überraschungssieg sorgen zu können.

Denn eins ist klar: Sobald Manny Pacquiao vor Joshua Clottey stehen bleibt, wird dieser Pacquiao erwischen. Bleibt Pacquiao jedoch stets flink auf den Füßen, wird es ganz schwer für den Ghanaer überhaupt klare Treffer zu landen. Stattdessen wird in so einem Fall Pacquiaos Schnelligkeit das Geschehen klar dominieren. Die meisten Fans und Experten prophezeien einen Punktsieg für Pacquiao mit vielleicht ein, zwei schwierigen Situationen im Kampf für ihn. Sein Trainer Freddie Roach jedoch glaubt inzwischen, dass Pacquiao als erster Boxer Joshua Clottey stoppen wird, und ich halte das auch für eine durchaus realistische Möglichkeit.
Die ersten Runden sollten von Pacquiao bestimmt werden, wobei Joshua Clottey auch seine Momente haben wird, wenn Pacquiao möglicherweise zu ungestüm attackiert und Clottey ihn abkontert, oder wenn Pacquiao sich von dem Ghanaer stellen lässt. Doch insgesamt sollte Clottey überfordert sein mit Pacquiaos unglaublich schnellen, und vor allem so variablen Schlagsalven. Clottey wird dann ab Runde 4 mehr aufkommen, und ich könnte mir sogar vorstellen, dass er Manny Pacquiao anklingeln, oder möglicherweise sogar zu Boden schicken kann. Doch im Endeffekt wird der Weltmeister für Clottey zu gut sein. Ich glaube, dass Manny Pacquiao mit dem richtigen Kampfplan Joshua Clottey mit einem Körpertreffer im dritten Viertel des Kampfes ausknocken wird. Einen Sieg für den Außenseiter kann ich mir kaum vorstellen, da er sich zu oft Auszeiten gönnt, um über die Punkte gewinnen zu können, und da Manny Pacquiao zu clever sein wird, um von ihm ausgeknockt zu werden.

Benjamin Antemann kann unter benjamin@boxen.de erreicht werden.

Voriger Artikel

Pacquiao in Dallas eingetroffen: Öffentliches Training vier Tage vor dem Kampf

Nächster Artikel

Zbik und Stieglitz: Offizielle Pressekonferenz zum Kampfabend am 17. April

Keine Kommentare

Antwort schreiben