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Karl Mildenberger: Die Niederlage gegen Ali macht ihn populär

Im Triumphzug wird Karl Mildenberger am 10. September 1966  auf den Schultern aus dem Ring des Frankfurter Waldstadions getragen. Soeben hat er dem Größten, dem Weltmeister, Muhammad Ali, einen sensationellen Kampf geliefert, der die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Aber: Er hat den Kampf verloren und wird in der 12. Runde wegen seiner schweren Verletzungen an den Augen und weil er sich der Attacken Alis nicht mehr erwehren kann, aus dem Ring genommen. Dennoch ist es der Kampf, der Karl Mildenberger an diesem Tag zum populärsten deutschen Sportler macht  und ihm auch weltweite Bekanntheit  verschafft.

Wie er zum Boxen kommt

Er wird am 23. November 1937 in einer Arbeitersiedlung, auf dem Kotten in der „Barbarossastadt“ Kaiserslautern,  geboren. Ab 1943 ist er Schüler der Goetheschule, einer Volksschule, die sich erst seit 1922 so nennt und 1908 als Rupprecht-Schule gegründet wurde. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt er als Schüler dieser Schule.

Seine Leidenschaft zum Boxsport wird schon sehr früh geweckt. Sein Onkel, Richard Mildenberger, der in Kaiserslautern das Training der Boxabteilung des 1. FC Kaiserslautern leitet und früher selbst ein in Kaiserlautern und Umgebung populärer Boxer war, entfacht in Karl die Hingabe zum Boxen. Schon im Jahre 1946, kurz nach Ende des Krieges, sieht man ihn beim ersten Training in dieser Gruppe. Da ist Karl gerade neun Jahre alt. In einigen Quellen wird sogar sein Start in den Boxsport mit sieben Jahren angegeben.  Die Trainingseinheiten gestalten sich so: Im Sommer findet man sich auf dem Spielrasen des Betzenbergs ein, im Winter in den Kabinen der Fußballspieler des 1. FC Kaiserslautern. Viele Sporthallen sind im Krieg noch zerstört und müssen erst wieder errichtet werden.  Für den kleinen Boxanwärter Karl hat dieser Umstand aber auch seine positiven Seiten, denn durch sein Training in den Anlagen auf dem Betzenberg lernt er einige der damals bekannten und auch berühmten Spielerpersönlichkeiten des FC Kaiserslautern kennen, von denen später fünf Spieler  mit der Nationalelf Weltmeister werden sollten. Fritz und Ottmar Walter sind dabei, Horst Eckel, Werner Liebrich und Werner Kohlmeyer. Mit Fritz Walter, dem Kapitän der WM-Elf von 1954, ist er bis zum Tod Walters eng befreundet.

Mildenberger als Amateur

Mit elf Jahren bestreitet er seinen ersten Amateurkampf. Da ist er im „Jugendfliegengewicht“ gemeldet und siegt. Besondere Förderung erhält er nun von Hermann Graf, einem ehemaligen Offizier der Luftwaffe,  und insbesondere durch Alfred Mollen, der sein langjähriger Coach bleiben wird. Beide erkennen frühzeitig Karls große sportliche  Begabung. Noch als Jugendlicher erringt er den Titel eines Süd-West-Meisters und boxt sogar für die bundesdeutsche Amateurstaffel. Im März 1957 sieht man ihn als Nationalstaffelboxer bei einem Ländervergleich mit der Sowjetunion im Halbschwergewicht, und er siegt vorzeitig durch Knockout. Auch gegen die Tschechoslowakei wird er im Halbschwergewicht eingesetzt und schlägt seinen Gegner schon in den ersten Minuten KO. 1956 und 1957 wird er bei den Deutschen Amateurmeisterschaften erst im Finale besiegt, kann aber im Jahre 1958 zum ersten Mal in Essen den Amateur-Halbschwergewichtstitel erringen. Insgesamt 64 Amateurkämpfe sind für Karl Mildenberger offiziell registriert, in 59 siegt er, davon in 52 Kämpfen vorzeitig. Eine ungewöhnlich herausragende Amateurlaufbahn. Berichtet wird, dass er seine vorzeitigen Siege nicht selten durch Leberhaken entschieden habe, einen Schlag, der insbesondere von Rechtsauslegern gefürchtet ist. Schon in dieser Zeit wird er von manchen wegen seiner damals beeindruckenden  Schlagkraft als „neuer Schmeling“ bezeichnet. Seine technischen Möglichkeiten sind allerdings damals kaum entwickelt.

Start der Profikarriere

Schon im Frühsommer des Jahres 1958 wird er Profi im Boxstall von Willy Knörzer, einem Stuttgarter Radiohändler.  Am 15. Oktober 1958 ist sein Debüt. In der Stuttgarter Killesberghalle knockt er Manfred Striemer in der ersten von vier angesetzten Runden aus. Striemer ist allerdings ein eher viertklassiger Boxer, der kurz nach dem Kampf mit Mildenberger den Boxsport aufgibt. 1958 folgen noch vier weitere Kämpfe, die er allesamt siegreich beenden kann. Er befindet sich immer noch im Halbschwergewicht und kann bis November 1959 alle Kämpfe gewinnen, so dass er am 07. November mit  Helmut Ball (eigentlich Ballmann) einen Ausscheidungskampf um die Herausforderung des Deutschen Meisters und europäischen Titelträgers im Halbschwergewicht, Erich Schöppner,  austragen kann. Mildenberger führt hoch nach Punkten, bis ihn der erfahrenere Ball in der siebten Runde mit einem Lucky Punch ausknocken kann, als er in eine schwere Rechte des Berliners läuft.

Willy Knörzer, sein Manager, stirbt, und seit 1959 betreut ihn der Berliner Bruno Müller als Trainer und Manager. Es fällt Karl mittlerweile schwer, das Halbschwergewichtslimit zu halten. Müller bringt ihn sukzessive zum Schwergewicht und verändert den Boxstil des Pfälzers. Er sorgt dafür, dass Karl seine technischen Fertigkeiten verbessert und macht aus ihm einen technisch versierten Boxer, der nicht nur auf seine Schlagkraft vertrauen muss.  Insbesondere geht es Müller darum, Mildenbergers Rechtsauslage zu einem Vorteil für ihn zu gestalten. Er feilt am rechten Jab, und Karl lernt, sie schnell und präzise zu schlagen. Müller bringt ihn dazu, seine Beinarbeit zu perfektionieren und trainiert mit ihm schnelle  Seitwärtsbewegungen, macht ihm klar, wie wichtig es ist, möglichst jederzeit die Distanz zum Gegner in der Ringmitte kontrollieren zu können. Jedenfalls führt er Mildenberger zu einem bald überall gefürchteten Rechtsausleger, der diese Auslage geschickt im Ring auszunutzen versteht. Dazu hat Müller ein gutes Händchen dafür, Mildenberger die „richtigen“ Gegner, die er zum Aufbau bis zu einem Titelkampf braucht, auszusuchen. Im Schwergewicht legt er in den Jahren 1960 und 1961 eine lange Siegesserie hin. Unter anderem besiegt er den früheren Schwergewichtseuropameister, Franco Cavicci, nach Punkten, und das in der Höhle des Löwen, nämlich im italienischen Bologna. Am 20. Januar 1961 trifft er auf den Olympiasieger im Schwergewicht von 1956, Pete Rademacher. In der siebten Runde ist Rademacher bis „drei“ am Boden, in der achten bis „neun“. Karl siegt hoch nach Punkten und hat sich damit einen Kampf um den europäischen Schwergewichtstitel verdient.

Das Desaster gegen Dick Richardson

Der Brite Dick Richardson, ein ehemaliger Milchmann, trägt seit Juli 1960 die europäische Schwergewichtskrone. Im Titelkampf um die vakante Schwergewichtseuropameisterschaft hat er den Deutschen Schwergewichtsmeister, Hans Kalbfell, in der 13. Runde durch TKO besiegt. Unter anderem verteidigte er seinen Titel gegen Brian London, einen Boxer, der durchaus zur europäischen Spitze im Schwergewicht zu zählen ist.

Wegen der vergleichsweise  satten Gagen kommt der Brite gern nach Deutschland. Der auf  damals gebräuchliche 15 Runden angesetzte Kampf, der am 24. Februar in der Dortmunder Westfalenhalle stattfindet,  dauert nur etwas mehr als 2 ½ Minuten. Zunächst dominiert Mildenberger, der als klarer Favorit in diesen Kampf geht,  auf seinen schnellen Füßen den Fight, bringt schnelle Jabs durch, wird aber unvorsichtig. Dann schießt eine harte Rechte des Briten an seine Kinnpartie, und er sackt zu Boden, wird ausgezählt.  Karl ist noch nicht einmal „warm“ geworden, und dieser Umstand ist nach Einschätzung mancher Beobachter auch ein Grund dafür, dass er sozusagen „kalt“ erwischt wird, ohne seine technischen Möglichkeiten voll zur Geltung bringen zu können. Möglicherweise hätte er in einer späteren Runde die Rechte von Richardson viel eher verdaut. In der teilweise  hämisch reagierenden Presse, nicht nur in der „Bild“-Zeitung,  wird er daraufhin „Karl der Flache“ genannt, wo er vorher als „Karl der Große“ wegen seiner beeindruckenden Siegesserie bezeichnet wurde.  Von einem “neuen Schmeling“ spricht zu diesem Zeitpunkt kein Mensch mehr.

Der Neuaufbau

Karl ist zunächst demoralisiert. Müller will ihn aufmöbeln, spricht davon, dass er möglichst schnell wieder in den Ring müsse, um den Desaster-Kampf vergessen zu machen. Mildenberger aber flüchtet ins Privatleben, heiratet, lässt sich über mehrere Monate hinweg nicht mehr beim Training sehen. Dann aber ist er wieder da und trainiert verbissen im Boxcamp bei Bad Soden, verbessert weiter seine taktischen Fähigkeiten bzw. korrigiert seine Schwachstellen. Mehr als ein halbes Jahr nach seiner Niederlage sieht man den da erst 24jährigen Anfang September 1962 in der Kölner Messehalle, und er besiegt den italienischen Schwergewichtler Federico Friso  in einem Aufbaukampf deutlich nach Punkten. Auch die nachfolgenden Kämpfe beendet er siegreich; nur gegen Archie McBride wird ein Unentschieden ausgesprochen. Im Refight schlägt er aber den Mann aus Philadelphia deutlich nach Punkten. Karl zeigt, dass er auch gegen international bekannte Schwergewichtler bestehen kann, die in der Weltrangliste zu finden sind. Er siegt über Alonzo Johnson, Joe Bygraves und insbesondere den gleichaltrigen Weltranglistenboxer Billy Daniels, den er in der komplett ausverkauften Frankfurter Festhalle in der dritten Runde ausknockt. Billy Daniels ist ständiger Vertreter in der Weltrangliste und ist mit Zora Folley, Doug Williams und Cleveland Williams über die Zeit gegangen. Sein in dieser Phase wichtigster Sieg ist aber möglicherweise der über den Waliser Joe Erskine, den er deutlich nach Punkten schlägt. Ein Sieg, der ihn international klar nach vorn bringt, zumal Erskine immerhin vor einigen Jahren den Britischen Commonwealth-Titel geholt hatte und George Chuvalo und Henry Cooper besiegt hatte. Wichtig auch deshalb, weil der Waliser auch Dick Richardson zwei Mal ausgepunktet hatte. Der Sieg über Erskine ist also für Karl ein wichtiger Schritt, das Debakel mit Richardson gänzlich zu überwinden.

Diese  Siege führen dazu, dass „Milde“, wie er von seinen deutschen Fans  genannt wird, in der Hierarchie des Schwergewichts weiter aufsteigt und auf lukrativere Kämpfe gegen noch bekanntere Schwergewichte hoffen kann. Nach dem Erskine-Kampf wird er unter den ersten Zehn in der Weltrangliste geführt und trifft am 17. April 1964 in der Frankfurter Festhalle auf den bislang schwersten Gegner, Zora Folley, der in der Weltrangliste einen vorderen Platz einnimmt. Milde schafft es, dem weit erfahrenen US-Amerikaner ein Unentschieden abzuringen, obwohl er nach der Hälfte des Kampfes nach Punkten zurückliegt. In der siebten Runde versucht er, den Kampf zu drehen und attackiert Folley. Dies will er in der achten fortsetzen, ist dann aber mit einem schweren Cut gezeichnet.  Der Kampf steht kurz vor dem Abbruch durch den Ringrichter.  Doch  Karl lässt sich nicht entmutigen und setzt alles daran, den Kampf über die Zeit zu bringen. Es gelingt ihm. Lohn: Der Kampf wird mit „unentschieden“ bewertet.  

Endlich Europameister im Schwergewicht

Nach den zurückliegenden Siegen ist er der unbestrittene Herausforderer für einen Kampf um den europäischen Titel. Schwergewichtseuropameister ist der Brite Henry Cooper, der auch im Weltmaßstab eine beachtliche Rolle spielt. Cooper aber verletzt sich während des Trainings, und so kann der bereits ins Auge gefasst Kampf nicht stattfinden, weil ihm die Europäische Boxunion den Titel aberkannt. Um den vakanten europäischen Schwergewichtstitel kämpft Mildenberger  am 17. Oktober 1964 in der Berliner Deutschlandhalle in Charlottenburg mit dem gleichaltrigen  italienischen Schwergewichtsmeister  Santo Amonti. Der Kampf ist nach eineinhalb Minuten der ersten Runde vorbei. Mildenberger erwischt den Italiener mit einem schweren Körpertreffer, und Amonti ist über die Zeit am Boden. Karl Mildenberger hat endlich den Titel, auf den der so lange hingearbeitet hat: Er ist Schwergewichtseuropameister und hat die Scharte gegen Richardson ausgewetzt. Bis 1968, vier Jahre,  wird er den Titel halten und ihn sechs Mal verteidigen. 

Der Weg zum Titelkampf um die Schwergewichtsweltmeisterschaft

Ende des Jahres 1964 trifft Mildenberger, wiederum in der Berliner  Deutschlandhalle,  auf den US-Amerikaner Amos Johnson, den er schwer unterschätzt. Der harte und zähe Johnson liefert dem Pfälzer einen großen Kampf, und Mildenberger muss alles aufbieten, um den Kampf einigermaßen über die Runde zu bringen.  Es wird ein Unentschieden ausgesprochen, das aber viele nicht überzeugen kann. Nicht wenige haben den Amerikaner vorne gesehen. Aber der Kampf hat Mildenbergers Position in Europa  eher gefestigt, denn Amos Johnson schlägt einige Monate später den britischen Schwergewichtsheros Henry Cooper klar nach Punkten.

Vier Mal sieht man Mildenberger im Jahre 1965 im Ring. Gegen den italienischen Schwergewichtsmeister  Piero Tomasoni und den Berliner Gerhard Zech verteidigt er seinen europäischen Titel. Der Kampf mit Gerhard Zech in der Frankfurter Festhalle gestaltet sich über weite Strecken fast ereignislos und für viele Zuschauer äußerst langweilig. Beide Boxer werden nach dem Kampf, den Mildenberger knapp für sich entscheiden kann, von den 8.000 am Ring  gnadenlos ausgepfiffen.  Auch der Kampfausgang beim nächsten Auftritt  Karls Anfang Februar 1966 und wiederum in der Frankfurter Festhalle  ist für manche umstritten. Er trifft auf den routinierten Eddie Machen, einen beim Kampftag bereits 33jährigen Weltklassemann, der bereits gegen viele Schwergewichtsgrößen angetreten ist, der aber  wegen seiner Niederlagen gegen Floyd Patterson und Ernie Terrell  einen vorderen Platz in der Weltrangliste verloren hat. Mildenberger besiegt den US-Amerikaner in zehn Runden. Deutlich wird, dass Eddie kaum geeignete Mittel findet, der bis zur Perfektion getriebene Rechtsauslegertaktik von Mildenberger wirkungsvoll zu begegnen. Während des gesamten Kampfes macht er eher einen verwirrten und überforderten Eindruck. Übrigens: Schon während Kampfes wird moniert, dass  Ringrichter Seewald oft Entscheidungen trifft, die Mildenberger begünstigen. So unterbricht Seewald  dann den Nahkampf, wenn Machen im Vorteil ist. Seewald wird deshalb als Ringrichter ausgewechselt.

Nach seinem deutlich gewonnenen Titelkampf um die Schwergewichtseuropameisterschaft gegen den Jugoslawen Ivan Prebeg, der in der Hauptsache  als Halbschwergewichtler unterwegs ist und nur gelegentliche Ausflüge ins Schwergewicht versucht, hat er es geschafft. Karl Mildenberger wird von Muhammad Ali, dem Weltmeister im Schwergewicht, dem Größten, als Herausforderer akzeptiert.   

Eine Niederlage, die ihn weltberühmt macht

Muhammad Ali wird schon damals von nicht wenigen Boxfans als der größte Schwergewichtler seit Joe Louis gefeiert. Im Februar 1964 hat er den als unschlagbar geltenden Schwergewichtsweltmeister, Sonny Liston, in einem sensationellen Kampf zur Aufgabe gezwungen und ihn im Refight in der ersten Runde besiegt, für manche unter dubiosen Umständen. Seitdem hat er den ehemaligen Weltmeister Floyd Patterson, die europäischen Spitzenschwergewichtler Henry Cooper und Brian London ausgeknockt und  George Chuvalo ausgepunktet. Er ist haushoher Favorit, so dass die Veranstalter Mühe haben, das Frankfurter Waldstadion zu füllen, zumal die Eintrittskarten für damalige Verhältnisse ungewöhnlich teuer sind. 25 Mark kostet der preisgünstigste Platz, für viele unerschwinglich. Dem Veranstalter, Joachim Göttert, gelingt es gemeinsam mit Harry Levene, Fernsehrechte zu verkaufen, so dass der Kampf auch in die Vereinigten Staaten übertragen werden kann. Das Deutsche Fernsehen erwirbt dagegen keine Übertragungsrechte, auch deshalb, weil die Veranstalter über eineinhalb Millionen Mark fordern.

Der defensiv dominierte Boxstil von Karl Mildenberger ist im Publikum bis zu diesem Kampf nicht gerade beliebt.  Mittlerweile wird er aber auf den vierten Platz der Weltrangliste eingestuft. Er ist der zweite Schwergewichtler nach Max Schmeling, der um die Weltmeisterschaft in der höchsten Gewichtsklasse kämpft. Und er ist der erste Herausforderer um den Weltmeistertitel, der Rechtsausleger ist. Seine letzte  Niederlage, die gegen Dick Richardson,  ist fast vergessen; sie liegt schon vier Jahre zurück. Im Training, das wie üblich im Camp von Bad Soden vor sich geht, wird seine bisherige taktische Marschrichtung stark verändert.  Ein Punktsieg über Ali wird als eher unwahrscheinlich gesehen, weshalb Karls Kampfstil auf Angriff und auf einen vorzeitigen Sieg umgestellt wird, auf den Knockout.

Der Kampf ist auf den 10. September 1966 angesetzt. An die 45.000 Zuschauer (einige Quellen gehen eher von 30.000) aus, umsäumen den Ring. Nur wenige Zuschauer glauben, dass Mildenberger bis zur dritten Runde den Kampf überstehen kann. Die Wetten stehen auf 10:1 für Ali. Ali ist 24 Jahre alt, 1,91 m groß, wiegt 92,6 kg, Mildenberger 1,87 m bei einem Gewicht von 88,5 kg. Ali hat darüber hinaus eine größere Reichweite. Angelo Dundee, der Trainer von Ali, scheint dennoch Bedenken vor dem Kampf zu haben, denn er äußert, dass der Weltmeister immer schon „Schwierigkeiten“ mit Rechtsauslegern gehabt habe. Dundee hat nicht vergessen, dass Ali als Amateur im Halbschwergewicht zwei Niederlagen gegen Linkshänder erlitten hat.  Für den Kampf wird ein größerer Ring (sieben Quadratmeter) herangekarrt, um Ali bessere Möglichkeiten für seine Ausweichmanöver zu verschaffen.

Im ersten Teil des auf fünfzehn Runden angesetzten Kampfes wird deutlich, dass der Champ in der Tat Probleme mit der Rechtsauslage des Europameisters hat. Dennoch kann Ali die ersten drei Runden für sich entscheiden. Er punktet häufig mit seiner unglaublich schnellen linken Führhand und schickt gelegentlich hart geschlagene Rechte hinterher. Mildenberger sieht man unermüdlich im Angriff, und er trifft auch einige Male  mit seiner rechten Hand den Weltmeister. Ali hat noch nicht die wirkungsvolle Distanz gefunden, um Karl in Verlegenheit zu bringen; noch immer zeigt sich, dass er mit  der Rechtsauslage des Europameisters nicht zurechtkommt. Mildenberger gelingt es einige Male, in den Infight zu kommen und Ali mit gut getimten Treffern zu bedrängen. Auch in der vierten Runde ist er im Vormarsch und kann den Weltmeister unter dem Jubel der Zuschauer mit einigen hart geschlagenen Linken durchschütteln. Es sieht so aus, als habe er den Kampf unter Kontrolle.

Ab der fünften Runde hat sich aber der Weltmeister auf die Rechtsauslage Karls eingestellt und findet auch jetzt die für ihn effektivste Ringdistanz. Er stoppt die Angriffe des Herausforderers mit seinen meisterhaft hervorgebrachten Jabs. Gegen Ende der Runde trifft ein blitzschnell geschlagener rechter Haken die Kinnpartie Mildenbergers, und Karl muss erstmals den Ringboden aufsuchen. Er steht wieder, aber es wird sichtbar, dass nun mehr und mehr der Weltmeister die Kontrolle über den Kampf gewinnt. Ali treibt das Kampftempo weiter hoch, ein entscheidender Schlag gelingt ihm aber nicht. In der siebten Runde versucht der Herausforderer noch einmal, die Wende einzuleiten. Obwohl beide Augen durch Cuts stark angeschwollen sind und er kaum mehr klar sehen kann, stürzt er sich, ohne auf seine Deckung Acht zu geben,  auf den Weltmeister und trommelt auf ihn ein, trifft ihn auch mit einer harten Linken. Ali aber kann durch elegante Meidbewegungen den meisten Schlägen entgehen.  Runde acht läutet das Ende des Herausforderers ein. Gegen Rundenschluss schlägt wieder ein rechter Haken ans Kinn ein, und er muss zu Boden, steht bei „acht“ aber wieder auf. Noch benommen schwankt er durch den Ring; da rettet ihn der Rundengong. In der zehnten Runde muss Mildenberger wieder zu Boden, wieder zum Rundenende, und abermals ist der Rundengong der Retter. In den folgenden Runden sieht man im Wesentlichen nur  noch den Weltmeister in Aktion, während Mildenberger sich eher hinter seiner Deckung verstecken muss. Aber er muss weiter schnell und hart geschlagene Hände des Weltmeisters hinnehmen. Das Blut tropft aus seinen Verletzungen auf den Boden. Jetzt ist der Kampf ein Abschlachten geworden. In der zwölften Runde will Ali Schluss machen und feuert rechte und linke Hände an den Kopf Karls. Eine hart geschlagene Rechte trifft ihn am Kopf. Da endlich stoppt der Ringrichter, es ist Teddy Waltham, den Kampf. Ali bleibt Weltmeister.

Dennoch sind die Zuschauer von Karls Vorstellung begeistert. Minutenlang dröhnt das Stadion von den enthusiastischen Schreien der Massen. Auf den Schultern wird er aus dem Stadion getragen. Und Ali, der Weltmeister, lobt Mildenberger nach dem Kampf, wie er’s noch bei keinem anderen getan hat. Er sei nach Liston der stärkste Herausforderer gesehen, den er bis dahin erlebt habe und er wolle nie mehr gegen den Pfälzer boxen. Noch in seinen Erinnerungen ist Karl Mildenberger für ihn einer der stärksten Schwergewichtler, die ihm in seiner Laufbahn vor die Fäuste gekommen ist. Karl Mildenberger hat sich jedenfalls mit diesem Kampf ein Denkmal im deutschen Schwergewicht der Nachkriegszeit gesetzt.

Die letzten Kämpfe

Bereits einige Monate später, am 01. Februar 1967, tritt er gegen den aktuellen italienischen Schwergewichtsmeister, Piero Tomasoni,  in der Frankfurter Festhalle an, um seinen europäischen Titel zu verteidigen. Nach 15 Runden ist er klarer Punktsieger. Keine zwei Monate später verteidigt er ein weiteres Mal die europäische Schwergewichtskrone: In London besiegt er den Briten Billy Walker mit einem TKO in der achten Runde. Auch den US-Amerikaner Amos Lincoln kann er mit einem TKO in der sechsten Runde bezwingen.

Am 16. September 1967 steht er, wiederum im Frankfurter Waldstadion, mit dem bärenstarken Argentinier Oscar „Ringo“ Bonavena im Ring. Es geht um einen Ausscheidungskampf um den vakanten Weltmeistertitel im Schwergewicht, nachdem Muhammad Ali der Titel wegen seiner Kriegsdienstverweigerung  aberkannt worden ist. Für die Ausscheidungskämpfe haben sich Mildenberger, Bonavena,  Jimmy Ellis, Leotis Martin, Jerry Quarry, Floyd Patterson, Ernie Terrell und Thad Spencer qualifiziert.  Mildenberger steht im Übrigen zu diesem Zeitpunkt an der ersten Stelle der Weltrangliste im Schwergewicht.

Der Kampf zeigt, dass es mit Mildenbergers Karriere zu Ende geht. Der fünf Jahre jüngere Bonavena ist dem Pfälzer körperlich deutlich überlegen. In der ersten, vierten, neunten und 10. Runde wird der Europameister niedergeschlagen. Am Ende kann sich Mildenberger über die Zeit retten; Bonavena aber siegt mit einem deutlichen Punktevorsprung. Nicht zu Unrecht kann man davon ausgehen, dass es die schwerste Niederlage in der Laufbahn des Europameisters ist.

Noch einmal verteidigt er drei Monate später gegen Gerhard Zech im Berliner Sportpalast seinen europäischen Schwergewichtstitel mit einem eher knappen Punktsieg. Im April 1968 stellt er sich dem US-Boy Leotis Martin, der sich ebenfalls für die Ausscheidungskämpfe um den Schwergewichtstitel qualifiziert hatte, aber ebenso wie Mildenberger durch eine Niederlage gegen Jimmy Ellis aus dem Turnier geworfen wurde. Auch gegen Martin ist Mildenberger chancenlos und in der siebten Runde vorzeitig besiegt. Seinen letzter Kampf, es geht nochmals um die Europameisterschaft im Schwergewicht, verliert er am 18. September 1968 in London gegen den europäischen Ausnahmeboxer Henry Cooper durch Disqualifikation wegen mehrfacher Kopfstöße in der achten Runde. Dann ist es  nach 62 Kämpfen vorbei, in denen er 53 Siege erringen konnte, von denen er in 19 Kämpfen vorzeitig siegte. Sechs Niederlagen und drei Unentschieden sind registriert.

Auch nach seiner Boxkarriere bleibt Mildenberger dem Sport verbunden. Unter anderem war er in Kaiserslautern als Bademeister tätig und ist auch im Boxclub von Kaiserlautern immer als gern gesehener Berater, insbesondere bei den Nachwuchsboxern, tätig gewesen. Noch heute wird er bei vielen Boxveranstaltungen als geschätzter Gast begrüßt.

Rückblick und Würdigung

Noch in diesem Jahr, am 23. November 2012, wird Karl Mildenberger seinen 75. Geburtstag feiern. In Kaiserslautern sind an diesem Festtag verschiedene Veranstaltungen geplant. Es wird keine seriöse Zeitung geben, die den Geburtstag nicht ansprechen wird, und auch in anderen Medien sind entsprechende Würdigungen zu erwarten. Und zu Recht: Es ist nicht übertrieben, wenn man Mildenberger nach Max Schmeling immer wieder als den zweitbesten deutschen Schwergewichtler aller Zeiten bezeichnet hat, noch beispielsweise vor einem Adolf Heuser, Walter Neusel, Hein ten Hoff, Heinz Neuhaus, Jürgen Blin oder auch Axel Schulz. Berühmtheit, auch im internationalen Maßstab,  erlangte er aber im Grunde erst durch seinen Riesen-Kampf gegen den Größten, gegen Muhammad Ali. Vier Jahre konnte Mildenberger seinen europäischen Schwergewichtstitel verteidigen, er kämpfte gegen die Großen des Weltschwergewichts und vertrat den deutschen Boxsport über weite Strecken überzeugend. Im Maßstab des europäischen Schwergewichts ist er in jedem Fall in seiner besten Zeit als ein Großer einzustufen, vergleichbar mit dem Haudegen Henry Cooper, mit einem Brian London oder Dick Richardson. Schon aus diesem Grund wird er nicht in Vergessenheit geraten.

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19 Kommentare

  1. DR_BOX
    12. April 2012 at 20:43 —

    Traut sich keiner?

    Wie so oft: Hut ab vor Paul!

  2. Allerta Antifascista!
    12. April 2012 at 21:03 —

    Hab ihn schon als Kind vor über 20 Jahren kennengelernt, entspannter und freundlicher Typ!
    Und das wichtigste:Ein Lautrer Junge wie ich!

  3. robbi
    12. April 2012 at 21:18 —

    gut zu lesen…echt schön das es diese artikel immer gibt.
    aber in dem artikel ist n schönheitsfehler….ali hat gegen henry cooper gekämpft und dann gegen liston…du schreibst es andersrum

  4. robbi
    12. April 2012 at 21:22 —

    allerdings hat er danach auch nochmal gegen ihn gekämpft

  5. Paul
    12. April 2012 at 22:49 —

    @ robbi

    Du hast insofern recht, als Ali natürlich auch schon vor den Liston-Kämpfen gegen Cooper angetreten ist. In dem Artikel werden aber nur die Kämpfe Alis angesprochen, die nach den Siegen gegen Liston und vor dem Kampf gegen Mildenberger stattgefunden haben. Sonst wäre der Artikel zu lang geworden.:-)

  6. Joe23
    12. April 2012 at 23:47 —

    Danke für diesen informativen Artikel!
    Haben wir wieder was gelernt, also ich zumindest.

  7. johnny l.
    13. April 2012 at 01:59 —

    das beste an boxen.de sind die historischen artikel!

  8. robbi
    13. April 2012 at 08:44 —

    Da hast du recht aber sei stolz auf dich du bereicherst diese seite mit den artikeln…ich bin seit 12jahren boxverrückt und lese alles was man zu lesen bekommt…hab selber 13jahre geboxt und dieser sport…ich würde ihn nicht als sport sondern leben bezeichnen denn du musst diesen sport leben und an alle eltern die nicht wissen ob ihre kinder aufs sportinternat sollen…ja schickt sie dahin…da wird man geformt geprägt..lernt mit erfolg ,niederlagen umzugehen und damit sich durchzusetzten….

  9. Markus
    13. April 2012 at 09:09 —

    Sehr schöner Artikel!

  10. Paul
    13. April 2012 at 11:05 —

    @ robbi

    Genau aus diesen Gründen setze ich mich seit Jahren dafür ein, dass das Boxen auch im Schulsport Eingang findet. Dazu habe ich einen Artikel geschrieben (in der Kategorie “Training” zu finden).

  11. Tom
    13. April 2012 at 15:35 —

    Sehr guter Bericht!

  12. robbi
    14. April 2012 at 16:39 —

    Ich hab in rostock ne zeitlang kinder rostock für schulmeisterschaften trainiert da mein trainer zu alt war und eigentlich nur noich sitzen konnte aber da er die gruppe trotzdem trainieren wollte hab ich ihm geholfen seine anweisungen den kindern wiederzugeben.
    Das schüler boxen gibt es bei uns einmal im jahr und wird in den schulen bekannt gegeben wer mitmachen möchte und noch keine amateurkämpfe hat darf teilnehmen…dazu wird denn training an gewissen schulen angeboten..alles ist kostenlos für kinder und eltern.

  13. Shlumpf!
    14. April 2012 at 18:20 —

    Wie immmer ein guter Artikel. Und endlich mal ein Thema, das nicht in einer Endlosstreiterei zwischen Tommybox, HWB und DR_BOX endet

  14. Alonso Quijano
    15. April 2012 at 00:08 —

    Sehr guter Beitrag finde ich, mein Respekt

  15. Alonso Quijano
    15. April 2012 at 00:17 —

    also wirklich gut

  16. Paul
    15. April 2012 at 10:43 —

    @ robbi

    Schade, dass es das nach meinen Kenntnissen in den westlichen Bundesländern nur in Hamburg und NDS gibt (als außerunterrichtliche Angebote). Ich hoffe mal, dass sich da in den nächsten Jahren mehr tut.

  17. robbi
    15. April 2012 at 11:21 —

    Das hoffe ich auch das tut den kindern und dem boxen gut…ich hatte immer sehr sehr alte trainer aus der ddr und wenn ich passagen aus szdunek seinem buch lese weiß ich warum die so streng waren aber das war gut so…ich habe mein trainier als vater gesehen…wenn er sagte gewicht machen sagte ich nur wieviel und dann ging es los:-). Mach einfach weiter mit diesen artikel:-)

  18. kevin22
    15. April 2012 at 12:06 —

    Kann mich noch erinnern wie es damals an unserer Schule war, da kamen regelmässig Trainer verschiederer Sportarten in die Schule. Die stellten sich im Klassenraum vorn an die Tafel und dann wurde man gewogen und vermessen. Wer den Kriterien der Trainer entsprach, dessen Eltern wurden dann mit einem Hausbesuch gesegnet 😉

    Eigendlich war fast jedes Kind zu DDR Zeiten in irgendeinem Sportverein! Das klingt jetzt vieleicht etwas nach Zwang und Bevormundung, aber weit gefehlt, ob man in diesem Verein wirklich mitmachte oder nicht entschied man dann immer noch selber.
    Regelmässig gab es Trainingslager, Wettkämpfe, und wenn man sehr gut war, konnte man die entsprechende Sportschule besuchen, war immer auswärts und eigendlich ein Internat.
    Na da ging dann aber die Post ab… 🙂

    Das war damals alles komplett kostenlos, ich glaube lediglich die Trainingslager kosteten 10 Ostmark Verpflegungsgeld. Das war aber auch eher Urlaub mit Training gepaart.

    @ Paul

    Möchte mich meinen Vorschreibern anschliessend, wieder ein super Artikel, mach weiter so!

  19. Paul
    15. April 2012 at 18:47 —

    @ Kevin22

    Ich bin ebenso wie Du der Meinung, dass einiges aus dem DDR-Schulsport vorbildlich war. Dies gilt auch und besonders hinsichtlich der Gewichtung des Boxsports im schulischen Bereich.

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