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So fing’s an: Boxen als Massensport im Deutschland der 1920er Jahre

Im Oktober 1927 findet ein Ereignis statt, das in Leipzig, aber nicht nur dort,  die Boxfans in Bewegung setzt: Der amtierende deutsche Mittelgewichtsmeister, Hein Domgörgen, trifft in der Sachsenmetropole  auf den frischgebackenen Europameister im Halbschwergewicht, den 22jährigen Max Schmeling. Domgörgen fordert den eine Gewichtsklasse höher einzustufenden Titelträger heraus, weil er wegen seiner überragenden Boxtechnik sicher ist, den sechs Jahre jüngeren und weniger  erfahrenen Schmeling  zu schlagen. Die Massen sind aber auch deswegen elektrisiert, weil sie über die besondere Brisanz des Kampfes informiert sind: Schmeling war in seiner Kölner Zeit Trainingspartner von Domgörgen, und der Trainer hatte den Mittelgewichtler deutlich als größeres Talent gesehen. Der Kampf endet mit einem schweren Knockout Domgörgens,  und er zeigt, wie sehr der Boxsport mittlerweile in Deutschland populär geworden ist. Domgörgen wie auch Schmeling haben daran großen Anteil.

Im Folgenden werden zunächst kurz die Anfänge des Profiboxens in Deutschland gestreift und dabei Joe Edwards vorgestellt, der als ein der frühen Pioniere des Boxsports in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg gilt. Dann werden in Kurzbiographien  drei Boxer vorgestellt, die daran mitgewirkt haben, dass der Profi-Boxsport sich in Deutschland  als Massenprodukt durchsetzen könnte. Es sind Otto Flint, der erste deutsche Schwergewichtsmeister, Hans Breitensträter, Paul Samson-Körner und der schon angesprochene Hein Domgörgen. Natürlich waren noch weitere Boxer am Aufstieg des deutschen Boxsports in den 1920er Jahren beteiligt, z.B. Ludwig Haymann, Rudi Wagener oder Franz Diener. Sie werden ggf. in nachfolgenden Artikeln gewürdigt. Insbesondere ist selbstverständlich in diesem Zusammenhang  Max Schmeling zu nennen,  dessen Biographie wurde aber bereits in einem gesonderten Artikel aufgegriffen (s. Kategorie Boxgeschichte).

Joe Edwards alias Paul Maschke

Vor dem Jahre 1908 gab es im kaiserlichen Deutschland bereits einige Ansätze, die auf eine Zukunft des Boxens hindeuteten. Schon im Jahre 1906 gründete sich in Köln der SC Colonia 06, der im Übrigen bis heute existiert und damit als der älteste noch aktive deutsche Boxclub gelten kann.

Als ein wichtiger früher Pionier des Boxsports in Deutschland  gilt Paul Maschke, einer der ersten deutschen Boxer, der diesen Sport  profimäßig ausübt bzw. sich damit seinen Lebensunterhalt verdient. Da in Deutschland der Boxsport zu dieser Zeit in vielen Gegenden durch Verbote gestoppt wird, geht Maschke ins Ausland, nach England, legt sich einen „Kampfnamen“ zu („Joe Edwards““)  und kommt 1907 in sein Heimatland zurück. Einem größeren Kreis bekannt wird er dann durch einen Kampf gegen den Jiu-Jitsu-Meister Edmond Vary, der sich als Franzose ausgibt, in Wirklichkeit aber Rumäne ist. Der Kampf im Zirkus Busch in Berlin soll in vier Runden im Rahmen des Varieté-Programms des Zirkus‘ ausgetragen werden.  Damals ging es um eine Frage, die viele heiß diskutierten: Welche Kampfart ist die effektivere: Boxen oder der asiatische Kampfsport Jiu Jitsu, der sich in dieser Zeit durchzusetzen scheint. Edwards ist ein Leichtgewichtler, ca. 61 kg schwer, und er beendet den Kampf ziemlich schnell: Immer, wenn Vary seine Griffe, z.B. Beinscheren vom Boden aus, ansetzen will, ist Edwards da und rammt ihm seine Faust ins Gesicht. Der Jiu-Jitsu-Kämpfer, der mit der entsprechenden „Kampfbekleidung“ angetreten ist,  hat während des gesamten Kampfes keine Chance und ist nach dem Fight deutlich gezeichnet.  Übrigens: Auch bei anderen Kämpfen dieser Art, die gar nicht selten in dieser Zeit ausgetragen werden, zeigen die Boxer eher ihre Überlegenheit und siegen meistens vorzeitig. Der anwesende Berliner Polizeichef beobachtet den Kampf, schreitet aber nicht ein.

Vary will wenig später eine Revanche, und er bekommt sie, fordert aber, dass dieses Mal beide Kämpfer in Straßenanzügen antreten sollen. Als sie in den Ring steigen, geht ein Raunen durchs Publikum: Vary scheint in der kurzen Zeit viel schwerer geworden zu sein, er tritt mit gewaltigen Schulterbergen auf, als habe er Muskelmasse antrainiert. Der Ringrichter prüft nach und entdeckt, dass der „Franzose“  sich mit Watteladungen ausstaffiert hat. Nachdem er davon „befreit“ ist und sozusagen schutzlos in den Kampf gehen muss,  wird er nach wenigen Minuten über die Zeit von Edwards umgehauen.

Jedenfalls haben diese Kämpfe dazu beigetragen, dass der Boxsport einem immer breiteren Publikum zugänglich gemacht wird  und dass ab dem Jahre 1908 die Verbote fallen, die den Boxsport in Deutschland aufhalten, zumal bereits ab dem Jahre 1904 ein Boxturnier bei den Olympischen Spielen in St. Louis über die Bühne geht. Schon bei den Olympischen Spielen des Altertums war Boxen im „Programm“: Seit 668 v.Chr. ist das Boxturnier  integraler Bestandteil der Spiele im alten Griechenland.

Im Jahre 1912, zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, sieht man Kaiser Wilhelm II. und einige seiner Söhne, wie sie eine Vorführung des englischen Profiboxers Jack Slim in Frankfurt/Main verfolgen. Der Kaisersohn Friedrich Karl ist so beeindruckt, dass er danach mit Erlaubnis des kaiserlichen Vaters ein Boxtraining beginnt. Die Wertschätzung des Boxens in der kaiserlichen Familie trägt  natürlich zusätzlich dazu bei, dass der Boxsport in Deutschland an Popularität zunehmen kann. Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa, insbesondere zu den britischen Inseln,  dauert es aber erheblich  länger, bis sich der Boxsport in Deutschland wirklich durchzusetzen vermag.

Nach dem Weltkrieg

Während und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sind viele deutsche Soldaten in den Internierungslagern in England vom Boxsport infiziert  und haben auch dort auch Trainingsprogramme absolvieren können. Auf der Isle of Man, auf der viele deutsche Marinesoldaten interniert sind, ist Sport, insbesondere aber auch Boxen, groß geschrieben. Breitensträter berichtet in seiner Autobiographie, dass dort beste Trainingsbedingungen herrschten. Deutsche Gefangene können gegen bekannte englische und amerikanische Boxgrößen der Armee antreten.  Als die Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkehren, zeigt sich, dass sie durchaus mit der  mittlerweile in Deutschland entstandenen Kampfszene nicht nur mithalten können, sondern sich sogar nicht selten überlegen zeigen.  Jedenfalls ist der Boxsport  als eine der Nachwirkungen der Weltkriegs-Niederlage überall in Deutschland nun anerkannt. Die amerikanischen Soldaten tragen im heutigen Rheinland-Pfalz Armeewettkämpfe aus, bei denen auch deutsches Publikum, insbesondere natürlich ehemalige deutsche Soldaten, anwesend sind und mitwirken. Die Soldaten, die auf der Isle of Man trainiert und den Boxsport erstmals kennengelernt und ausgeübt haben, messen sich mit den in Deutschland verbliebenen Boxern.  Ab dem Jahre 1912 werden zudem auch erstmals Versuche im Deutschen Reich erkennbar, die verschiedenen Ansätze und entstandenen Gruppierungen im  deutschen Boxsport in angemessene und feste Organisationsformen überzuführen.  

 Otto Flint, der erste deutsche Schwergewichtsmeister

Flint ist im Grunde nicht als Schwergewichtler einzuordnen, zumindest nicht nach heutigen Maßstäben. Eher könnte er als Mittelgewichtler durchgehen.  Nur bei seinen späteren Kämpfen kommt er geringfügig  über 85 kg. Flint wird am 01. März 1893 in Hamburg geboren und stirbt am 21.08.1964. 1911 wird er „Deutscher Meister“ im Mittelgewicht, allerdings natürlich inoffiziell, und verteidigt diesen Titel im August 1912 gegen Carl Schmidt durch KO in der 2. Runde. Einem größeren Publikum wird er schon als 19jähriger bekannt, als er 1913  in Berlin den US-Boy Kid Johnson durch TKO (Abbruch) besiegt. Am 13.08.1919 wird Otto Flint der erste (inoffizielle) deutsche Schwergewichtsmeister. Er knockt Willi Metz in Berlin in der fünften Runde aus. Bereits zwei Monate später verteidigte er diesen Titel gegen Hans Breitensträter. Man kann den 04. Oktober 1919 als offizielles Datum der Austragung der ersten deutschen Schwergewichtsmeisterschaft sehen. Flint siegt in 15 Runden nach Punkten. Ein Jahr später, am 23.04.1920, schlägt aber Breitensträter Flint in der fünften Runde KO und erobert  sich damit den deutscher Schwergewichtstitel. Mit diesem Sieg findet ein Wachwechsel im deutschen Profiboxen statt, der Stern des Hans Breitensträter geht auf und überstrahlt die deutsche Boxszene.

Bis 1923 sieht man Flint im Ring. In seinem letzten Kampf besiegt er in der ungarischen Hauptstadt Budapest Werner Romberg durch KO in der vierten Runde. In seiner Karriere sind offiziell 64 Kämpfe ausgewiesen, von denen er 51 siegreich beendet (44 durch KO). 12 Niederlagen und ein Unentschieden sind registriert. Otto Flint kann man als einen der Pioniere des deutschen Boxsports sehen, der gewiss dazu beigetragen hat, dass sich das Profiboxen im Deutschland der Nachkriegszeit auch als Massensport durchsetzen konnte.  

Hans Breitensträter, der erste deutsche Boxstar

Nur noch wenige können mit seinem Namen etwas anfangen, dabei ist er in den 1920ern der erste Profiboxer, der zu den umjubelten Sportlern im Deutschland der Nachkriegszeit zählt. Dass er auch weltweit zu den damals besten Schwergewichtlern zu rechnen ist, ist nicht zu Unrecht behauptet worden.  Allerdings ist es ihm bis 1924 nicht möglich, bei internationalen Boxveranstaltungen aufzutreten, weil als Folge des verlorenen Weltkrieges  nach dem Versailler Vertrag es deutschen Boxern bis zu diesem Zeitpunkt nicht gestattet ist, an internationalen Meisterschaften teilzunehmen. Auch bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen und 1924 in Paris  bleibt Deutschland von der Teilnahme, und damit natürlich auch vom Boxturnier, ausgeschlossen.

Hans Breitensträter wird am 09. Februar 1897 in Hecklingen, in Sachsen-Anhalt, geboren. Zunächst sieht man ihn als Schiffsjungen auf den Weltmeeren unterwegs. Auf einer Überfahrt nach Australien kommt er  mit dem Boxen und ersten „Trainingsstunden“ in Berührung und stellt  sich  dem Kapitän des Schiffes in einem Kampf, sofern man seinen autobiographischen Angaben Glauben schenken darf. Als der Weltkrieg in Europa ausbricht, hält er sich auf seinem Schiff in den Vereinigten Staaten auf und schifft sich auf der Stelle nach Deutschland ein, um sich der kaiserlichen Marine anzuschließen. Schon auf der Überfahrt wird sein Schiff von einem englischen Kriegsschiff geentert. Mit den anderen deutschen Besatzungsmitgliedern kommt er in ein englisches Internierungslager auf der Isle of Man, nach dem Ort Knockaloe.    

Er gehört zu den Kriegsgefangenen auf der Isle of Man, die im Internierungslager mit dem Boxen in Berührung kommen und die dort für die damalige Zeit hervorragende Trainingsbedingungen vorfinden. Es gibt genügend Boxhandschuhe; auch moderneres Trainingsgerät ist vorhanden.  In seiner Biographie beschreibt er seine Gefangenschaft als eine herrliche Zeit für sportliche Betätigungen, mit denen die Zeit totgeschlagen wird. Insbesondere das Boxen wird von den deutschen Internierten sozusagen „entdeckt“. Zum Lagerpersonal zählen nach den Berichten von Breitensträter auch einige bekannte englische Armeeboxer, wie der britische Leichtgewichtler Fitzpatrick, aber auch der amerikanische Marinemeister Browning. Dem US-Marine-Soldaten gelingt es, einen Kampf mit Breitensträter anzusetzen. Breitensträter schreibt, dass er sich auf diesen Kampf wochenlang vorbereitet. Er beginnt den Tag fürs Training einzuteilen, läuft schon am frühen Morgen eine längere Strecke und startet sogar in Ansätzen ein Sparring-Training. Als es zum Kampf mit Charley Browning kommt, ist er gut vorbereitet und knockt  den Amerikaner nach wenigen Runden aus. Weitere Kämpfe auf der Insel folgen, von denen allerdings wenige dokumentiert sind. Der Kampf gegen seinen Kriegsgefangenenkameraden Adolf Wiegert in Knockaloe am 30. Juli 1919 ist als offizieller Kampf in seiner Karriere registriert. Er siegt durch TKO in der vierten Runde.  

Im historischen Rückblick kann man davon ausgehen, dass die Internierung der deutschen Soldaten auf der Isle of Man für die Entwicklung des Boxsports in Deutschland einen großen Schub gebracht hat. denn neben Breitensträter sind es auch viele andere ehemalige Kriegsgefangene, die die Idee des Boxens und die Leidenschaft dazu in ihrem Gepäck bei der Rückkehr nach Deutschland mitführen. Als Breitensträter sich nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft  in Deutschland durchschlagen muss, in einer Zeit, in der verbreitet  Mangel, auch Hunger herrscht, sieht er in Berlin, wohin es ihn 1919 verschlagen hat, einige seiner ehemaligen Kameraden wieder. Im Zirkus Busch werden Boxveranstaltungen angeboten, die ins  Gesamtprogramm der Varieté-Nummern eingegliedert sind.

Im gleichen Jahr fordert er den deutschen Schwergewichtsmeister Otto Flint zum Titelkampf heraus – und verliert ihn nach Punkten. Ein halbes Jahr später, es ist der 23. April 1920, kommt es, wiederum im Zirkus Busch zu Berlin,  zu einem Refight. Und endlich siegt Breitensträter durch einen KO in der fünften Runde. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass damit eine neue Ära des deutschen Profiboxsports beginnt. Breitensträter ist beim Publikum überaus beliebt, kommt nach damaligen Maßstäben „attraktiv“ rüber und wirkt, wenn man den Presseberichten der Zeit Glauben schenken soll, besonders auf viele Frauen anziehend. Sein Angriffsstil  im Ring kommt darüber hinaus bei den Zuschauern an. In der Presse, nicht nur im Sportteil, wird über sein Privatleben, über sein Geigenspiel oder seine Plüschtiere berichtet. Breitensträter kann in der Rückschau vielleicht als einer der ersten reichsweit bekannten Sportstars in Deutschland bezeichnet werden.

Drei Mal gegen Samson-Körner

Den deutschen Schwergewichts-Meistertitel trägt er bis 1924. Dann trifft er im Berliner Sportpalast am 29. Februar 1924 auf Paul Samson-Körner. In einem Nicht-Titelkampf hat ihn Samson-Körner bereits im November 1922 in der neunten Runde durch TKO besiegt.  Auch im zweiten Kampf kann er ihn  nicht bezwingen. Nach fünf Runden liegt Breitensträter im Ringstaub. Seinen deutschen Meistertitel im Schwergewicht ist er los.

Nach einer Reihe von Siegen, die meisten vorzeitig, kommt es am 11. September 1925 zum dritten Aufeinandertreffen. Dieses Mal findet der Kampf in der Kaiserdamm-Arena in Berlin-Charlottenburg statt. Die Erwartungen der Massen für diesen Kampf sind riesengroß. Die Halle platzt aus allen Nähten, mindestens das Doppelte der 16.000 Zuschauer, die hineinpassen, wäre möglich gewesen. Breitensträter ist der größere Mann (1,85 m) mit der größeren Reichweite.  Er ist der deutlich populärere Boxer, der mit dem Carmen-Marsch in den Ring geleitet wird. Samson-Körner ist der erfahrenere Boxer, der in den USA bereits viele Kämpfe durchstanden hat (siehe weiter unten). Die Kampfstile unterscheiden sich durchaus: Breitensträter steht unmittelbar vor dem Gegner und wartet, bis er eine Gelegenheit finden kann, seine gute Rechte anzusetzen. Samson-Körner hat in den USA eher den amerikanischen Stil angenommen. Er bewegt sich tänzelnd, will Gegentreffer durch Abducken und seitwärts gehende, pendelartige Bewegungen vermeiden. Seine Deckung wirkt auf die Beobachter wenig zuverlässig. Nach drei wenig aktiven Runden gelingt es Breitensträter, mit einem harten Rechtshaken Samson-Körner zu Boden zu schlagen. Der Meister kommt auf die Knie, da ist Breitensträter bei ihm und drischt auf  den sich auf den Knien befindlichen Samson-Körner ein. Ein schweres Foul, doch es wird nur durch eine Verwarnung geahndet, weil Samson-Körner nicht auf Disqualifikation des Gegners aus ist. Er steht wieder auf und versucht es weiter.  In Runde fünf bricht eine alte Augenverletzung von Breitensträter auf. Die stark blutende Wunde behindert ihn während der gesamten Restzeit des Kampfes. In der siebten Runde wird Samson-Körner von einer schweren Rechte Breitensträters am Hals getroffen, bei acht ist er wieder oben und wird sofort wieder niedergeschlagen. Insgesamt muss Samson-Körner an die sieben Mal den Ringboden aufsuchen. Das setzt sich in der achten fort. Breitensträter kann aber den finalen Schlag nicht setzen, und Samson-Körner hat in den amerikanischen Ringen gelernt, wie ein fast aussichtsloser Kampf noch durchgestanden werden kann. In der neunten Runde kommt Samson-Körner noch mal zurück und schlägt wild auf den Herausforderer ein. In der zwölften Runde muss Breitensträter sogar zu Boden. In der letzten Runde setzt Samson-Körner noch mal seine verbliebenen Kräfte ein, um den Herausforderer zu fällen, denn ein Punktsieg ist für ihn kaum mehr machbar. Nach den fünfzehn Runden steht das Publikum im Saal auf und feiert beide Kämpfer. Breitensträter aber siegt nach Punkten und holt sich damit zum zweiten Mal den deutschen Meistertitel im Schwergewicht.

Noch im gleichen Jahr trifft er im Berliner Sportpalast vor auskauften Rängen mit insgesamt 16.000 Zuschauern auf den 26jährigen spanischen Schwergewichtsmeister  Paolino Uzcudun, den „Baskischen Holzfäller“, der ihn in der neunten Runde ausknockt. Paolino wird später einer der bekanntesten europäischen Schwergewichtler, der sich auch in den USA verdient macht und mehrfach gegen Max Schmeling in den Ring steigt. Den deutschen Schwergewichtstitel hält Breitensträter  bis 1927. Anfang Mai tritt er gegen Rudi Wagener in der Dortmunder Westfalenhalle an und wird vom Herausforderer, der acht Kilogramm schwerer als er selbst ist, schon nach wenigen Minuten ausgeknockt. Bis ins Jahr 1928 sieht man Breitensträter im Ring; er verliert zuletzt aber fünf Mal hintereinander und tritt nach einer Punktniederlage gegen den späteren Schwergewichtseuropameister Hein Müller Ende Dezember in Hamburg zurück.

Hans Breitensträter bestritt insgesamt 100 Kämpfe, von denen er 68 Kämpfe gewann, 56 davon durch KO. Registriert sind 20 Niederlagen und neun unentschieden ausgegangene Kämpfe.

Nach seiner Laufbahn als Boxer bleibt er ein populärer Exsportler, der auf vielen Veranstaltungen vom Publikum immer mit Applaus begrüßt wird. Er stirbt am 31. Januar 1972 im Alter von 75 Jahren. Dass Breitensträter dem deutschen Boxsport zum weiteren Aufschwung verholfen und an vorderer Stelle beigetragen hat, ihn zum populären Massensport zu machen, der darüber hinaus nun einen „gesellschaftsfähigen“ Akzent besaß, ist wohl unbestritten.

Paul Samson-Körner

Ebenso als Wegbereiter des Boxsports in Deutschland ist Paul Samson-Körner zu sehen. Er wird am 13. November 1888 im sächsischen Zwickau als Paul Körner geboren. Wie Breitensträter ist er zunächst Schiffsmatrose und heuert auf Seglern an, die ihn nicht selten in die USA führen. Anfang des neuen Jahrhunderts entdeckt er auf einer Schiffsreise von Südafrika in die Staaten sein Interesse am Boxsport, als er von einem schwarzen Matrosen, der sich ebenfalls auf dem Schiff sein Geld verdient, einige Boxtechniken mitbekommt. Bei Kriegsausbruch bleibt Körner in den Vereinigten Staaten und versucht, sich mit Boxen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er nennt sich nun Samson-Körner, um seinen deutschen Namen zu verdecken, und reist auch in süd- und mittelamerikanische Gegenden, wenn ihm dort Kämpfe angeboten werden, bringt es dort gar zu Titelehren. Im Januar 1919 trifft er auf Harry Greb, der später Weltmeister im Mittelgewicht werden sollte. Er verliert, schafft es aber, den Kampf den Kampf mit Bravour zu überstehen. Die Zuschauer sind begeistert, wie er immer wieder den Angriff sucht, wenn er auch im Vergleich zu Greb geringere boxerische Mittel aufweist. Ebenso kämpft er im Oktober 1920  in New Jersey gegen Gene Tunney, der später als erster Schwergewichtsweltmeister ungeschlagen abtreten sollte: Er holt mit unermüdlichem Kampfgeist ein Unentschieden  heraus, obwohl er in der siebten Runde schwer angeschlagen zu Boden gehen muss.

Ab dem Jahre 1922 ist er in Deutschland zurück. Er beteiligt sich am Aufbau der jungen deutschen Boxszene und legt eine lang anhaltende Siegesserie hin. Schlägt auch den Publikumsliebling Breitensträter in zwei Kämpfen und wird Ende Februar 1924 deutscher Schwergewichtsmeister durch einen KO-Sieg gegen Hans Breitensträter. Im dritten Kampf unterliegt er ihm zwar nach Punkten und muss den deutschen Schwergewichtstitel abgeben, zeigt aber wieder mal seine kämpferischen Fähigkeiten und wird mit seinem Gegner vom Publikum mit Jubel verabschiedet  (s.o.).

Nach dem Breitensträter-Kampf geht aber seine Erfolgsstory zu Ende. Er verliert mehrere Kämpfe, unter anderem gegen die Vertreter der jungen Schwergewichtsgarde wie Ludwig Haymann, auch gegen Schwergewichtshoffnung Franz Diener, dem er aber äußerst umstritten unterliegt,  und Rudi Wagener, der ihn in seinem letzten Kampf in der Dortmunder Westfalenhalle hoch nach Punkten besiegt. Nach insgesamt 54 Kämpfen, von denen er 40 siegreich beendet (34 KO) bei 3 Niederlagen und zwei Unentschieden, tritt er vom Boxsport zurück. Nach seinen Kämpfen ist er, von den Boxfans hoch geachtet und auch in den „höheren“ Gesellschaftskreisen geschätzt,  auch häufig als Ringrichter in Profiboxveranstaltungen zu sehen. Am 25.08.1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, verstirbt er im Alter von 54 Jahren.

Im Grunde muss man Samson-Körner als Halbschwergewichtler sehen, zumal er in seinen Kämpfen nur selten über achtzig Kilogramm wog und „nur“ 180 Zentimeter Körpergröße hatte. Den körperlichen Nachteil im Vergleich mit den Schwergewichtlern der Zeit konnte er aber zumindest teilweise durch nie erlahmende Kampfkraft und seine riesigen Nehmerqualitäten ausgleichen. Samson-Körner war einer derjenigen, der als Boxpionier auch die US-amerikanische Kampfesweise in die deutschen Ringe trug und damit den deutschen Boxsport bereichert hat.

Hein Domgörgen

Der Kölner ist in den 1920er Jahren der beste deutsche Mittelgewichtsprofi und gehört auch zu den stärksten europäischen Mittelgewichtlern. Er wird am 30. Dezember 1898 geboren. Bereits als Amateur beim heute ältesten noch bestehenden Boxclub, dem SC Colonia 06 in Köln,  kann er bemerkenswerte Erfolge erringen, unter anderem wird er deutscher Mittelgewichtsmeister der Amateure.

1922 wird er Profi. Im März des Jahres besiegt er in seinem Debütkampf Gustav Herr in Köln nach Punkten. Bis ins Jahr 1925, als er im Februar durch eine Disqualifikation gegen Leo Frick verliert,  beendet er alle Kämpfe ohne Niederlage. Im gleichen Jahr wird er in der Kölner Messehalle erstmals deutscher Mittelgewichtsmeister der Profis durch einen KO-Sieg in der dritten Runde gegen den erfahrenen Magdeburger Adolf Wiegert, der schon auf der Isle of Man gegen Breitensträter gekämpft hatte. Den deutschen Mittelgewichtstitel verteidigt Domgörgen bis in die 1930er Jahre mehrfach.  Sein erster Griff   nach dem europäischen Mittelgewichtstitel misslingt. Am 19. März 1926 verliert er im Berliner Sportpalast  gegen den Belgier René de Vos in 15 Runden nach Punkten.

1927 fordert er den damaligen Europameister im Halbschwergewicht, Max Schmeling, heraus. Der Kampf ist deshalb von besonderer Brisanz, da beide zu Beginn der 1920er Jahre im Kölner Boxstall  denselben Trainer hatten, nämlich Willy Fuchs. Schmeling schreibt in seinen Erinnerungen, dass Domgörgen vom Trainer deutlich vorgezogen wurde, weil der nach Meinung von Fuchs als das weitaus größere Boxtalent im Vergleich zu Schmeling angesehen wurde. Diese Benachteiligung gegenüber Domgörgen sei auch einer der Gründe gewesen, warum er, also Schmeling, von Köln Abschied genommen und Kurs auf Berlin genommen habe.

Auch Schmeling erkennt in seiner Autobiographie die großartige Boxtechnik von Domgörgen durchaus an, schreibt sogar, dass Domgörgen „das Boxen zur Kunst gemacht“ habe“. In der Tat geht aus allen Beschreibungen der Kämpfe des Mittelgewichtlers hervor, dass er ein hervorragender Konterboxer war, der mit seinem linken Jab punkten konnte und sich auch in der Defensive durch geschickte Meidbewegungen, sich abduckend und mit tänzelnden Bewegungen, hervortat. Schmeling hatte in der Dortmunder Westfalenhalle seinen Europameistertitel im Halbschwergewicht erst im Juni 1927  durch einen Aufgabesieg in der 14. Runde  gegen den Belgier Fernand Delarge errungen und hatte schon damals Schwierigkeiten, das Gewichtslimit zu halten. Gegen den Mittelgewichtler Domgörgen muss er das Limit auf jeden Fall hinbekommen, weshalb er aber, wie er selbst schreibt, „mühsam“ abkochen muss.  

Jedenfalls ist am Kampftag, dem 06. November 1927,  das Leipziger Achilleum überfüllt. Der Kampf hält die deutschen Boxfans in Atem, und ganz Leipzig scheint auf den Beinen zu sein.  Für viele ist Domgörgen durchaus nicht chancenlos, besonders wegen dessen ausgefeilter Technik. Ebenso ist Domgörgen konditionell in bester Verfassung. Und in den ersten Runden dominiert  der Mittelgewichtsmeister, setzt Schmeling mit „florettartig“ herausgestoßenen linken Geraden unter Druck und führt deutlich nach dem ersten Drittel der angesetzten 15-rundigen Kampfzeit. Mit einem Lucky Punch in der siebten Runde gelingt es Schmeling in der siebten Runde doch noch, den Kampf durch KO zu gewinnen: Eine schwere Rechte trifft die für einen Augenblick ungedeckte Halsschlagader Domgörgens, so dass der Herausforderer fast regungslos am Boden liegt und weit über die Zeit dort bleibt.  Die gesamte Börse kassiert Schmeling, weil Domgörgens Trainer Fuchs gegen den anfänglichen Widerstand Schmelings ausgehandelt hatte, dass der Sieger des Kampfes die gesamte Börse erhalten solle.  

Nach dem Debakel versucht Domgörgen in einem zweiter Anlauf, Mittelgewichtseuropameister zu werden, aber es klappt wiederum nicht: Mitte Dezember 1928 wird er in Mailand von dem italienischen Europameister Leone Jacovacci in ebenfalls 15 Runden ausgepunktet. Erst im am 30. August 1931 in Berlin gelingt es ihm im Kampf gegen den Österreicher Poldi Steinbach endlich, den Europatitel im Mittelgewicht zu erringen. Aber nur knapp ein Jahr später ist er ihn wieder los: In Wien verliert er gegen Steinbach Anfang Juni 1926 durch Knockout in der siebten Runde.

Nach dieser Niederlage geht es abwärts mit Domgörgen. Er verliert unter anderem hoch gegen Jupp Besselmann und den belgischen Ausnahmeboxer  Gustave Roth, wird von Gustav Eder in der neunten Runde ausgeknockt, kann sich aber  mehrfach auch gegen unbekanntere Gegner nicht mehr durchsetzen. Bis 1937 sieht man ihn im Boxring. Am 05. März des Jahres  fährt er in Hannover  in seinem letzten Kampf  noch einen Punktsieg gegen Emil König ein. Dann ist Schluss.

Seine Kampfstatistik weist insgesamt 146 Kämpfe aus, von denen er 106 siegreich beendet (54 durch KO). 21 Niederlagen muss er hinnehmen, und 19 unentschieden ausgegangene Kämpfe sind verzeichnet.  Hein Domgörger verstarb am 01. April 1972 in Köln.

Die 1920er: Aufstieg des Profiboxens in Deutschland

Zusammengefasst muss man rückblickend sagen, dass mit der Weltkriegsniederlage das Boxen in Deutschland  von den in England internierten Kriegsgefangenen einen Schub erfahren hat. Ihren größten Protagonisten kann man in dem  Schwergewichtler  Hans Breitensträter sehen, der das Profiboxen  populär und „massentauglich“ gemacht hat, weil er in nahezu moderner Manier die Medienberichterstattung sozusagen usurpiert hat. Den amerikanischen Kampfstil hat Paul Samson-Körner in deutsche Boxringe gebracht. Dass auch eine ausgefeilte Kampftechnik in Deutschland bewundert werden konnte, ist zu einem nicht geringen Teil dem Kölner Mittelgewichtler Domgörgen zu verdanken.

 Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass das Profiboxen in der Mitte der 1920er Jahre gesellschaftsfähig geworden ist. Auch große Literaten (u. a. Bertold Brecht, Ringelnatz) begannen in dieser Zeit, sich mit dem Boxen auch literarisch zu beschäftigen und sich durchaus als Boxfans zu begreifen. Einige Intellektuelle der Zeit begannen sogar damals mit dem „Boxtraining“ und nahmen sich dazu bekannte Boxer als Mentoren (u. a. Samson-Körner, oder Schmeling, der eine Zeitlang Fritz Kortner, einem der damals berühmtesten Regisseure und Schauspieler, Boxgrundtechniken beibrachte). Max Schmeling hat ab Mitte des Jahrzehnts an vordersten Stelle dazu beigetragen, dass Profiboxen in allen gesellschaftlichen Kreisen populär wurde. Der Höhepunkt war dann der Gewinn des Weltmeistertitels im Schwergewicht durch Max Schmeling im ersten Jahr des neuen Jahrzehnts, der zwar „nur“ durch eine Disqualifikation des Gegners zustande kam, aber dem Boxsport in Deutschland einen weiteren riesigen Antrieb  nach vorne gab (siehe hier den Schmeling-Artikel).

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10 Kommentare

  1. Claudio
    27. März 2012 at 20:06 —

    Der deutsche Boxsport gehört doch in den Mülleimer der Geschichte.

  2. Dampfhammer
    27. März 2012 at 20:58 —

    Claudio, wenn irgendwas in den Müll gehört, ist dein Kommentar u nach Möglichkeit noch dein Modem.

  3. DR_BOX
    27. März 2012 at 21:25 —

    Claudio = Troll

    also für adrivo WERTVOLLER USER

  4. Tom
    27. März 2012 at 22:24 —

    @ Paul

    Klasse Bericht,der für mich diesmal viele neue Informationen parat hat!

  5. Ex- Boxer
    27. März 2012 at 23:58 —

    Schön das sich jemand die ühe gemacht hat, und diese Informationen
    hier eingestellt hat… DANKE

  6. johnny l.
    28. März 2012 at 01:22 —

    ja, ich lese pauls berichte immer absolut begeistert, wenn vielleicht noch der eine oder ander buch-/quellentipp dabeistünde, wär’s perfekt, denn – ich jedenfalls – bin ein fanatischer biografien- und historienleser. klar, selber recherchieren macht auch schlau, aber auf manche bücher stößt man nicht so einfach. und deinen letzten tipp, jack johnson betreffend, hab ich mir jetzt über ebay amerika besorgt, da wär ich selbst so schnell drauf gekommen.

    aber wie gesagt, klasse artikel und wenn selbst tom noch nicht alles wußte, muss das ja was heißen 😉

  7. bigbubu
    28. März 2012 at 03:53 —

    Claudio = Megatroll

  8. Markus
    28. März 2012 at 07:52 —

    “…weil Domgörgens Trainer Fuchs gegen den anfänglichen Widerstand Schmelings ausgehandelt hatte, dass der Sieger des Kampfes die gesamte Börse erhalten solle.”

    Das sollte man heute mal bei den Klitschko-Kämpfen praktizieren, dann würden sich die Gegner mal wieder etwas mehr Mühe geben 🙂

    Sehr interessanter und wie immer toll geschriebener Atikel, Paul.

  9. Paul
    28. März 2012 at 10:08 —

    @ Claudio

    Ich wäre da eher nicht so pessimistisch 🙂

    @ johnny

    Für die 1920er sind die Autobiographien Schmelings (“Erinnerungen”) oder Breitensträters (“Meine Kämpfe” beispielsweise sehr interessant, die ich schon im Artikel angesprochen habe. Dann gibt es eine nicht so bekanntes Buch von 1940 von Johannes Sigleur (“Männer im Ring”), das mehr romanhaft die deutsche Boxgeschichte bis 1940 beleuchtet, aber natürlich einige zeitlich bedingte “Macken” enthält. Das Buch ist natürlich nur im Antiquariat erhältlich. Daneben sind einige zusammenfassende Artikel in Buchform oder auch im Netz über die deutsche Boxgeschichte relevant. Ich hoffe mal, dass Dir damit etwas geholfen wird. 🙂

  10. Nur Ipek
    27. Januar 2014 at 21:09 —

    Klasse! Sehr informativ und sehr lebendig. Habe förmlich alles vor mir gesehen. DANKE!

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