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Vorschau: Ivan Calderon vs. Giovanni Segura

Obwohl relativ wenig beachtet, findet am Samstagabend in Puerto Rico einer der spannendsten Boxkämpfe des laufenden Jahres statt. Im Halbfliegengewicht stehen sich WBO- und Ring-Champ Ivan Calderon und WBA-Weltmeister Giovanni Segura in einer Titelvereinigung gegenüber. Der Kampf lebt nicht nur die alte traditionelle Rivalität zwischen Puerto Rico und Mexiko auf, sondern liefert zudem ein hoch spannendes Duell zwischen einem fast technikfreien, brachialen Schläger und einem Feintechniker, dessen Punch kaum eine Eierschale zerbrechen kann. Dass die beiden Extrembeispiele des Technikers und Punchers zudem die beiden absoluten Topleute der Gewichtsklasse sind verleiht dem Event zusätzliche Brisanz.

Ivan Calderon gilt schon seit einer halben Ewigkeit als vielleicht bester „purer Boxer“ im Sport, und in 35 Profikämpfen in zwei Gewichtsklassen stieg der Puertoricaner noch nie als Verlierer aus dem Ring. Nach elf Titelverteidigungen im Minimumgewicht entschied sich Calderon 2007 dazu größere Herausforderungen eine Gewichtsklasse höher zu suchen, und gleich im ersten Kampf dort besiegte er mit Hugo Fidel Cazares, der inzwischen Superfliegengewichtsweltmeister ist, die Nr. Eins der Gewichtsklasse. Sechs erfolgreiche Titelverteidigungen des kleinen Meisterboxers folgten, auch wenn Calderon meist der physisch deutlich unterlegene Mann war. Am Samstagabend muss er dem bezüglich aber wohl seine größte Aufgabe bewältigen.

Denn während Calderon vom Körper her eigentlich wohl immer noch problemlos ins Minimumgewicht passen würde, ist Segura der wohl körperlich imposanteste Halbfliegengewichtler der Welt. Es wurde schon oft spekuliert, dass der Mexikaner kurz davor stand eine Gewichtsklasse höher zu wechseln, doch der lang erhoffte Kampf gegen Calderon hielt ihn wohl bis jetzt im Halbfliegen. Dort verlor er 2007 seinen ersten Titelkampf gegen Cesar Canchila, den er in der zweiten Runde am Boden hatte, der ihn aber über weite Strecken des Kampfes ausboxte. Im Rückkampf acht Monate später gewann Segura dann den Titel, als er Canchila kontrovers in der vierten Runde stoppte. Der Abbruch, der lange nachdem der Schlussgong ertönt war, kam, war zwar umstritten, aber Segura hatte Canchila bis dahin dominiert, zweimal zu Boden geschickt, und fast durchweg auf wackligen Beinen gehabt. Seitdem ist Segura durch die Gegner in seinen Titelverteidigungen durch marschiert: Rubillar stoppte er in Sechs, für Sonny Boy Jaro brauchte er eine, für Walter Tello drei Runden. Gegen Ronald Ramos stand sein Titel zuletzt nicht auf dem Spiel, da der Kampf im Fliegengewicht stattfand, aber Segura machte auch hier nach vier Runden Schluss.

Doch Ivan Calderon ist nicht nur sein mit Abstand dekoriertester Gegner, sondern auch sein klar bester bisher. Er besitzt zwar kaum Schlagkraft, dafür aber exzellente Technik, schnelle Hände und extrem gute Reflexe. Zudem ist er schnell auf den Beinen, was ihm unfairerweise oft den Ruf einbrachte im Ring mehr vor seinen Gegnern davon zu rennen als zu boxen. Giovanni Segura auf der anderen Seite ist technisch kaum geschult und bedient sich meist weiter Schwinger, die dafür aber an Schlagkraft in der Gewichtsklasse wohl ihresgleichen suchen. Er ist nicht schwer zu treffen, lässt sich aber kaum demotivieren und hat ein sehr gutes Kinn. Während Calderon von Anfang an darauf aus ist nach Punkten zu gewinnen, will Segura mit jedem einzelnen Schlag, zu dem er ausholt, den KO erzwingen.

Die meisten Leute sind sich einig, dass ein Calderon in Bestform wohl zu gut für Segura ist, aber der Puertoricaner ist bereits 35 Jahre alt, was für die unteren Gewichtsklassen schon steinalt ist. Obwohl er noch immer ungeschlagen ist, hat er in den letzten Kämpfen ein paar Schritte verloren. Seine Reflexe sind nicht mehr ganz so überragend, seine Hände nicht mehr ganz so schnell. Seit ein, zwei Jahren gilt er als schlagbar, und Giovanni Segura könnte genau der Mann sein, der ihm seinen unbefleckten Kampfrekord versaut.

Will er es schaffen, hat er wohl die besten Chancen dazu früh im Kampf. Er hat noch nie einen KO-Sieg nach der sechsten Runde erzielt, und in seiner einzigen Niederlage gegen Cesar Canchila brach er etwa ab der achten Runde stark ein. Dass liegt daran, dass Segura von Anfang an ein sehr hohes Tempo geht und mit jedem seiner vielen Schläge auf den KO aus ist. Kann Calderon diesem in der ersten Hälfte des Kampfes aus dem Weg gehen, sollte es kein Problem für ihn sein den immer müder werdenden Mexikaner auszuboxen, aber die frühe KO-Chance für Segura besteht definitiv, zudem es auch dem deutlich schwächeren Jesus Iribe zuletzt gelang Ivan Calderon in der zweiten Runde zu Boden zu schicken.

Die Anfangsrunden sind, wie gesagt, die wichtigsten. Segura muss es schaffen die Distanz schnell zu überbrücken und Treffer gegen den defensivstarken Calderon zu landen, während dieser gerade die Distanz wahren will und muss um Seguras deutlich überlegene Physis gar keinen Faktor werden zu lassen. Wie den beiden das gelingt bleibt abzuwarten, aber ich habe das Gefühl, dass Ivan Calderon anfangs durchaus seine Probleme haben wird seinen Plan durchzuziehen, und es würde mich nicht überraschen, wenn er irgendwann in der ersten Kampfeshälfte zu Boden muss oder sich in argen Problemen befindet. Trotzdem glaube ich, dass Calderon noch nicht so weit über seinen Zenit heraus ist, dass er den Kampf verliert. Er ist immer noch deutlich schneller, cleverer und technisch beschlagener als Segura, und spätestens in der zweiten Kampfeshälfte werden sich diese Vorteile durchsetzen, und Giovanni Segura wird den schwer fassbaren Puertoricaner kaum noch treffen. Ich denke, dass Ivan Calderon am Ende weiterhin ungeschlagen sein wird und einen engen Punktsieg in einem seiner bisher schwersten Kämpfe feiern werden kann.

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