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Pete Rademacher mit 91 Jahren verstorben

Pete Rademacher mit 91 Jahren verstorben

Ein Boxstar ist Rademacher nie gewesen. Vielleicht eher eine Art „Working Class Hero“. Oder ein Glücksritter? Urteilen Sie selbst!

Ein längst in Vergessenheit  geratener Boxjournalist nannte den Schwergewichtler aus Tieton im US-Bundesstaat Washington einmal „den Mops im grauen Flanellanzug”. Und doch war Thomas Peter ‚Pete‘ Rademacher gewissermaßen erfolgreich. Als Amateur hatte er eine Bilanz von 72 Siegen und 7 Niederlagen, wurde 1953 US-amerikanischer Amateurmeister und gewann 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne die Goldmedaille im Schwergewicht. Rademacher schlug im Finale den Russen Lew Dmitrijewitsch Muchin in der ersten Runde KO.

Nach seinem Olympiasieg nahm Rademacher den amtierenden Schwergewichtsweltmeister Floyd Patterson aufs Korn und provozierte ihn öffentlichkeitswirksam mit der Behauptung, dass er in seinem ersten Profikampf Weltmeister werden könne. Und das, was man sonst nur aus „Rocky“-Filmen kennt, funktionierte tatsächlich: am 22. August 1957 fand die Begegnung in Seattle statt.

Allerdings hatte es viele Proteste gegeben: die National Boxing Association weigerte sich anfangs, den Kampf zu genehmigen. Fast überall verspotteten Boxfans Rademacher. Selbst der Sportredakteur der Seattle Times, Georg Meyers, der bei den Olympischen Spielen über Rademacher berichtet hatte, hatte Zweifel an dessen Zukunft als Boxprofi. Trotzdem kam es schließlich zum Kampf und Rademacher dürfte damit wohl für alle Zeiten der einzige Boxer sein, bei dessen Profidebüt es schon um Weltmeisterehren ging.

Patterson war erst 22 Jahre alt, hatte aber schon 33 Profikämpfe auf der Uhr und unter anderem Archie Moore ausgeschaltet. Mit seinen 28 Jahren war Rademacher der größere und schwerere Boxer, hatte aber in keinem seiner 79 Amateurkämpfe länger als drei Runden im Ring gestanden.

Natürlich ging Rademachers Milchmädchenrechnung nicht auf. Zwar gelang es ihm, Patterson in der zweiten Runde anzuklingeln und niederzuschlagen, doch Patterson kam zurück. „Ich dachte, er wäre endgültig am Boden”, erklärte Rademacher 1990 im Interview mit dem „Ring Magazine“: „Ich habe vor mich hin geschrien: Junge, wir sind da!“ Aber Patterson stand wieder auf, schlug Rademacher in den nächsten vier Runden sieben Mal nieder und siegte am Ende durch KO.

„Es war zuerst aufregend und verblasste dann in trostloser Bestrafung”, schrieb damals der Sportjournalist Red Smith. „Es war ein Glücksspiel und ich habe verloren”, sagte Pete Rademacher und räumte ein, dass er ab der vierten Runde konditionelle Probleme hatte: „Aber ich bin froh, dass ich es getan habe.”

Der Kampf selbst zog 16.961 zahlende Zuschauer an, die teuersten Tickets kosteten 20 US-Dollar. Eine Fernseh- oder Radioübertragung gab es nicht. Um zu verhindern, dass Fans außerhalb des Stadions kostenlos zuschauen konnten, ließ der Veranstalter Blendscheinwerfer aufbauen.

Das alles konnte die Niederlage von Rademacher nicht verhindern. Auch in seiner weiteren Laufbahn als Profi gelang es Rademacher nicht an seine Amateurerfolge anzuknüpfen, vor allem aufgrund seines schlechten Kinns. Der Essener Ulli Ritter und Karl Mildenberger standen ebenfalls mit Rademacher im Ring, Ritter musste sich mit einem Draw zufriedengeben, Mildenberger gewann nach Punkten.

1962 beendete Peter Rademacher nach einem Punktsieg über den ehemaligen Mittelgewichtsweltmeister Carl ‚Bobo‘ Olsen seine Laufbahn mit einer Bilanz von 15-7-1 und arbeitete erfolgreich als Manager.

Vielleicht erinnert man sich auch später noch an ihn, als an den Mann, der in seinem ersten Profiboxkampf schon um eine Weltmeisterschaft geboxt hat. Und vielleicht hat auch Rademacher, der in seinen letzten Jahren an Demenz litt, es nie vergessen. „Es wird nie wieder so aufregend sein wie heute Abend, auch wenn ich hundert Jahre alt werde”, hatte Pete Rademacher nach dem Kampf gegen Floyd Patterson erklärt.

Am 4. Juni ist Rademacher in einem Seniorenheim in Ohio gestorben.

 

 

 

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1 Kommentar

  1. 13. Juni 2020 at 08:45 —

    Schön geschrieben ! Daumen hoch !
    Einer der vielen Kämpfer, die man im Alltag überhaupt nicht auf dem Schirm hat.

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