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SES-Veranstaltung mit geteiltem Echo

Man kann über die SES-Veranstaltung am Samstag in Magdeburg die verschiedensten Meinungen lesen. Dass nicht alle Kämpfe den ungeteilten Beifall finden, war zu erwarten. So oder so ähnlich verhält es sich auch bei anderen Events, bei denen Favoriten und Unterlegene von vornherein festzustehen scheinen. Kein Boxstall rennt mit Anlauf in ein Messer, das er vorher auch noch selbst aufgeklappt hat. Die eigenen Leute müssen aufgebaut und nach oben gebracht werden. Das sollte bei aller berechtigter Kritik jedem Boxfan klar sein. Man muss im Karriereaufbau nicht mehr riskieren als nötig. Aber man sollte es natürlich auch lassen, die Zuschauer für komplett dämlich zu halten.

Das wird in der Regel auch so umgesetzt. Manchmal scheint es dennoch so, als wolle man den Zuschauern einige Kämpfe über ihren Wert “verkaufen”. Von “andrehen“ muss man da gar nicht erst reden. Natürlich weiss man vorher nie genau, wie ein Kampf ausgeht. Aber man weiss, was man für Gegner einkauft und man weiss erst recht, was man in den Kampfankündigungen vorher vom Stapel lässt.

Als ein Beispiel kann man mal den Kampf zwischen Adam Deines und dem Ungarn Zoltan Sera herausgreifen. Im Vorfeld wurde verkündet, dass man für Deines auf einen IBF-Titelkampf hinarbeiten will. Bei diesem Verband ist Artur Beterbiev Weltmeister, an dem sich schon der Deutsche Enrico Kölling die Zähne ausgebissen hat. Es ist ein hohes Ziel, wenn jetzt erneut versucht wird, einen Deutschen als Herausforderer zu etablieren. Adam Deines liegt im momentanen IBF-Ranking auf #6. Er hat damit eine gute Ausgangsposition. Er ist ohne jeden Zweifel ein guter Boxer. Aber warum, um alles in der Welt, lässt man ihn jetzt gegen einen völlig chancenlosen Journeyman kämpfen, der keine 3 Runden durchhalten kann? Ja gut: Die Überlegenheit von Deines gegen so einen Gegner sieht überragend aus. Aber was will man dem Publikum damit weismachen? Adam Deines müsste gegen Boxer wie Isaac Chilemba oder Igor Mikhalkin glanzvoll siegen, um einen WM-Fight zu rechtfertigen. Siege gegen Fallobst sind da nur billigste Augenwischerei. Anders kann man das nicht nennen. Hier der Kampf zwischen Adam Deines und Zoltan Sera: (Klick)

Die Kämpfe, die man auf MDR im TV sehen konnte, waren auch etwas „durchwachsen“. Sein Profidebüt gab der in Hamburg geborene Peter Kadiru. Der 21-jährige hat brilliante Amateur-Karriere hinter sich. Das SES-Team hat es geschafft, mit dem Hamburger einen Profivertrag abzuschließen. Kadiru war 2014 und 2015 Sieger bei den Jugend-Europameisterschaften. 2014 unterlag er bei der Jugend-Weltmeisterschaft im Finale dem Amerikaner Darmani Rock und holte Silber. Im Finale der Jugend-Olympiade bezwang er im gleichen Jahr genau diesen Darmani Rock und wurde Jugend-Olympiasieger. Im Jahr 2017 siegte er bei der U22 Europameisterschaft. Jetzt ist der Start ins Profiboxen mit dem SES-Team erfolgt. Man hätte als ersten Gegner einen leichteren Kontrahenten aussuchen können. Der Pole Artur Kubiak war aber alles andere als das: Beide kämpften volle 6 Runden. Am Ende dieses Kampfes mit nur leichten Unsicherheiten seitens Kadiru gaben die 3 Punktichter alle Runden an Kadiru. Man kann gespannt darauf sein, wie es mit dem neuen Mann im Magdeburger Boxstall weiter gehen wird. Der Start in die Profikarriere ist jedenfalls erst einmal gut gelungen. (Klick)

EBU-Europameister Agit Kabayel bekam einen harten Brocken in den Ring gestellt. Der Ukrainer Andriy Rudenko ist weniger bekannt für seine boxerische Klasse, kann aber mehr vertragen, als seinen bisherigen Gegnern lieb sein konnte. Die ersten Runden dieses Kampfes gestalteten sich relativ ausgeglichen. Kabayal tat das, was er immer macht: Ständig in Bewegung bleiben und den Gegner umkreisen. Variabel zum Körper und zum Kopf schlagen. Nur selbst kein statisches Ziel bieten. Ab Runde 5 ließen die Kräfte des Ukainers bereits nach. Es kamen weniger Aktionen von ihm und er hatte scheinbar auch keine Lust mehr, ständig hinter Kabayal herzulaufen. Beinahe wäre der Kampf in Runde 6 zuende gegangen. Kabayel erwischte Rudenko mit einem offenbar sehr harten Körpertreffer und der musste zum ersten mal in seiner Karriere runter. Er kam wieder hoch, schüttelte aber während des Anzählens ständig mit dem Kopf. Es hatte den Anschein, als wolle er aufgeben, doch der Ref gab den Kampf wieder frei. Rudenko hatte sich schnell erholt und Kabayel kam nicht dazu, einen zweiten, vielleicht endgültigen Vernichtungstreffer ins Ziel zu bringen. Im Gegenteil: Rudenko bekam die “zweite Luft”, die in den nächsten Runden zumindest für den Überlebensmodus ausreichte. Im letzten Durchgang riskierte der Europameister nichts mehr und überließ dem Ukrainer diese Runde. Am Ende gab es einen verdienten Punktsieg für Kabayel, der bestenfalls 3 Runden abgegeben hat. Diese Kampfpaarung war gut, auch wenn einige Fans erwartet haben, dass Kabayel in Runde 6 den Sack hätte zu machen müssen. (Klick)

WBO-Interconti-Titelträger Tom Schwarz bekam es mit dem aus Nürnberg angereisten Kristijan Krstacic zu tun. Der 38-jährige ist erst 2018 ins Schwergewicht aufgestiegen und bewegt sich noch nahe am Cruisergewicht. Seine bisherige Kampfbilanz und seine durchtrainierte Erscheinung waren gut. Aber das war auch schon alles. Er wurde von Schwarz regelrecht überfahren, kam in Runde 2 „unter die Räder“ und wurde nieder geknüppelt. Dabei sparte Schwarz auch nicht mit Innenhand- und Hinterkopfschlägen. Man weiss nicht wirklich, was man davon halten soll. Für einige Boxfans und wohl auch für des SES-Team ist Schwarz ein gutes „Eigengewächs“, das langsam an die Weltspitze geführt werden soll. Für andere, vorwiegend etwas kritischer eingestellte Beobachter ist Tom Schwarz eine Fehlinvestition, weil seine Gegnerschaft nie das Gelbe vom Ei ist. Es hagelt Kritik und man zweifelt daran, dass Schwarz sich bisher jemals einem richtig guten Gegner stellen musste. Doch das Konzept scheint aufzugehen. Genau so, wie es vor Jahren bei Universum mit Alexander Dimitrenko aufging. Es gibt Aufbaukämpfe ohne Ende die dazu führen, dass der Boxer in den Rankings weiter nach oben kommt, als er es eigentlich wirklich verdient hat. Allein dieser KO 2 Sieg gegen den völlig überforderten Kristijan Krstacic ließ Tom Schwarz in der BoxRec-Liste von #18 auf #12 springen. Damit befindet er sich in Gesellschaft von Oscar Rivas (#11) und Joseph Parker (#13). Es ist einfach unglaublich. (Klick)

Fazit: Die Kritik an manchen Kampfansetzungen ist durchaus nachvollziehbar. Letztendlich gab es aber auch Kämpfe auf Augenhöhe, die spannend waren. Es ist Profiboxen und kein Kindergeburtstag. Der Veranstalter investiert sein Geld in seine Boxer. Es dürfte klar sein, dass man da nicht jedes Risiko ausreizt und seine Boxer einfach mal so abschießen lässt, nur um dem Publikum mal eine spektakuläre Show zu bieten. Dennoch sollte auch klar sein, dass man nicht zu viel zum Fenster hinaus werfen sollte, wenn das Ganze finanziell gesund und für die Zuschauer glaubwürdig bleiben soll.

Kritisieren kann man auch zum Teil das, was die TV-Kommentare anbelangt. Nicht jeder Kommentator ist so ein begnadeter und abgeklärter Boxexperte wie z.B. Werner Kastor. Aber wenn man schon so einen Job macht, sollte man wissen, dass der EBU-Europameistertitel nicht der einzige Europameistertitel ist. Allein die EBU führt mehrere Europameister-Gürtel und -Gürtelchen. Andere Verbände wie die WBO lassen auch Europameisterschaften ausboxen. Hughie Fury ist nicht der kleine Bruder von Tyson Fury und Kumasi ist nur eine Provinzhauptstadt, nicht die Hauptstadt von Ghana. Wenn man neben der idealerweise unparteiischen Kommentierung von Boxkämpfen solches Halbwissen mit einstreut, dann sollte man sich schon mal vorher Gedanken machen, was man so alles zum Besten gibt.

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2 Kommentare

  1. 4. März 2019 at 11:35 —

    Guter Bericht!

    Schwarz und auch Bösel sind von der Weltspitze meilenweit entfernt, auch wenn sie in der ein oder anderen Weltrangliste sehr gut gelistet sind!
    Aufbau schön und gut, aber Schwarz wird von Anfang an in Watte gepackt, wenn doch mal ein wirklich ernsthafter Gegener kommt, geht vermutlich das Licht aus!?

    Kabayel ist da schon weiter, hat auch teilweise bessere Gegner gehabt wie Schwarz, aber auch er muss noch besser werden wenn er mal ganz oben angreifen will!

    Deines ist ne Pflaume, der wird nie einen ernsthaften, großen Titel holen!

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