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Sonny Liston: Der “Hässliche Bär”

Im Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht stehen sich im September 1962 der Titelträger, Floyd Patterson, und Sonny Liston gegenüber. Liston gilt als einer der bis dahin gefürchtetsten Schwergewichtler, die es im Boxsport je gegeben hat. Mit einer Reihe von vorzeitigen Siegen hat er sich die Herausforderung verdient, und Patterson musste sich ihr stellen. Nach wenigen Minuten ist der Kampf vorbei. Patterson liegt auf dem Rücken, Liston lauert mit starrem Blick auf Pattersons Wiederbelebung. Sie gelingt nicht. Neuer Weltmeister: Sonny Liston. Jeder, der den Kampf beobachtet hat, ist überzeugt, dass Liston nun für lange Zeit unbesiegbar sein wird. Ein Irrtum.

Die ersten Jahre

Es gibt einige seltsame Umstände im Lebenslauf Listons. Sie fangen schon mit seinem Geburtsjahr an. Die Angaben der Mutter und ihres Sohnes  schwanken zwischen 1928 bis 1933. Die meisten Biographen gehen von 1932 aus. Auch der Tag der Geburt ist unklar. Die Mutter erzählt was von Januar („weil’s so kalt war, muss es der Januar sein“); Sonny selbst spricht  vom achten Mai. Die unklaren Daten haben damit zu tun, dass in den USA zu dieser Zeit noch keine  Angaben zu den Geburten amtlich registriert wurden. Klarheit zum Geburtsdatum könnte die Veröffentlichung der Volkszählungsdaten im Jahre 1940 erbringen, die in diesem Jahr (2012) freigegeben werden sollen.

Sicher ist, dass er als eines unter insgesamt 25 Kindern seines Vaters, Tobin Liston, und seiner Ehefrau Helen in Little Rock (Arkansas) geboren wird. Die Kinderschar entstammt allerdings zwei Ehen des Vaters.  Er wird auf den Namen Charles L. Liston getauft. Der Vater ist ein in ärmlichen Verhältnissen lebender Baumwollfarmer. Berichtet wird, dass Sonny ein sehr verschlossenes Kind gewesen sei, das oft und brutal vom Vater verprügelt wird. Er wird mit acht Jahren zur Mitarbeit auf den Baumwollfeldern gezwungen, geht nur selten zur Schule und bleibt deshalb bis zu seinem Tod quasi ein Analphabet. Als er ungefähr 13 ist, wird er von einem Bruder des Vaters, einem Musikersund Vater des bekannten Bluesmusikers B.B. King,  in die Familie aufgenommen. Dort verbleibt er aber nur relativ kurz. Nach dem Tod seines Vaters zieht er mit seiner Mutter nach St. Louis.

Im Gefängnis

In der Gegend, in der er mit seiner Mutter lebt, muss er sich ständig mit anderen Jugendlichen auch körperlich durchsetzen. Schnell ist er in den Straßen von St. Louis gefürchtet. Mit seinem Kumpel, Willie Jordan, begeht er Ende des Jahres 1949 und zu Beginn der 1950er einige Raubüberfälle, Körperverletzungen und Diebstähle. Wird deswegen zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verdonnert. Im Gefängnis von St. Louis ist er dann von den meisten Insassen als aggressiver und unbarmherziger Schläger gefürchtet, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht und über eine unerbittliche und überaus harte Schlagkraft verfügt. Im Gefängnis wird ihm der Name „Sonny“ gegeben. Gründe hierfür sind nie überliefert worden.

Der Gefängnispfarrer, Alois Stevens, leitet das sportliche Aufbauprogramm der Anstalt. Er ist im Boxsport erfahren und motiviert Liston, seinen Weg im Boxsport zu finden. Die Gegner, die ihm vorgesetzt werden, können ihm nicht das Wasser reichen. Aber er ist jetzt endlich in einem Sport angekommen, der seine ungestümen Kräfte in geregelte Bahnen lenken kann. Mit dem unermüdlichen Einsatz von Stevens wird ihm der Rest der Strafe erlassen. Sein Entlassungstag ist der 30. Oktober 1952. Da ist er knapp zwanzig Jahre. Er gerät endlich in die Hände, die boxerisch an ihm feilen können. Trainer wird Muncey Harrison, erster Manager: Frank Mitchell.

Liston als Amateur und Beginn der Profikarriere

Mit der Hilfe seines Trainers und Managers ist er schnell eine bekannte Größe im Amateurlager. Schon 1953 siegt er bei den Golden Gloves, dem bekanntesten Amateurturnier in den Staaten. Wenig später wird er erstmals  US-Meister der Amateure im Schwergewicht. Noch im selben Jahr wechselt er zu den  Profis. Im Debütkampf siegt er am 02. September 1953 in St. Louis gegen  Don Smith in der ersten Runde mit einem überlegenen TKO. Es folgen weitere sechs, meist vorzeitige Siege. Bis er im Juli 1954 auf Marty Marshall in Detroit im Bundesstaat Michigan trifft. Berichtet wird, dass Marshall im Ring gewitzelt habe und Liston darauf eingegangen sei. Jedenfalls ist er sorglos, bis ihn eine Rechte Marshalls in der vierten Runde am Kinn triff und seinen Kieferknochen bricht. Liston versucht, den Kampf noch zu gewinnen, scheitert aber. Nach acht Runden verliert er nach Punkten. Kolportiert wird, dass er sich nach diesem Kampf  schwor, einen Kampf niemals mehr als Spaß zu verstehen. Fast ein Jahr später, im April 1955, sieht es ganz anders aus. Wiederum in St. Louis. Vier Mal liegt Marshall in der vierten Runde am Boden, ein Mal in Runde 5 bis „Neun“, drei Mal in der 6. Runde. Liston siegt überlegen durch TKO. In einem weiteren Kampf schlägt er Marshall hoch nach Punkten. Schon zu diesem Zeitpunkt hat sich Sonny unter die Fittiche von Frankie Carbo gegeben, einem damals in der Boxwelt gefürchteten Mafioso, der die Szene in den 1950ern an sich gerissen hat.

Der Weg zum Titel

Liston wird zielgerichtet und in systematischer Manier an einen Titelkampf im Schwergewicht herangeführt. Nach seiner Niederlage gegen Marshall verliert er keinen Kampf mehr, siegt in einer Reihe von Aufbaukämpfen nur in wenigen Fällen durch Punktentscheid, meistens aber kurzrundig durch KO oder technischen Knockout. 1956 wird sein Aufstieg jäh gestoppt, als er einen Polizisten bei einer Kontrolle niederschlägt und wiederum im Gefängnis landet. Nach der Ring-Rückkehr trifft er bald auf bekanntere Gegner. Am 15. April 1959 steht er im Kampf gegen Cleveland Williams, einem Schwergewichtler, der bis dahin nur zwei Niederlagen hinnehmen musste und zum erweiterten Kreis der Weltklasse zählt. Williams ist auch durch ein ziemlich sonderbares Verhalten bekannt. Er glaubt tatsächlich an Zauber- und Hexenwerk. Bei einem vorgesehenen Kampf gegen den britischen Schwergewichtler Dick Richardson, der  später gegen Hans Kalbfell Europameister im Schwergewicht werden sollte, verweigert er sich, weil er angeblich vor Kampfbeginn eine „Eingebung“ gehabt habe. Der Skandal ist da, aber Cleveland Williams bleibt bei der Weigerung. Im ersten Kampf im April 1959 siegt Liston nach zwei Niederschlägen in der dritten Runde durch TKO. Der zweite Fight, der ein Jahr später stattfindet, beginnt für Williams scheinbar verheißungsvoll. Er trifft Liston in der ersten Runde hart in der Gesichtspartie. Resultat: Liston blutet stark aus der Nase, steckt den Schlag aber weg und wird äußerst aggressiv. Er deckt Williams mit einem Schlaghagel ein, setzt dies in der zweiten und dritten Runde fort. Cleveland ist  zwei Mal  am Boden, und Liston siegt überlegen mit einem TKO. Dazwischen hatte er dem deutschen Schwergewichtler, den Berliner William Besmanoff, nach  sieben von 10 Runden keine Chance gegeben.

Der „Hässliche Bär“

In den USA wird er von vielen „Hässlicher Bär“ gerufen. In der breiten weißen Öffentlichkeit ist er als „böser Nigger“, der kompromisslos und ohne jedes mediale Entgegenkommen seinen Weg geht, nicht nur unbeliebt, sondern oft genug verhasst.  Bei den Kennern und Fans des Boxsports sieht das zu einem nicht geringen Teil anders aus.  Hier werden seine boxerische, seine kämpferische Leistung und seine brutale Schlaghärte hervorgehoben, die ihn nach dieser Ansicht zu einem Großen der Boxgeschichte machen. Die Ereignisse in der Jugend, seine kriminellen Beziehungen spielen dort eine eher untergeordnete Rolle.   Der britische Sportjournalist John Cottrell bezeichnete Liston mal als „King Kong“ der Schwergewichtler, der mit todbringenden Schlägen gnadenlos auf seine Gegner eindrischt. Mit Fäusten, die individuell auf ihre überdimensionale Größe gefertigte Handschuhe brauchten.  Vielleicht ist es eine solche Einschätzung, die auf viele eine Faszination ausübt.

Man wartete andererseits auf einen, der diesen Bär bezwingen konnte. Der aus demselben Boxstall wie Cleveland Williams stammende texanische Schwergewichtler Roy Harris, ein Lehrer, der als weiße Hoffnung aus den südlichen US-Staaten gesehen wird, tritt am 25. April 1960 gegen Liston an. Harris hatte immerhin gegen den Weltmeister, Floyd Patterson, in einem Titelkampf gestanden. Patterson war sogar kurz am  Boden, bevor er Harris zur Aufgabe zwingen konnte. Im Kampf gegen Liston begeht er schwere taktische Fehler. Obwohl er schnellere Beine als Liston hat, bietet er sich ihm dauernd im direkten Duell an. Damit setzt er sich dessen Hammerschlägen aus. Drei Mal ist Harris in der ersten Runde am Boden, den letzten Niederschlag verdaut er nicht mehr.

Nach weiteren Siegen gegen die Weltranglisten-Schwergewichtler Zora Folley und Eddie Machen sowie einem Erstrunden-KO gegen den ehemaligen deutschen Schwergewichtsmeister Albert Westphal, der  mit seinen 1,71 m Größe und 88 kg schon körperlich weit unterlegen erscheint,  ist er der unumstrittene Herausforderer des Weltmeisters. Floyd Patterson bleibt nichts anderes übrig, als seinen Titel gegen Liston zu verteidigen.

Weltmeister im Schwergewicht

Patterson, der Weltmeister im Schwergewicht, durch einen KO über Ingemar Johansson im Rematch und auch in einem dritten Kampf gegen Johansson vorzeitig erfolgreich, ist  der erste Titelträger, der das „They never come back“ durchbrach. Er hat lange gezögert, eher er die Herausforderung annimmt. Manche behaupten, Patterson habe sich vor Liston wegen dessen brutaler Schlagstärke gefürchtet bzw. sei vor einem Kampf mit Liston zurückgeschreckt. Das Management Pattersons gibt kund, man lehne eine Titelverteidigung gegen Liston ab, weil er Kontakte mit Gruppen mafiösen Zuschnitts unterhalte.   Patterson selbst rechnet sich natürlich Chancen aus, Liston zu schlagen,  vor allem wegen seines überzeugenden technischen Könnens und der schnelleren Beine und Hände. Vor dem Kampf gegen Liston will er sich noch selbst prüfen und Selbstvertrauen tanken. Er nimmt sich den jungen Tommy McNeeley als Gegner, der aus Irland stammt und bislang ungeschlagen ist. Dessen Gegner waren aber bis dahin eher zweitklassig gewesen. McNeeley ist größer und vier Kilogramm schwerer als Patterson. Im kanadischen Toronto steigt der Kampf am 4. Dezember 1961. Kurz nach Freigabe des Kampfes liegt er flach. Dann versucht es der Ire mit häufigen Kopfstößen, bleibt aber chancenlos. Elf Mal sucht er den Ringbelag auf, ehe er in der vierten Runde ausgezählt wird. Während dieser Veranstaltung wird auf einer Leinwand der Kampf Liston vs. Westphal gezeigt, der zur gleichen Zeit über die Bühne geht (s.o.).

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Die Auseinandersetzung Patterson vs. Liston wird in den USA als Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ wahrgenommen. Auf der einen Seite steht Patterson, der für den „guten“ Schwarzen steht, angepasst, nicht aufmüpfig, immer freundlich, von manchen gar als „devot“ und „unterwürfig“ beschrieben. Auf der anderen Seite sieht man Sonny Liston. Einen, der von Freundlichkeit nichts hält, der kompromisslos ist, der sich nie angepasst hat, der verbissen seinen Weg geht und aus einer kriminellen Szene kommt. Natürlich ist die Mehrheit des weißen Publikums auf der Seite des „guten“ Patterson.

Der Titelkampf um die Schwergewichtskrone  findet am 25. September 1962 im Comiskey Park von Chicago bringt eine Rekordeinnahme von über vier Millionen Dollar aus dem Verkauf der Eintrittskarten und den Medienrechten. Liston ist durch seine vielen vorzeitigen Siege deutlicher Favorit; die Wetten stehen bei  7:1 zugunsten des Herausforderers.  Liston (96,6 kg) ist um die zehn Kilogramm schwerer als Patterson; die Reichweite übersteigt die seines Gegners um 30 cm. Im Kampf wirkt das, was Patterson zunächst zeigt, sehr zurückhaltend und vorsichtig, Liston dagegen ist besondere im Nahkampf aggressiver und mit mehreren Händen erfolgreich. Er gestaltet den Fight und will eine schnelle Entscheidung. Mit einem Linkshaken und einer schnell folgenden brutalen Rechten, worauf die nächste Linke folgt, geht Patterson zu Boden und bleibt über die Zeit dort. Er versucht, aufzustehen, ist aber nicht kampffähig.  KO-Sieger in Runde eins, neuer Weltmeister im Schwergewicht: Sonny Liston. Berichtet wird, dass Patterson „mit falschem Bart“ aus dem Comiskey Park flüchtet. Er schwört sich, so sagen seine Betreuer, nur noch für das Rematch zu leben.

Rematch vs. Patterson

Nach fast neun Monaten findet der Rückkampf statt, in dem Patterson versucht, zum zweiten Mal das „They never come back“ zu kippen. Der für den 22. Juni 1963 angesetzte Kampf findet nun in Las Vegas statt. Die Manager können sich die Hände reiben, denn die gesamten Einnahmen betragen, obwohl nur 8.000 Zuschauer im Convention Center  live dabei sind,  durch das Medieninteresse umgerechnet rund 20 Millionen DM. So hohe Einnahmen werden erst wieder beim Megakampf Frazier vs. Ali im Jahre 1971 übertroffen. Als Gage für beide Kontrahenten bleiben umgerechnet  je ca. fünf Millionen DM übrig. Im Kampf lässt Liston von Beginn an erkennen, dass er der Chef im Ring ist. Wiederum ist Patterson sehr vorsichtig und scheint von der Stärke Listons nahezu paralysiert zu sein. Der langt schon fast mit dem Eingangsgong kräftig zu, und bereits in den ersten Sekunden des Kampfes ist Patterson am Boden. Das Zählen verzögert sich, weil Liston zunächst in die neutrale Ecke geschickt werden muss. Bei „Drei“ ist Patterson kampfbereit, aber Liston will Schluss machen, deckt den Herausforderer mit brutalen Schlägen ein, so dass der wieder den Boden aufsucht. Noch einmal kommt er nach oben, wird aber wiederum mit einer Rechten abgefangen. Das ist das Ende. Liston bleibt Schwergewichtsweltmeister.

Die Herausforderung durch Cassius Clay / Muhammad Ali

Für viele ist klar, dass Liston wie weiland Joe Louis ein Jahrzehnt das Schwergewicht bestimmen wird und nicht zu schlagen ist. Keinem der damaligen Schwergewichtler der Weltklasse wird eine Chance eingeräumt. Und dennoch ist da einer, der ununterbrochen davon spricht, dem „Hässlichen Bären“ den Titel wegzunehmen. Keine Gelegenheit lässt er aus, Liston zu provozieren, damit der ihn als Herausforderer annimmt. In seiner Autobiographie beschreibt er, wie er sogar in der Nacht mit einer Gruppe Helfer vor dem Haus von Liston aufgekreuzt sei und ihn lauthals aufgefordert habe, sich ihm endlich zu stellen. Es ist Cassius Clay, der damals von den Medien als „Großmaul“ gesehen wird. Andererseits hatte Clay, der spätere Muhammad Ali, eine Serie erfolgreicher Kämpfe vorzuweisen. Bei vielen Kämpfen hatte er schon im Vorfeld die genaue Rundenzahl angegeben, in der sein Gegner fallen würde und damit Recht behalten. Bekannt war er zunächst  durch seinen Olympiasieg im Halbschwergewicht bei den Spielen in Rom 1960. Danach hatte er an die zwanzig Kämpfe siegreich beendet, bei fünfzehn davon zutreffend die Runde  angesagt, in der er durch KO siegen und der Gegner fallen würde. Im letzten Kampf vor dem Titelfight hatte er Henry Cooper, den späteren Europameister im Schwergewicht,  zwar in der fünften Runde wegen eines schweren Cuts an Coopers Augenbrauen zur Aufgabe durch den Ringrichter gezwungen. Clay war aber selbst in der vierten am Boden und konnte wahrscheinlich nur durch den Gong die Runde überstehen, zumal die Pause wegen eines Risses im Handschuh, den sein Trainer Angelo Dundee „gemerkt“ hatte, verlängert wurde.

Die Sensation

Für den Titelkampf hatte Ali die achte Runde benannt, in der Liston „fallen“ würde. Liston dagegen will Clay das „Großmaul stopfen“. Im sicheren Gefühl, den Kampf problemlos zu überstehen, hatte er Clay unterschätzt und es, wie berichtet wird,  an der Ernsthaftigkeit im Training mangeln lassen, weil er glaubt, den Herausforderer kurzrundig  besiegen zu können.  In einer Pressekonferenz kurz vor dem Fight wird das Ballyhoo für das Ereignis auf die Spitze getrieben. Die Kontrahenten schienen schon vor dem offiziellen Kampf ihre Gegensätze mit den Fäusten austragen zu wollen. Ebenso beim Wiegen: Ali, damals noch offiziell Clay, erlitt einen fast hysterischen Anfall, und der ärztliche Dienst wollte den Kampf absagen, weil bei Ali ein zu hoher Puls ermittelt wurde. Dennoch wird der Kampf dann freigegeben. Beide unterscheiden sich hinsichtlich ihres Gewichts und auch der Reichweite kaum. Allerdings misst Clay hinsichtlich der Körpergröße etwa sechs bis sieben Zentimeter mehr als der Weltmeister.

In Miami Beach, am Abend des 25. Februar 1964, stehen sie sich gegenüber. Und die Zuschauer trauen ihren Augen nicht. Sie sehen einen Cassius Clay, der mit schnellen Händen und tanzenden Beinen und fast eleganten Bewegungen respektlos um den wie üblich aufrecht kämpfenden und etwas hüftsteifen Bären herumsteppt. Man sieht, wie Liston immer wütender wird, weil er den Herausforderer einfach nicht wirklich stellen kann, fast so, wie Ali bzw. Clay vorausgesagt hat, dass er nämlich gar nicht getroffen werde, wenn er gegen Liston antritt. Nur zu Beginn gelingen Liston einige zählbare Treffer. Ab der vierten Runde zeichnen sich die Schläge in Listons Gesicht ab. Clay wird nur einmal härter am Kinn getroffen, aber ohne sichtbare Wirkung. Noch einmal versucht Liston, Clay an den Seilen zu stellen und ihm das Aus zu bereiten. Der kommt in arge Bedrängnis, aber übersteht die Runde. Eine Runde später, in der sechsten, ist er aber wieder da, wenn auch Liston fast schon mitleidserregend versucht, Clay durch Schläge an den Körper härter zu treffen. Es gelingt nicht. In der Pause zur siebten Runde bleibt er auf seinem Schemel sitzen. Und hat den Kampf verloren. Neuer Schwergewichtsweltmeister: Cassius Clay. Eine Sensation, wie es sie selten in der Boxgeschichte gegeben hat. Liston wird die Börse zunächst verweigert, bis er ärztlicherseits eine Schulterverletzung nachweisen kann.   

Rematch gegen Muhammad Ali

Kurz nach dem Titelkampf hatte Cassius Clay seinen „Sklavennamen“ auf Muhammad Ali  wegen seiner Mitgliedschaft zur „Nation Of Islam“ ändern lassen. In den USA wird die Namensänderung von einem Teil als reine Show abgetan und nicht ernst genommen. Andere lehnen Ali wegen seines Religionswechsels strikt ab und beginnen, den ungeliebten Weltmeister, Sonny Liston, als Verteidiger überkommener Werte zu sehen. Liston ist im Grunde ohne tieferes Verständnis für die damals aktuellen Probleme der Schwarzen und damit eher unpolitisch geblieben, während Ali  den radikalen Kampf der Schwarzen im Sinne Malcom X um Gleichberechtigung nachdrücklich stützt.    Nach mehr als einem Jahr wird der Rückkampf am 25. Mai 1965 in Lewiston im Bundesstaat Maine ausgetragen. Die St. Dominic’s Hall  ist eine recht kleine Halle, die nicht mehr als ca. 2500 Zuschauer fasst. Dennoch rechnet sich der Kampf, denn weltweit sitzen Millionen vor den Fernsehschirmen. Von Beginn an provoziert Ali den nunmehrigen Herausforderer, redet dauernd auf ihn ein, damit Liston seine boxerische Linie verlässt  und zu aggressiveren Angriffen verleitet wird. Plötzlich schießt Ali eine Rechte heraus, und Liston fällt, wie vom Blitz getroffen, um. Legendär ist es, was dann passiert: Er stellt sich über Liston auf, beugt sich über ihn und brüllt: „Steh endlich auf, du hässlicher Bär“. Jersey Joe Walcott, der Exweltmeister und Ringrichter, fordert Ali auf, die neutrale Ecke aufzusuchen. Da ist Liston wieder auf den Beinen und will weiter kämpfen. Bis aus der Ecke Alis zu hören ist: Der Kampf ist beendet. Walcott wendet sich an den Zeitnehmer. Und der gibt zu verstehen, dass Liston, der Herausforderer, sich bis „Zwölf“ auf dem Ringbelag befunden habe. Der Kampf ist aus. Muhammad Ali bleibt Weltmeister im Schwergewicht. Mit lauten Proteststürmen und Schieberrufen werden die Kämpfer vom Publikum verabschiedet.

Das Problem: Wirklich wahrgenommen hatte den Entscheidungsschlag kaum jemand. Vielfach wurde daher von einem „Phantomschlag“ gesprochen.  Ein Teil ist der Meinung,  der Kampfausgang sei das Ergebnis einer Schiebung gewesen. Der andere geht davon aus, dass es ein vernichtender Schlag gegen die Halsschlagader Listons gewesen sei, wieder andere sehen Alis kurze Rechte am Kinn Listons, aber nicht wirksam genug, dass darauf eine vorzeitige Niederlage hätte resultieren können.  Patterson, der am Ring sitzt, gibt zu Protokoll, dass es „die beste Rechte gewesen sei, die je geschlagen worden ist“. Ali selbst meint in seiner Biographie, auf Schiebung angesprochen, dass es niemals einen WM-Kampf gegeben habe, der weniger auf Schiebung beruht habe, als diesen. Spätere Analysen über Filmaufnahmen und Fotos zeigen, dass Liston in der Tat  einen schweren Kiefertreffer hinnehmen musste, weil bereits kurz nach dem Niederschlag, während des Hinstürzens und vor der Bodenberührung, sichtbar wurde, dass seine Muskulatur schon erschlafft gewesen sei, was ziemlich eindeutig auf Bewusstlosigkeit schließen lässt. Bis zum heutigen Tage ist es die schnellste vorzeitige Niederlage eines  Exweltmeisters im Titelkampf.

Nach dem Titelverlust: Das Ende

Mit der Karriere Listons ist es nach der zweimaligen Niederlage gegen Ali im Grunde vorbei. Er versucht, ein Comeback zu starten und beginnt am 01. Juli 1966 mit einem KO-Sieg in Stockholm gegen Gerhard Zech, der nur wenige Monate zuvor Deutscher Schwergewichtsmeister geworden war. Bis zum April 1967 sieht man ihn in Schweden, wo er dort alle Kämpfe vorzeitig gewinnen kann. Auch die darauf folgenden Fights in den USA beendet er alle mit vorzeitigen Siegen, bis er in Las Vegas im Juni 1969 auf Leotis Martin trifft, der ihn in der neunten Runde ausknockt. Der Kampf zog aber seine eigene Tragödie nach sich: Martin ist  danach nie wieder im Ring gesehen worden, weil er während des Kampfes eine so schwere Augenverletzung erlitt, dass er den Boxsport nicht mehr betreiben konnte. Seinen letzten Kampf bestreitet Liston am 29.06.1970 in New Jersey gegen Chuck Wepner und siegt in der neunten Runde vorzeitig. Trotz der Erfolge, auch gegen ernstzunehmende Gegner, ist ihm eine Chance auf einen erneuten Titelfight  nie wieder ermöglicht worden.

In seiner Karriere bestritt er insgesamt 54 Profikämpfe, siegte in fünfzig, 39 davon durch KO. Vier Niederlagen sind registriert.

Wenige Monate nach seinem letzten Kampf, am 30. Dezember 1970, verstirbt Sonny Liston in Las Vegas. Er wurde nur 38 Jahre alt. Sein Tod ist bis heute nicht aufgeklärt. Dass die Todesursache im Drogenkonsum liege, wurde zwar vielfach behauptet, aber niemals verifiziert.

Fazit und Versuch einer Würdigung

Dass Liston und sein Management mit der organisierten Kriminalität in den USA verknüpft waren, erscheint  seit langem nachgewiesen. Unbestritten ist auch, dass er einer beim breiten Publikum unbeliebtesten, zum Teil sogar verhasstesten Titelträger im Schwergewicht gewesen ist. Wie oben schon angesprochen, gilt dies aber erheblich weniger für die Anhänger des Boxsports, für die eingefleischten Fans der Schwergewichtsszene, bei denen er überwiegend zumindest Respekt genoss und bei denen seine kriminelle Vergangenheit, die bis in seine aktive Zeit hineinreichte, kaum eine Rolle spielte. Hier wurden seine boxerische und kämpferische Leistung,  seine ungeheure, brutale Schlagkraft geschätzt, die  bis heute legendär ist. Wenn man ihn insgesamt in der Boxgeschichte der Schwergewichtsweltmeister einordnen will, kann man ihm Größe nicht absprechen.  Nicht zu Unrecht wird Sonny Liston in der computergestützten Alltime-Rangliste der Schwergewichte an vierzehnter Stelle geführt, knapp hinter Joe Frazier, aber vor Baer, Johansson, Foreman und Mike Tyson.

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22 Kommentare

  1. Mr. Wrong
    17. Februar 2012 at 22:20 —

    the hardest jab in boxing history!

  2. ACTION#1
    17. Februar 2012 at 23:08 —

    gibt ne gute doku über sonny liston mit dem titel: “sonny liston:the champ nobody wanted”…

    kann ich jedem nur ans herz legen…

  3. Shannon Arreola
    17. Februar 2012 at 23:12 —

    In these Days a Guy called Double – D – Kobra Charr jabs as hard as Liston had done! Congratulations to the Kobra!

  4. Shannon Arreola
    17. Februar 2012 at 23:27 —

    “The Kobra Charr – the undefeated Jab – Champ” tolle Biographie, Parallelen zu Liston, Kontakte zur Halbwelt, vom einfachen, unkundigen Boxpublikum verschmäht, von den Boxexperten hochgeschätzt.

  5. Rock
    17. Februar 2012 at 23:30 —

    @Paul
    Cooler Artikel
    Was boxerisch außergewöhnlich bei Liston war, ist ja seine Reichweite. 2.13cm bei gerade mal 1.84m Körpergröße. Also eine um 5cm größere Reichweite als z.B. Wladimir Klitschko. Ein extrem guter Jabber. Es konnte ja kaum jemand so hart zuschlagen wie er, am ehesten wohl noch sein Sparringspartner Foreman. Sonny Liston ist auf jeden Fall einer meiner Lieblingsboxer, der Typ war richtig gut.

  6. matthias
    17. Februar 2012 at 23:55 —

    Foreman konnte noch härter zuschlagen und earnie shavers hatte die größte Schlagkraft liston belegt den 3 Platz hinter foreman und shavers

  7. Rock
    18. Februar 2012 at 00:02 —

    @matthias
    Habe ein Interview mit Foreman gesehen, wo er sagt, dass Gerry Cooney am härtesten zugeschlagen hat. Gegen Shavers hat er aber nie geboxt. Laut Ali war Shavers nach Frazier der härteste Puncher. Ich denke mal, die genannten spielen alle ungefähr in einer Liga. Ron Lyle kommt auch noch dazu. Sein Kampf mit Foreman ist der Hammer.

  8. matthias
    18. Februar 2012 at 00:06 —

    aber die Reichweite von 2.13cm ist echt viel für ein 184cm wie kann das sein hat der so lange arme gehabt Mike Tyson seine Reichweite beträgt dagegen nur 1.80cm

  9. Shlumpf!
    18. Februar 2012 at 00:35 —

    Die Reichweite nutzte er aber nicht so wie man es glauben könnte, er war eher ein Infighter

  10. Rock
    18. Februar 2012 at 00:35 —

    Das ist die offizielle Angabe bei Boxrec. Wenn man sich Fotos und Kämpfe von ihm ansieht kann man das auch bisschen erahnen. Er wird ja oft mit Tyson verglichen, aber boxerisch sind das ganz unterschiedliche Typen. Aber leider ist Liston auch einer von den Boxern, die ihr Talent nie ganz ausschöpfen konnten wegen verschiedener Geschichten. Er hat ja nicht mal Lesen und Schreiben gelernt.

  11. matthias
    18. Februar 2012 at 01:02 —

    die Reichweite ist trotzdem bei so einen kleinen boxer der Hammer valuev ist 213cm und hat nur 3cm Reichweite mehr mit 216cm

  12. Monk
    18. Februar 2012 at 01:31 —

    meine Reichweite ist auch etwas mehr wie meine Größe. Ich hatte mal eine Freundin die war ca 10cm kleiner wie ich, und wenn sie ihre Arme ausstreckte konnte ich gerade mal den Anfang ihrer Handflächen erreichen. Sie sah auch nicht verbaut aus oder so. Ich dachte zuerst nur, sie sei halt sehr schlank.
    Das kommt zwar eher selten vor, aber das gibt es defeniv. Paul Williams fällt mir da gerade ein, der ist auch 185cm hat aber 208cm Spannweite

  13. Han Anuk
    18. Februar 2012 at 01:59 —

    Super bericht,mehr Boxen geht nicht.

  14. Shlumpf!
    18. Februar 2012 at 10:42 —

    @Rock

    Hab mir jetzt noch mal den Kampf gegen Ali (den ersten) angesehen, da merkt man schon, dass seine Schläge eine erstaunliche Reichweite haben. Ali weicht ihnen auch deshalb seitwärts aus, und nicht rückwärts, wie er es sonst gerne tut.

  15. Paul
    18. Februar 2012 at 11:54 —

    Wenn ich Shannon mit seinen Hymnen auf DD-Kobra lese, krieg’ ich immer Langkrämpfe. Der macht mich völlig fertig. 🙂 🙂

  16. Paul
    18. Februar 2012 at 12:45 —

    @ Action

    Der Text, von dem Du schreibst, ist wirklich gut. Da hast Du völlig recht.

    @ Rock

    Das, was Du zur Reichweite Listons sagst, trifft’s.

  17. gutszy
    18. Februar 2012 at 14:02 —

    @ Paul
    nicht nur du, was meinst du was los ist, wenn DD-blindschleiche mal einen kampf gegen einen weltergewichter bekommt( gibt für ihn bestimmt eine ausnahme vom gewicht, wie sollen seine 2 fan`s sich sonst freuen)?

  18. ACTION#1
    18. Februar 2012 at 14:33 —

    @paul

    kennst du die doku??? ist echt gut,wer sie nicht kennt,die kann man sich bei youtube zb. ansehen..

    gibt auch noch eine:”sonny liston:the mysterious life and death of a champion”

    auch sehr empfehlenswert..

    hab mal beide rausgesucht,für leute die es nicht kennen..

    sonny liston:the champ nobody wanted: youtube.com/watch?v=SQP2slQmiaY

    sonny liston:the mysterious life and death of a champion: youtube.com/watch?v=Z3TKTEyHMgs

  19. matthias
    18. Februar 2012 at 15:23 —

    schade das es die dokus nur auf englisch gibt

  20. Paul
    18. Februar 2012 at 19:09 —

    @ Action

    Ich hatte mal reingeschaut; ist aber schon einige Zeit her.

    @ matthias

    Ich wüsste nicht, dass es dazu eine deutsche Übersetzung gäbe.

  21. sven ottke
    19. Februar 2012 at 01:42 —

    liston erinnert michh ein bisschen an den sandman konny airich

  22. Rudy
    9. März 2012 at 01:58 —

    Eins der spektakulärsten Boxfotos ist bei diesem Kampf entstanden.C.Clay herausfordernd auf den am boden liegenden Liston blickend!
    Apropos fotos,warum fehlen die hier völlig?? Das ist ja wie eine Suppe ohne Salz.

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