Top News

Vorschau: Amir Khan vs Zab Judah

Der qualitativ beste Kampf am Wochenende ist zweifelsohne die Halbweltergewichtstitelvereinigung zwischen WBA-Titelträger Amir Khan und IBF-Champ Zab Judah. Im Mandalay Bay in Las Vegas treffen der aufstrebende britische Star und der ehemalige uneingeschränkte Weltergewichtsweltmeister am Samstagabend aufeinander.

Für Khan ist es bereits die fünfte Titelverteidigung und auf dem Papier die schwerste seit dem Kampf gegen Marcos Maidana. Während es abzusehen war, dass weder Salita noch Malignaggi oder McCloskey ihn wirklich würden fordern können, birgt Zab Judah eine ähnliche Gefahr in sich wie es der Argentinier tat, der Khan bedrohlich nahe an seine zweite Profiniederlage nach dem Prescott-Disaster brachte. Lange Zeit wurde Khan kritisiert, dass er nach der Niederlage gegen Breidis Prescott Puncher meiden würde, da von seinen nächsten fünf Gegnern nur Marco Antonio Barrera, der weit über seinen Zenit hinaus in einer zu hohen Gewichtsklasse boxte, eine KO-Quote von über 50 Prozent hatte. Doch der Kampf gegen Pflichtherausforderer Maidana musste kommen und beantwortete auch die eine oder andere Frage über Amir Khans viel zitiertes Kinn. Zwar konnte der Argentinier ihn auch anklingeln, doch es war deutlich erkennbar, dass seine Nehmerfähigkeiten von dem Gewichtsklassenaufstieg profitiert hatten, wenn nicht auch von dem Training mit Fitnesstrainer Alex Ariza. Das vorwiegende Thema in den Medien vor dem Kampf mit Judah ist nun erneut sein Kinn, und ob es den Schlägen des US-Amerikaners gewachsen ist.

Judah konnte immerhin 28 seiner 41 Siege vorzeitig erzielen, doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass ihm das hauptsächlich anfänglich in seiner Karriere gelang und er gerade mal einen einzigen großen Kampf, von denen er in seiner Karriere doch einige hatte, per KO für sich entscheiden konnte. Dieser KO kam 2005 im Rückkampf mit Cory Spinks, der ihm ein Jahr zuvor seine zweite Profiniederlage zugeführt hatte. Judah war damals in Weltergewicht aufgestiegen, wo Spinks die unumstrittene Nummer Eins war und drei Titel hielt. Spinks punktete ihn im ersten Kampf aus, doch Judah stoppte ihn im Rückkampf in neun Runden.

Ansonsten ist seine Karriere aber sowieso größtenteils von Niederlagen in entscheidenden Kämpfen geprägt. Von der berühmten KO-Niederlage gegen Kostya Tszyu über den enorm überraschenden Titelverlust gegen Carlos Baldomir bis hin zu den Niederlagen gegen Floyd Mayweather und Miguel Cotto blieb Zab Judah immer einen Schritt hinter den Erwartungen zurück, die an ihn gestellt wurden, da er so großes Potential zeigte. Die schwache Psyche und die fehlende Reife wurden schnell als Ursache festgemacht für diese Diskrepanz zwischen Potenzial und tatsächlicher Leistung, und zumindest letzteres scheint sich inzwischen gebessert zu haben. Zab Judah scheint mit seinen 33 Jahren endlich erwachsen geworden zu sein, wenn man aus Interviews der letzten Zeit und seinem allgemeinen Verhalten schließen darf. Leider hat er allerdings im boxerischen Bereich ein wenig eingebüßt.

Zu seiner besten Zeit war Zab Judah ein blitzschneller Boxer mit enormem Punch und großartigen Reflexen. Selbst im Aufeinandertreffen mit Floyd Mayweather, der in allen anderen seiner Kämpfe Geschwindigkeitsvorteile hatte, war Judah der Mann mit den schnelleren Fäusten. Zwar hat er immer noch sehr schnelle Hände, allerdings nicht mehr ganz auf dem Niveau, welches er mit Mitte 20 hatte. Es dürfte sogar fraglich sein, ob er am Samstag der schnellere Mann im Ring sein wird. Denn auch Amir Khans größte Waffe ist seine Schnelligkeit. Besonders wenn er Kombinationen schlägt, glänzt er in dieser Hinsicht, da er dann meist die Schlagkraft ein wenig vernachlässigt, sich nicht komplett in die Schläge hinein dreht und nur auf Geschwindigkeit geht.

Der Vorteil in Sachen Schlagkraft liegt allerdings sicherlich bei Zab Judah, auch wenn Amir Khan tatsächlich die höhere KO-Quote hat. Judah schlägt, vor allem seit er wieder ins Halbweltergewicht zurückgekehrt ist, mit ungemeiner Power, während Khan seine KOs eher durch die Anzahl der Treffer bzw. durch hohe Präzision erzielt. So brachte er beispielsweise Marcos Maidana nicht durch rohe Schlagkraft in der ersten Runde zu Boden, sondern durch einen punktgenauen Schlag zum Körper, der Maidana die Luft raubte. Mit seiner trickreichen Rechtsauslage hat Judah einen weiteren kleinen Vorteil, doch auch wenn Khan in den letzten Jahren nur ein einziges Mal gegen einen Rechtsausleger in den Ring stieg, so war es doch gerade sein letzter Gegner Paul McCloskey, so dass er sich nicht neu umstellen muss auf Judah.

Zab Judah war schon immer am Gefährlichsten in den ersten paar Runden. 23 seiner 28 KOs erzielte er innerhalb der ersten vier Runden und auch Floyd Mayweather bereitete er in den ersten Runden große Probleme. In der zweiten Runde schickte er Mayweather zu Boden, auch wenn der Ringrichter den Niederschlag übersah. Auch Cotto hatte anfängliche Probleme mit Judah, der normalerweise früh startet, aber auch anfällig dafür ist nach der vierten Runde einzubrechen, wenn er bis dahin den KO noch nicht erzielt hat. Amir Khan ist inzwischen mit Sicherheit schneller auf den Beinen als Judah und sollte in den ersten paar Runden versuchen dies zu nutzen um die überfallartigen Angriffe des US-Amerikaners zu vermeiden und sich seinen Gegner erst einmal genauer anzugucken. Ich denke aber, dass Khan, sobald er die anfängliche Drangphase von Judah unbeschadet überstanden hat, das Heft in die Hand nehmen wird und aus der Distanz den Kampf bestimmen wird. Judahs Reflexe haben merkbar nachgelassen und er ist nicht mehr all zu schwer zu treffen, vor allem wenn seine Konzentration nach ein paar Runden nachlässt. Amir Khan ist sehr schnell darin die Distanz zu überbrücken und wird durch sein überlegenes Timing meiner Meinung nach Zab Judah ab der Mitte des Kampfes einige Male sehr alt aussehen lassen.

Das alles trifft natürlich nur zu, wenn Khan die Anfangsphase übersteht. Es darf ihm nicht passieren, dass er noch einmal so kalt erwischt wird, wie es gegen Breidis Prescott der Fall war, und wenn dies in einem Kampf möglich ist, dann sicherlich am Samstag gegen Judah. Doch ich glaube, dass auch Khan mittlerweile soweit gereift ist die ersten paar Runden Sicherheitsboxen zu praktizieren um dann mehr und mehr aufzudrehen und Zab Judah auseinander zu schrauben. Sollte Judah dann erneut seine fragile Psyche aufzeigen ist ein KO-Sieg für Khan durchaus im Bereich des Möglichen, doch ich tippe eher darauf, dass er das Ding recht deutlich nach Punkten nach Hause fährt.

Voriger Artikel

Vorschau: Joksan Hernandez vs Eduardo Escobedo II

Nächster Artikel

Überdosis Antidepressiva: WBC-Weltmeister Wlodarczyk im Krankenhaus

Keine Kommentare

Antwort schreiben