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WBC-Posten für Amir Khan

WBC-Posten für Amir Khan

Seit Juli 2019 hat Amir Khan nicht mehr im Ring gestanden. Und man darf gespannt sein, ob der 33-jährige noch einmal boxen wird. Nachdem WBC-Präsident Mauricio Sulaiman im vergangenen Monat angekündigt hat, Khan zum Präsidenten des neuen „WBC Middle East Boxing Council“ zu machen, soll der ehemalige Weltmeister die Entwicklung des Boxens im Nahen Osten vorantreiben.

Khan – so eine offizielle Mitteilung des WBC – „ … hat eine langfristige strategische Vision für die Entwicklung und Weiterentwicklung des Sports dort und glaubt, dass seine beträchtliche Erfahrung in allen Facetten des Boxens ihn in eine einzigartige Position versetzt, da er die Umsetzung des revolutionären Plans überwacht und ihn mit seinem unerschütterlicher Schwung durchsetzen kann.“

Worte wie in Stein gemeißelt! Möglicherweise ist Khan sogar der richtige Mann. Unterm Strich muss man sich aber fragen: wofür eigentlich genau?

In den lautmalerischen WBC-Umschreibungen will der Verband die öde Wüste in ein Paradies verwandeln, in dem Milch und Honig fließen: „Durch die äußerst erfolgreiche weltweite WBC Cares-Initiative, die es dem Boxen ermöglicht, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, werden die Länder von den Erfahrungen und Ressourcen profitieren, um Gesundheit und Fitness, Schule und Bildung zu verbessern, Frauenboxen und Bewältigung wichtiger Gesundheitsprobleme wie Fettleibigkeit anzugehen.“

Tatsächlich grassiert in vielen arabischen Staaten die Fettleibigkeit. Ägyptens Staatschef Abd al-Fattah as-Sisi erklärte im vergangenen Jahr, jeder Bürger solle sich seinen Bauch anschauen, „ … dann weiß er, wie groß sein Problem ist“. Fernsehstationen – so forderte Sisi – sollten keine fettleibigen Gäste mehr zu Talkshows einladen. Ägypten gehört neben den USA und Saudi-Arabien zu den „dicksten Nationen der Welt“. Ein Drittel der 98 Millionen Ägypter sind fettleibig, ein Drittel übergewichtig, nur jeder Dritte hat Normalgewicht. Mit an der „Übergewicht“-Weltspitze liegen auch die Kuwait, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain. In keinem anderen Teil der Erde gibt es so viele Diabetiker wie im Nahen Osten. Fraglich ist allerdings, wie Amir Khan und der WBC das ändern wollen.

Sport  – so berichteten die „Stuttgarter Nachrichten“ 2019 in ihrem Artikel „Fettleibigkeit – die Plage des Nahen Ostens“ – ist verpönt. Körperliche Arbeit gilt als Merkmal niedriger sozialer Schichten. Wichtigster Zeitvertreib sind Familientreffen, bei denen sich praktisch alles ums Essen dreht und ein hoher sozialer Druck herrscht, noch mehr in sich reinzustopfen. Vor allem bei den Frauen konzentriere sich der Lebensstil auf „Gastfreundschaft, übermäßigen Nahrungskonsum und Bewegungsmangel“, konstatierte seinerzeit eine Studie der American University in Beirut.

Das alles dürfte Amir Khan nicht gänzlich unbekannt sein. Immerhin hat Khan im King Abdullah Sports Stadium im saudi-arabischen Jeddah im vergangenen Jahr Billy Dib vor über 10.000 Zuschauern (ich vermeide hier mal ganz bewusst das Wort Boxfans) geschlagen.

Auf der Undercard kämpfte auch Abdulfatah Julaidan. 10 Tage vorher war der 40-jährige noch ein alternder Amateur. „GQ Middle East“ feierte den Sieg Julaidans, dessen Karriere habe gerade einen großen Aufwärtstrend genommen, hieß es auf der Internetseite, Julaidan habe Geschichte geschrieben.

Anscheinend nur saudi-arabische Geschichte. Denn bei Boxrec liest sich das Ganze anders: dort ist für Abdulfatah Julaidan eine UD-Niederlage 4/4 verzeichnet.

Keine Frage: hier könnten Amir Khan und der WBC ansetzen. Was sicher nicht einfach ist, in einem Land, in dem viele Sportarten neben König Fußball nur unbedeutende Nebenrollen spielen. In Saudi-Arabien war es vor noch allzu langer Zeit nicht einmal möglich, Boxhandschuhe zu kaufen. Es gab sie schlicht und einfach nicht.

Nun bleibt abzuwarten, wie der World Boxing Council das Ganze angeht. Ich für meinen Teil vermute allerdings, dass es vorrangig um die „Sicherung von Pfründen“ und die Ausrichtung von gutdotierten Boxveranstaltungen geht. Wenn sich das dann noch mit dem Deckmäntelchen „Boxsportförderung“ verbrähmen lässt – umso besser.

Und da ist es sicher nicht unpraktisch, dass Khan im August 2020 angekündigt hatte, nach Dubai umzuziehen, um dem dortigen Dubai Sports Council als als Mentor, Wegbereiter und Entwicklungshelfer beizustehen.

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