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Wochenendvorschau 17.10.2009 (Super Six)

Alles konzentriert sich am Wochenende auf den heiß erwarteten Start des Super Six-Turniers. Arthur Abraham macht in Berlin gegen Jermain Taylor den Anfang. Kurze Zeit später boxen in Nottingham Carl Froch und Andre Dirrell gegeneinander…


Arthur Abraham – Jermain Taylor

In der O2 World Arena in Berlin trifft Arthur Abraham im einzigen Super Six Kampf in der ersten Runde, bei dem es um keinen Titel der vier großen Verbände geht, auf seinen bisher deutlich stärksten Gegner seiner Karriere. Mit Jermain Taylor steht dem ungeschlagenen Armenier, der, nachdem er fast 4 Jahre lang Weltmeister im Mittelgewicht war, seinen ersten echten Ausflug ins Supermittelgewicht macht, der einzig andere Boxer des Super Six Turniers gegenüber, der ursprünglich aus dem Mittelgewicht kommt.
Jermain Taylor sah wie der legitime Bernard Hopkins-Nachfolger aus, nachdem er diesem nach 11 Jahren Regentschaft die Titel aller 4 großen Verbände sowie den linearen und den des Ring-Magazines entriss und den Sieg im direkten Rückkampf bestätigte.
Zwar waren beide Kämpfe sehr eng und die Punktentscheidungen umstritten, doch Hopkins hatte zuvor seine Titel 20-mal erfolgreich verteidigt und war zuletzt 12 Jahre vorher von Roy Jones Jr. geschlagen worden. Und, dass Taylor ihn zwei Mal besiegen konnte, schien darauf hinzudeuten, dass Taylor der kommende Mann im Mittelgewicht sei.
Doch bereits in seinen ersten drei Titelverteidigungen enttäuschte er. Insbesondere bei einem Unentschieden gegen den aus dem Halbmittel kommenden Winky Wright und bei dem Split Decision-Sieg gegen den ehemaligen Weltergewichtsweltmeister Cory Spinks.
Im darauf folgenden Kampf gegen Emporkömmling Kelly Pavlik schien er auf dem sicheren Weg zum Sieg, als er Pavlik nach 2 Runden ganz kurz vorm KO hatte. Doch Pavlik kam zurück und schlug Taylor in der siebten Runde KO. Im direkten Rückkampf, der über dem Mittelgewicht stattfand, bestätigte Pavlik den ersten Kampf durch einen Punktsieg.
Und Jermain Taylor scheint seit dem Verlust seiner Mittelgewichtstitel durch die KO-Niederlage gegen Kelly Pavlik nicht mehr richtig in die Spur zu finden. Zuletzt besiegte er in einer eher schwachen Vorstellung Jeff Lacy nach Punkten und verlor danach gegen WBC-Supermittelgewichtsweltmeister Carl Froch durch KO in der zwölften Runde.
Auch gegen Froch hatte Taylor seinen Gegner im Laufe des Kampfes am Boden, dieses Mal in Runde 3, und war am Ende des Kampfes nach Punkten in Front, bevor er sich KO schlagen ließ.
So scheint die Geschichte von Jermain Taylor bisher die zu sein, dass er in den entscheidenden Momenten seinem eigenen Talent und Potenzial nicht ganz gerecht wurde. An Anlagen bringt Taylor eigentlich alles mit, was ein Boxer haben muss: Er ist überaus athletisch, hat schnelle Hände und Beine, eine gute Technik, sehr ordentliche Schlagkraft und hat nicht mal ein wirklich schlechtes Kinn. Viele Kritiker sagen, dass es ihm an Kondition fehlt, was eine Erklärung dafür wäre, warum er hinten heraus die Kämpfe gegen Pavlik und Froch noch abgegeben hat, doch glaube ich nicht wirklich daran, dass es an fehlender Kondition liegt.
Taylor scheint einfach die mentale Stärke zu fehlen, um ein herausragender Boxer zu werden. Dass er in den meisten seiner Kämpfe irgendwann einzubrechen scheint, hat meiner Meinung nach mehr mit seiner psychischen Konsistenz zu tun.
Und gerade auch dieses „Einbrechen“ Taylors wird wohl ein gewichtiger Grund sein, warum die Buchmacher mehrheitlich Arthur Abraham mehr oder weniger deutlich vorne sehen. Zwar sah auch Abraham in seinen letzten Kämpfen nicht immer richtig gut aus, doch Auftritte wie der gegen Lajuan Simon, gegen den er sich über die Runden quälte, wurden auf das schwächende Gewichtmachen vor dem Kampf zurückgeführt.
Allgemein wird erwartet, dass Abraham im Supermittelgewicht durch die zusätzlichen 8 Pfund stärker denn je sein wird. Seinen einzigen Ausflug jenseits des Mittelgewichtslimits hatte er bisher im zweiten Aufeinandertreffen mit Edison Miranda, das in einem Catchweight von 166 Pfund stattfand. Abraham zeigte möglicherweise den besten Kampf seiner Karriere und knockte den Kolumbianer, der ihm im ersten Kampf den Kiefer gebrochen hatte, in vier Runden aus.
Auch Abraham selbst hat in den letzten Tagen betont, wie sehr es ihm zugute kommt, dass er nicht mehr so viel Gewicht machen muss. Allerdings bleibt grundsätzlich auch die Frage, wie weit sich beispielsweise Abrahams Schlagkraft ins Supermittel überträgt, da er dort auch auf physisch stärkere Gegner trifft. Zwar gehen die meisten davon aus, dass Abraham von dem Aufstieg in das Supermittel nur profitieren wird, jedoch kann man sich nicht komplett sicher sein, bevor man ihn nicht im Ring gegen einen Topgegner gesehen hat.
Überhaupt steht ihm am Samstagabend sein bisher deutlich bester Gegner gegenüber.
Edison Miranda sticht wohl noch aus seinen bisherigen Kampfrekord heraus, doch auch Miranda ist kein wirklicher Topmann, und scheiterte jedes Mal, wenn ihm seinerseits ein Topmann gegenüberstand, ob das nun Arthur Abraham, Kelly Pavlik oder der weitere Super Six Teilnehmer Andre Ward war.
Jermain Taylor besitzt damit einen eindeutigen Vorteil in Sachen Erfahrung, da er unter anderem bereits Bernard Hopkins, Winky Wright, Kelly Pavlik und Carl Froch vor den Fäusten hatte. Dafür ist Abraham immer noch ungeschlagen, was bekanntlich einen großen mentalen Vorteil mit sich bringt, und im Laufe des Kampfes enorme Bedeutung finden könnte.
Abraham ist eher als Langsamstarter bekannt und verschenkt gerne erst einmal die ersten Runden, bis er loslegt. Doch allgemein ist es sowieso eine verbreitete Meinung, dass es schwer für Abraham werden sollte nach Punkten zu gewinnen. Boxerisch ist Taylor Abraham deutlich überlegen.
Taylor kann mit einem überragenden Jab jeden Kampf bestimmen und dürfte zusätzlich noch aktiver sein als Abraham, der oft lange Zeit wenig macht, um dann plötzlich zu explodieren. Die Punktrichter für den Kampf sind zu diesem Moment noch nicht bekannt, doch ist es nicht auszuschließen, dass diese aus den USA kommen, da der US-Sender Showtime das Turnier organisiert. Und US-amerikanische Punktrichter neigen dazu, stark nach Aktivität zu scoren, was einen Punktsieg Abrahams noch unwahrscheinlicher machen würde.
Ich halte es für wahrscheinlich, dass Taylor in den Anfangsrunden besser aussehen wird, aber trotzdem einige Schwierigkeiten mit Abrahams Doppeldeckung haben wird. Die beste Möglichkeit für Taylor harte Schläge ins Ziel zu bringen ist in Abrahams Attacken mit seinen wohl schnelleren Händen rein zu schlagen und ihn so offen zu erwischen. Die nötige Präzision dafür besitzt er definitiv, jedoch riskiert er dabei von einen von Abrahams Bomben getroffen zu werden.
Abraham seinerseits muss gerade auf diese hoffen und bauen, um den Kampf für sich zu entscheiden. Taylor ist nämlich durchaus nicht so schwierig zu treffen, kann sich allerdings anfangs meist noch besser klaren Treffern entziehen als in den hinteren Runden. Sollten diese Schwierigkeiten zu Ende hin tatsächlich ausschließlich Konditionssache gewesen sein und nichts mit psychischen Schwächen zu tun gehabt haben, meint Taylor selbst sie dieses Mal ausgemerzt zu haben. So wie Abraham auch, führte er seine Schwächen auf das Gewichtmachen zurück, und war dieses Mal bereits einige Tage vor dem Kampf beim gewünschten Gewicht angekommen.
Hinzu kommt noch, dass er, als er hinten heraus einbrach, in seinen Niederlagen mit Pavlik und Froch gegen Gegner boxte, die konstant Druck machten, während Abraham dazu zu viele Ruhepausen drin hat, die er damit auch Taylor gönnt.
Es ist zu erwarten, dass Taylor das Geschehen weitestgehend von außen bestimmen wird, und sich auf den Punktzetteln schon früh einen Vorsprung sichern wird. Für ihn gilt es das Tempo zu halten ohne einzubrechen und so den Kampf nach Punkten zu gewinnen, oder sogar, falls sich die Gelegenheit dazu ergibt, einen Abbruch zu erzwingen, wofür er definitiv die nötige Schlagkraft besitzt.
Abraham hingegen wird größtenteils auf seine Schlagkraft vertrauen und wird immer wieder versuchen den Amerikaner anzuklingeln. Theoretisch kann er das mit seinem ungeheuerem Punch zu jeder Zeit des Kampfes, doch wahrscheinlicher scheint es, dass es zum Ende des Kampfes hin geschehen wird, wenn Taylor bereits nachlässt.
Insgesamt verspricht es ein sehr spannender Kampf zu werden mit zwei sehr unterschiedlichen aber in etwa gleichstarken Boxern, dessen Ausgang ziemlich offen erscheint. Ich persönlich schließe mich hier der mehrheitlich verbreiteten Meinung an, dass Abraham zu Ende des Kampfes Jermain Taylor KO schlägt, nachdem dieser auf den Punktzetteln vorne liegt. Jedoch würde es mich keineswegs schockieren, sollte dies bereits früher geschehen oder sollte Taylor sich Abrahams Schlägen entziehen und seine Karriere durch einen Sieg revitalisieren können.
Am Samstagabend werden wir es herausfinden.


Carl Froch – Andre Dirrell

Kurze Zeit nachdem das erste Duell des Super Six Turniers gelaufen ist, kommt es in Nottingham direkt zum zweiten. Vor heimischem Publikum tritt Carl Froch gegen den noch ungetesteten Amerikaner Andre Dirrell an. Dabei geht es dann um den WBC-Titel im Supermittelgewicht.
Diesen gewann Froch in seinem vorletzten Kampf, als er gegen den derzeitigen Halbschwergewichtsweltmeister Jean Pascal den vakanten Titel ausboxte. Froch siegte ziemlich eindeutig nach 12 Runden über die Punkte. Seitdem verteidigte er einmal gegen Jermain Taylor, den er in der letzten Runde dramatisch stoppte. Hätte Taylor sich 18 Sekunden länger auf den Beinen gehalten, hätte er den Kampf gewonnen und dem Briten seine erste Niederlage zugefügt. Außer diesen beiden Gegnern fehlt es Froch noch an Weltklasseboxern in seinem Kampfrekord.
Dirrell ist hingegen noch völlig ungetestet. In seinen 18 Kämpfen, die er allesamt gewann, 13 davon durch KO, war sein vielleicht bester Gegner der Australier Victor Oganov, den Dirrell nach 6 Runden schlug.
Die Leistungen des Bronzemedaillengewinners von 2004 schwankten immer wieder hin und her, so dass er teilweise brillant aussah, nur um kurz darauf gegen eigentlich überforderte Gegner deutliche Schwächen zu offenbaren. So schlug ihn zum Beispiel Journeyman Alfonso Rocha zu Boden, hatte Dirrell nicht all zu weit vorm KO und zwang ihn daraufhin über die Runden.
Der Kampf gegen Rocha ist zwar bereits fast dreieinhalb Jahre her, doch auch in seinem letzten Kampf gegen den vollkommen überforderten Derrick Findley glänzte er so gar nicht, als er sechs Runden für seinen absolut hilflosen Gegner brauchte, nachdem er ihn in der ersten Runde schon fast KO hatte.
Dirrell ist, ähnlich wie Landsmann Jermain Taylor, unheimlich athletisch und lebt sehr davon. Boxerisch erscheint er mir jedoch weitaus limitierter als Taylor.
Doch auch sein Gegner Carl Froch ist nicht gerade das, was man gemeinhin einen „klassischen Boxer“ nennt, und zeigt regelmäßig technische Schwächen. Außerdem ist er nicht gerade schwer zu treffen. Dafür ist er dafür bekannt ein erstklassiges Kinn zu besitzen, das gegen Taylor zum ersten Mal einen kleinen Kratzer abbekam, als er in der dritten Runde zu Boden musste. Allerdings erholte er sich davon sehr gut und schnell, und gewann schließlich ja auch noch den Kampf.
Zusätzlich dazu hat er auch einiges an Dampf in seinen Fäusten und konnte 20 seiner 25 Siege vorzeitig feiern.
Ich denke, dass Dirrells rohe Athletik Froch anfangs ähnliche Probleme bereiten wird, wie es die von Taylor tat. Dirrells Hände sind sehr schnell und Froch wird ein paar Runden brauchen, bis er sein Timing darauf besser eingestellt haben wird. Doch ab dann sehe ich den Briten eigentlich vorne.
Dirrell ist defensiv einfach zu offen und wird früher oder später harte Treffer kassieren, die seine fragwürdigen Nehmerfähigkeiten überschreiten werden. Froch könnte auch irgendwann zu Boden gehen, da Dirrell auch weiß, wie er seinem Gegner wehtun kann, doch Froch ist ausdauernd und hart genug, um sich davon zu erholen.
Froch gegen Dirrell ist der einzige Kampf der ersten Runde, in dem zwei ungeschlagene Boxer aufeinander treffen. Einer von beiden wird den Nimbus der Unschlagbarkeit nicht aufrechterhalten können. Und sollte Dirrell nicht ausgerechnet in diesem Härtetest sein immenses Potenzial abrufen können und nebenbei noch eine gewisse Härte beweisen können, die fürs Profiboxen erforderlich ist, wird er es sein, dessen bisher weiße Weste den ersten Fleck bekommt.
Ich gehe von einem spektakulären Kampf zweier Offensivspezialisten aus, den der Weltmeister Froch so um die siebte Runde für sich entscheiden wird.

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