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Wochenendrückschau 20.11.-21.11.2009

Die erste Runde des Super Six World Boxing Classics schloss mit einer kleinen Überraschung, als am Samstagabend der Amerikaner Andre Ward den allgemein als Turnierfavorit angesehenen Dänen Mikkel Kessler klar beherrschte und ihm seinen Weltmeistertitel abnahm. Auch in anderen Gewichtsklassen kam es zu interessanten Titelkämpfen und neuen Weltmeistern…

Der amerikanische Olympiasieger Andre Ward zeigte am Samstag vor heimischer Kulisse die mit Abstand beste Leistung seiner Profikarriere. Von Anfang an beherrschte er Weltmeister Mikkel Kessler und ließ zu kaum einer Zeit während des Kampfes Zweifel an seiner Überlegenheit aufkommen. Nach 11 Runden siegte er durch eine deutliche technische Punktentscheidung.
Der entscheidende Faktor war dabei vom ersten Gong an der deutliche Schnelligkeitsvorteil des jungen ungeschlagenen Amerikaners. Wards schnelle Hände konnte Kessler nicht rechtzeitig blocken und seine schnellen Füße erlaubten es ihm kurz nach seinen Schlagsalven wieder auf Distanz zu gehen um Kesslers Angriffen zu entgehen. Auch gewann Andre Ward den Kampf um den Jab, den er effektiver nutzte als der verteidigende Weltmeister. Kessler, der früh ratlos erschien und keinen Rhythmus fand, gelang es zu keinem Zeitpunkt den Kampf in irgendeiner Weise auch nur ansatzweise zu drehen.
In den Anfangsrunden spielte Kessler wie zu erwarten den Aggressor, nur um stets von Ward abgekontert zu werden mit blitzschnellen und vor allem sehr variantenreichen Einzelschlägen und Kombinationen. Ward schlug aus der Normalauslage etliche linke Haken und Jabs sowie rechte Geraden. Sobald Ward mal wieder zur Rechtsauslage wechselte, schien dies Kessler nur noch mehr zu verwirren. Kessler gelang es zwar hin und wieder einen Treffer zu landen, doch die Mehrzahl der klaren und besseren Treffer ging eindeutig an Ward, der sich perfekt auf Kessler eingestellt präsentierte.
In der vierten Runde gelang es ihm sogar Kessler ein wenig durchzuschütteln, als er in einer starken Runde Kessler mit einer harten rechten Gerade am Kinn traf. Und die Runden gingen ähnlich weiter: Ward nutzte seine schnellen Hände und Beine und ging direkt in den Clinch kam Mikkel Kessler ihm zu nahe. Der Däne hatte inzwischen zwei blutende Cuts erlitten, von denen zumindest einer wohl von einem unabsichtlichen Kopfstoß stammte. Nach der siebten Runde sagte Kessler seiner Ecke zum ersten Mal, dass er nicht mehr richtig sehen könne.
Ward begann nun immer mehr in die Offensive zu gehen und drängte den physisch stärkeren Weltmeister des Öfteren zurück, um ihn mit einem sehr variablen Arsenal an Schlägen einzudecken. Auch begann er nun in der Nahdistanz Kessler, vornehmlich mit Aufwärtshaken, zu bearbeiten, während dieser dort völlig überfordert zu sein schien und nicht zurückschlug.
Voller Selbstbewusstsein war Andre Ward teilweise etwas unfokussierter geworden, was seine Technik anging, und sprang immer mehr in seine Schläge herein, was in der zehnten Runde zu einem heftigen Kopfstoß führte, der als unabsichtlich gewertet wurde. Kessler war erneut der Leidtragende. Er zog sich eine weitere tiefe Wunde zu, die stark blutete und nur eine Runde später zum Abbruch führte. Nach einer Minute und 42 Sekunden der elften Runde unterbrach Ringrichter Jack Reiss den Kampf, um den Ringarzt einen Blick auf die Wunde werfen zu lassen und dieser riet sofort zum Abbruch. Da der Cut durch einen unabsichtlichen Kopfstoß entstanden war, ging es zu den Punktzetteln. Dass auf diesen der Amerikaner vorne sein musste, war wohl jedem in der Arena klar und die offiziellen Punkturteile von 98-92, 98-92 und 97-93 für Andre Ward waren sogar eher noch ein wenig zu eng.
Nach dem Kampf beschwerte sich Kessler darüber, dass Ward dreckig geboxt hätte und die Kopfstöße absichtlich gewesen sein. Außerdem klagte er über das Gehalte des Amerikaners in der Nahdistanz. Doch selbst, wenn man darüber möglicherweise streiten kann, verlor Kessler doch vor allem den Kampf, da er außer Stande war Andre Wards Schnelligkeits- und Agilitätsvorteile zu egalisieren. Es gelang ihm nicht den Jab zu etablieren und konsequenterweise konnte er kaum harte Schläge landen. In keiner der elf Runden landete der Däne mehr als 6 Power Punches (alles andere als Jabs). Seine Unfähigkeit sich innerhalb des Kampfes umzustellen, die Team Ward bereits vor dem Kampf erkannt hatte, machte es Andre Ward im Endeffekt leicht, seinen ersten Weltmeistertitel zu gewinnen und äußerst erfolgreich in das Super Six Turnier zu starten.
Mikkel Kessler hat nun als nächstes mit Carl Froch einen stilistisch deutlich leichteren Gegner vor der Brust, den er unbedingt schlagen muss, um seine Turnierchancen zu wahren. Bis dahin müssen aber erstmal seine vielen Cuts über beiden Augen erfolgreich verheilen. Andre Ward hingegen trifft auf Jermain Taylor, insofern dieser sich dafür entscheidet weiter am Turnier teilzunehmen. Ward dürfte zwar nun als neuer Mitfavorit des Turniers gelten, während Taylor der große Außenseiter ist, doch stilistisch könnte der Kampf gegen seinen Landsmann für Ward ein härterer Brocken werden als der vom Samstag gegen Kessler.

Ebenfalls zu einem Titelwechsel kam es am Samstag in Mexiko. In einem kontroversen Kampf gewann Rodel Mayol überraschend den WBC-Titel im Halbfliegengewicht von Edgar Sosa in zwei Runden.
Mayol drückte von Anfang an aufs Gas und ging aggressiv zu Werke. In der zweiten Runde erwischte ein brutaler Kopfstoß, der als absichtlich beurteilt wurde, den Weltmeister, der daraufhin zu Boden ging und dort benommen für einige Zeit blieb. Als Sosa wieder auf den Beinen war, und nachdem der Ringrichter Mayol für den Kopfstoß einen Punkt abgezogen hatte, ging das Gefecht weiter, obwohl der blutende Sosa weiterhin deutlich mitgenommen und angeschlagen war. In der Folge attackierte Mayol und schlug Sosa zu Boden. Dieser stand zwar wieder auf, doch kurze Zeit später nach einigen weiteren harten Treffern brach der Ringrichter den Kampf ab und erklärte Rodel Mayol zum Sieger durch TKO.
Sosas Team hat bereits Protest bei der WBC eingelegt, dass der Kampf in einen No Contest umgeändert wird. Sosa betonte, dass er nach dem Kopfstoß sehr benommen war und nur dies zu dem Ende führte. Für Rodel Mayol war es der dritte Kampf in Folge, in dem es zu Schwierigkeiten wegen Kopfstößen kam. Zuvor hatte er zweimal mit Ivan Calderon im Ring gestanden und beide Male gingen die Kämpfe vorzeitig zu den Punktkarten, da der durch Kopfstöße verletzte Calderon nicht weiter machen konnte.
Edgar Sosa wurde nach dem Kampf in ein Krankenhaus eingeliefert und wird nach ersten Angaben fünf bis sechs Monate lang nicht boxen können. Ein Rückkampf mit Mayol wird von Sosa als nächstes angestrebt, ob nun der Einspruch erfolgreich sein wird oder nicht.

In Kiel lieferten sich Zsolt Erdei und Giacobbe Fragomeni eine wahre Ringschlacht, bei der der Ungar Erdei das bessere Ende erwischte. Er gewann durch eine Mehrheitsentscheidung nach 12 Runden und sicherte sich somit den WBC-Titel im Cruisergewicht.
Erdei, der aus dem Halbschwergewicht aufgestiegen war, präsentierte sich schneller und technisch stärker als der physisch starke Fragomeni und genoss einen sehr guten Anfang im Kampf. Doch etwa nach vier Runden wandte sich das Blatt, als Fragomeni mehr und mehr die Schlagfrequenz erhöhte und Erdei immer müder wirkte, wodurch Fragomeni Runden sammeln konnte. Doch Erdei, der zwischenzeitlich sogar so erschöpft aussah, dass eine KO-Niederlage von ihm sehr nahe erschien, schaffte es erneut in den Kampf zurück zu kommen und sicherte sich so in einem sehr engen und äußerst unterhaltsamen Kampf den Sieg.
Die Punktrichter hatten es zwei Mal 115-113 für Erdei und einmal 114-114. Alle drei Urteile gingen in Ordnung und man hätte sogar Fragomeni knapp in Front sehen können, doch letzten Endes hatte der Kampf mit dem agileren Ungarn wohl einen verdienten Sieger und neuen Weltmeister.

In Kanada wechselte der WBO-Titel im Superfliegengewicht zwar nicht den Besitzer, jedoch verlor ihn Marvin Sonsona. Wie bereits in der Wochenendvorschau berichtet, hatte Sonsona enorme Probleme in der Vorbereitung auf den Kampf. Seine Gewichtsprobleme führten dazu, dass er das Gewicht nicht bringen konnte und somit den Titel vorzeitig abgeben musste. Der Titel stand daher nur für Alejandro Hernandez auf dem Spiel, doch der Kampf endete unentschieden, so dass der Titel nun vakant ist.
Sonsona wog mit 117 ½ Pfund ganze 2 ½ Pfund über dem Limit des Superfliegengewichs ein. Der sich wohl noch im Wachstum befindliche 19-Jährige gab bekannt, dass er nach dem Kampf sofort zwei Gewichtsklassen aufsteigen werde.
Auch im Kampf selber zeigte sich seine schlechte Vorbereitung. Eigentlich deutlich talentierter und boxerisch besser quälte sich Sonsona mit dem eher durchschnittlichen Mexikaner Hernandez. Anfangs gewann er noch die Runden, doch seine schwache Kondition zeigte sich hinten heraus, so dass Hernandez die Lücke in der Punktwertung nach und nach schließen konnte und im Endeffekt ein Unentschieden erringen konnte.

Bereits am Freitag gewann der Südafrikaner Moruti Mthalane vor heimischem Publikum seinen ersten Weltmeistertitel. Er schlug den schlagstarken Mexikaner Julio Cesar Miranda nach Punkten recht deutlich.
Es war der klassische Kampf zwischen Boxer und Puncher, bei dem Mthalane größtenteils seine boxerische Überlegenheit ausspielen konnte. Miranda gelang es zwar Mthalane am Ende der ersten und neunten Runde in große Probleme zu bringen, aber er konnte beide Male seinen Gegner nicht zu Boden schicken. So kam es dazu, dass die boxerische Klasse von Mthalane, der viel hinter seinem Jab agierte, sich durchsetzte und ihm Punkturteile von 117-111, 117-111 und 118-111 einbrachte.

An einem Wochenende, an dem viele Weltmeister ihre Titel verloren, machte es Giovanni Segura deutlich besser. Er benötigte gerade mal 65 Sekunden, um seinen Herausforderer Sonny Boy Jaro auszuknocken. Ein präzise gesetzter Körpertreffer des stets hart schlagenden Seguras brachte das Ende herbei in seiner zweiten erfolgreichen Titelverteidigung des WBA-Halbfliegengewichtstitel, den er dieses Jahr kontrovers von Cesar Canchila gewann.

Auch der Argentinier Marcos Rene Maidana konnte seinen Titel, den Interimstitel der WBA im Halbwelter, erfolgreich verteidigen. Er brauchte drei Runden für William Gonzalez. Sein nächster Gegner soll der Gewinner des bevorstehenden Kampfes zwischen Amir Khan und Dimitry Salita sein.

Erster deutscher Superfedergewichtsweltmeister konnte in Kiel Vitali Tajbert werden. Er besiegte den Interimsweltmeister der WBC Humberto Mauro Gutierrez einstimmig nach Punkten. Dabei begann Tajbert eher schwach und wurde in der Anfangsrunde viel von dem Mexikaner getroffen ohne selber Akzente setzen zu können. Doch etwa ab der fünften Runde drehte Tajbert auf und setzte immer klarere Treffer. Hinten heraus dominierte er den Weltmeister förmlich dank seiner boxerischen Klasse und seinen schnelleren Händen und gewann verdient, aber mit 116-112, 116-112 und 116-113 vielleicht einen Tick zu deutlich auf den Punktkarten.

Auch Dimitri Sartison konnte in Kiel Weltmeister werden, indem er Stjepan Bozic im Kampf um den vakanten WBA-Gürtel im Supermittelgewicht (Mikkel Kessler war zuvor von der WBA in den ominösen Status des „Superchamps“ gesetzt worden, so dass Sartison und Bozic um den „regulären“ Titel boxen konnten) in fünf Runden stoppte. Bozic konnte zu diesem Zeitpunkt auf dem linken Auge, das zu geschwollen war, nichts mehr sehen, so dass Sartison zum Sieger erklärt wurde.

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