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Krieg der Heavyweights: Chisora vs. Parker

Krieg der Heavyweights: Chisora vs. Parker

Ein Beitrag von: KO-Autor

VOM BLITZKRIEG ZUM ABNUTZUNGSKRIEG

Schon vor dem Kampf gab es jede Menge Diskussionen unter Experten. Würde der neue Trainer Buddy McGirt dem alten Schlachtross Dereck Chisora (32(23) – 11(3) noch einmal neue Tricks beibringen? Und wie würde der als Headcoach unerfahrene Andy Lee seinen Schützling Joe Parker (29(21) – 2(0) auf den Kampf einstellen? Die erste Antwort gab es schon nach knapp 20 Sekunden, als der Londoner mit seiner ersten Attacke Parker brutal überraschte und ansatzlos niederschlug. Der musste sich erstmal kurz schütteln, wurde angezählt und selbst er konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen – für gute Laune beim (TV-)Publikum war schon mal gesorgt.

Doch Chisora blieb seinem Ringnamen „War“ treu und marschierte humorlos und ohne Rücksicht auf Verluste, seine Kondition und natürlich seinen Gegner wie ein ferngesteuerter Kampfroboter auf Parker los. Ob Kopf oder Körper, es gab keine Stelle des Neuseeländers, die innerhalb der ersten drei Runden nicht hochrot anlief. Die fünfte Runde war die erste, die Joe Parker für sich entscheiden konnte, seine Beweglichkeit und die Explosivität seiner Schläge kamen nun besser zur Geltung. Doch wer glaubt, dass sich der Kampf jetzt sofort zu seinen Gunsten drehen würde, sah sich eines Besseren belehrt. Chisora kam zurück, und zwar noch gnadenloser und berserkerhafter, falls das überhaupt möglich war. Die Schläge hatten zwar nicht mehr ganz denselben „Pop“ wie in den Runden zuvor, doch die überragende Workrate reichte durchaus noch für einzelne Runden. Erst ab Runde acht schien Parker sich immer wohler zu fühlen, hatte jetzt richtig Bock auf Kombinationsboxen, schnelle Hände, explosive Treffer und klare Punktgewinne.

In der elften Runde dann ein kleines Wunder: ein deutlich abgekämpfter, kaputter Chisora im Rückwärtsgang – kein Witz! War dies das Ende? Nein, nur die Ruhe vor dem letzten Aufgebot: In der 12. Runde holte „War“ noch einmal alles aus sich heraus und traf direkt zu Beginn Parker zweimal schwer am Kopf. Mit weiteren guten Aktionen und sogar ein bisschen Defense sollte er sich diesen dramatischen letzten Durchgang gesichert haben. Doch wer hatte diesen „War of Attrition“ letztendlich gewonnen? Es herrschte Hochspannung, als Ringsprecher David Diamante das Urteil der drei Punktrichter verkündete: Andrew Bell 115-113 für Parker, Howard Foster 115-113 für Chisora  und Grzegorz Molenda mit einem abstrusen 116-111 für Parker. Wie bitte? Nur drei Runden für den Engländer? Einfach nur ärgerlich.

ALT, AUSGEPOWERT UND ANGEPISST

Entsprechend im Keller war die Stimmung von Dereck beim Post-Fight-Interview. Er fühlte sich – nicht ganz zu Unrecht – benachteiligt und ausgebeutet. Zwar gratulierte er fair dem Sieger, zumal der ihm ein sofortiges Rematch (möglicherweise auf der AJ vs. Fury Undercard) vorschlug. Aber er schickte auch gleich eine Warnung an alle ins Mikrofon, die der Meinung sind, er solle die Handschuhe am besten an den Nagel hängen. Ob Schlachten wie diese seiner Gesundheit auf Dauer besonders zuträglich sind, daran darf gezweifelt werden. Und Geld braucht der Farmbesitzer und leidenschaftliche Kunstsammler mit Sicherheit auch nicht mehr unbedingt. Doch dass Dereck „War“ Chisora immer noch eine der unterhaltsamsten und charismatischsten Persönlichkeiten der derzeitigen Heavyweight-Szene ist, das ist seit gestern ein wissenschaftlich bewiesenes Faktum.

Und hier der ganze Kampf

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19 Kommentare

  1. 2. Mai 2021 at 07:59 —

    Braucht sich keiner über die Pauls und alternden Showkämpfer aufregen, dass normale Boxen ruiniert sich mit solchen Urteilen seit Ewigkeiten ganz von selbst.

    • 2. Mai 2021 at 08:45 —

      Mal abgesehen von den 116:111, was war an dem Urteil so schlecht..? Parker hat knapp aber verdient gewonnen..

      Chisora sieht sich gerne als Opfer.. Der dachte ja auch, er wäre vs Usyk “benachteiligt” worden..

      • 2. Mai 2021 at 11:04 —

        Ich meine das generell, zu oft gibt es nicht nachvollziehbare Urteile. Und wenn Parker knapp gewonnen hat, ist das eine Punkturteil für Chisora genauso fragwürdig.

  2. 2. Mai 2021 at 08:54 —

    “Doch dass Dereck „War“ Chisora immer noch eine der unterhaltsamsten und charismatischsten Persönlichkeiten der derzeitigen Heavyweight-Szene ist, das ist seit gestern ein wissenschaftlich bewiesenes Faktum.”

    “Er fühlte sich – nicht ganz zu Unrecht – benachteiligt und ausgebeutet.”

    ————————————————————-

    Hahahaha.. da habt ihr aber einen glühenden Chisora Fan im Azubikeller gefunden..

  3. 2. Mai 2021 at 09:22 —

    @ Flo9r

    Durchaus möglich. 😉

    Nur soviel: es ist nicht Brennov.

  4. 2. Mai 2021 at 10:18 —

    Ich hatte Chisora in den ersten 5 Runden klar vorne. Durch den Niederschlag in Runde 1 wäre das dann maximal ein Draw gewesen. Die 6. Runde habe ich auch bei DelBoy. Ebenso die 12.Runde.
    Klar war vorher, Chisora hat schon 10 Niederlagen im Rekord und es schadet ihm nicht. Parker ist noch jünger und daher der Sieg für ihn wichtiger. Beide stehen bei Hearn unter Vertrag. Das Urteil war so zu erwarten.

    Natürlich ist 116: 111 für Parker dreist.

    • 2. Mai 2021 at 11:29 —

      Da ist schon was dran, wobei ich nicht so viele Runden bei Chisora hatte..
      Generell meinte ich, dass es sich mMn nicht um ein Fehlurteil handelt, welches dem Boxsport schadet.. Da gibts sicher genug andere..
      116:111 geht gar nicht, aber ein Sieg für Chisora geht für mich genauso wenig..

      • 2. Mai 2021 at 11:38 —

        Wie gesagt! Ich denke man kann es so oder so sehen. Auch ein knapper Sieg für Chisora wäre vertretbar gewesen. Von den ersten 5 Runden kann man Parker keine geben, dazu der Knockdown…

        • 2. Mai 2021 at 12:18 —

          Da wollte ich auch gar nicht widersprechen, enge Runden sind halt grundsätzlich diskutabel..

  5. 2. Mai 2021 at 10:55 —

    Man kann ja sagen über Chisora was man will, aber er schafft es trotz seiner begrenzten Fähigkeiten regelmäßig unterhaltsame Kämpfe abzuliefern. Zudem muss man ihm hoch anrechnen, dass er gegen jeden boxt und keine Herausforderung scheut oder nach Entschuldigungen sucht.

    Sowas würden wir uns mal von unserem deutschen Panzer wünschen, aber der darf ja in zwei Wochen gegen die Nummer 300 der Welt zeigen, was er so alles noch drauf hat. Aber ich seh es schon kommen, wenn er den erkauften Sieg einfährt, dass das who is who der Weltspitze jetzt vor ihm zittern muss.

  6. 2. Mai 2021 at 13:55 —

    hatte es 114:113 für chisora. runde 1-5 und runde 9 glaub ich.

  7. 2. Mai 2021 at 14:32 —

    Für mich hat Chisora gewonnen.Das war eindeutig.Parker hätte ermahnt und enventuell Punktabzug bekommen müssen, wegen ständigen Klammern.

    • 2. Mai 2021 at 15:13 —

      Seit wann ist Clinchen verboten?

      • 3. Mai 2021 at 17:30 —

        Klar, es ist solange erlaubt bis der Ref trennt, war seitens Parkers aber schon tlw. grenzwertig ausgenutzt wurde.

        Sobald es in den Innenfight ging und Chisora versucht hat in seiner Kneipenschlägerart seine Schwinger rauszuholen, hat Parker sofort geklammert und Chisoras Arme blockiert, was dann jedes Mal sekundenlang in Dauergeschmuse endete.

        Wenn man sowas X Mal im Kampf sieht, sieht es auch irgendwann nicht mehr Doll aus und zerstört jeden Kampffluß.

  8. 2. Mai 2021 at 15:42 —

    Boxen und ringen werden nur im MMA genutzt.

  9. 4. Mai 2021 at 19:28 —

    Ohne Frage ein guter Boxer, der Joseph Parker, mehr aber leider auch nicht. Man gönnt ihm den WM-Titel, aber er wird ihn wohl niemals bekommen. Er ist zwar noch sehr jung, aber spätestens seit seinem Kampf gegen Joshua wurde deutlich, dass ihm etwas wesentliches zum Titel fehlt.

    Aufgrund seiner Herkunft liegt es nahe, Parker mit Tua zu vergleichen und wenn man es tut, dann fällt einem der Qualitätsunterschied ganz deutlich auf. Sobald Parker in die Bredouille kommt, kann er plötzlich nicht mehr boxen. Tua wurde dagegen in solchen Situationen immer gefährlicher und so jemand wie Chisora hätte gegen Tua nicht den Hauch einer Chance gehabt. Dabei war Tua auch noch locker 15cm kleiner als Parker.

    Ich neige gerne zum Underdog und ich würde mich darüber freuen, wenn Parker endlich seinen notwendigen “Killerinstinkt” wecken würde, aber wie gesagt, seit Joshua glaube ich nicht mehr daran. Und das Ergebnis gegen Chisora bestärkt meine Zweifel ungemein!

    • 4. Mai 2021 at 19:43 —

      Zum Kampf selber:

      Mir war vorher schon klar, dass Chisora eigentlich nicht gewinnen kann, bzw. nicht gewinnen soll und entsprechend habe ich meine Rundenauswertung bereits in Richtung Parker angepasst. So war das Urteil für mich nicht überraschend, aber es hinterlässt dennoch einen faden Beigeschmack und das nicht, weil Chisora verloren hat!

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