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Jama Saidi: „Ich glaube nicht, dass die Olympischen Spiele den Verlust eines Menschen aufwiegen könnten!“

Der Dürener Profiboxer Jama Saidi, 26 Jahre alt, ist der jüngste Neuzugang des Berliner Boxstalls AGON Sports & Events. Der frühere IBF- und WBO-Europa-Champion im Superweltergewicht spricht offen über die Corona-Krise, die Schwierigkeiten in seiner Karriere und sagt, warum sein Bruder der wichtigste Mensch in seinem Leben ist.

Jama, du solltest am 21. März in Wuppertal dein Debüt für AGON Sports & Events geben. Trotz aller Anstrengungen hat AGON die Veranstaltung wegen der Corona-Krise abgesagt.

Jama Saidi: „Das war wirklich enttäuschend. Wir Athleten hatten uns neun Wochen auf unsere Fights vorbereitet. Zuerst zwei Wochen im Trainingslager auf Mallorca, dann weitere sieben Wochen Quälerei im Gym. Wir brannten darauf zu boxen, zur Not auch ohne Zuschauer. Besonders schmerzlich war es für Vincenzo Gualtieri. Er wäre in Wuppertal der Lokalmatador gewesen und hatte exzellente Chancen, Deutscher Meister zu werden. Ingo Volckmann und das AGON-Management haben alles gegeben, damit der Event hätte stattfinden können. Dass AGON letztendlich abgesagt hat, geschah aus Verantwortung gegenüber den Fans, Sportlern, Trainern und Offiziellen. So gerne ich geboxt hätte, ich stehe zu 100 Prozent hinter dieser Entscheidung.“

Der Sport hat sich seit Corona dramatisch verändert. Selbst die Olympischen Spiele sind verschoben worden.

Jama Saidi: „Das ist ein wenig kurz gesprungen, denn ich glaube nicht, dass die Olympischen Spiele den Verlust eines geliebten Menschen aufwiegen könnten. In Deutschland haben sich bereits über 63.000 mit Corona infiziert und fast 600 sind schon verstorben. Deshalb kann ich nicht verstehen, warum einige die Sicherheitshinweise der Regierung und der Ämter ignorieren und Party feiern. Ich will nicht der sein, der den Zeigefinger hebt, aber das ist gegenüber der Gesellschaft unverantwortlich.“

Du hältst dich an die Regeln?

Jama Saidi: „Ja, ich nehme sie sehr ernst. In meiner Familie gibt es Menschen, die wegen Herzproblemen zur Risikogruppe gehören. Doch vor allem gilt meine Sorge meinem älteren Bruder Kaneshka.“

Hat er auch Herzprobleme?

Jama Saidi: „Kaneshka leidet an Trisomie 21, einer Form des Down-Syndroms. Sein Immunsystem ist sehr anfällig.“

Belastet Dich das sehr?

Jama Saidi: „Kaneshka ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Für ihn würde ich alles aufgeben. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn. Kaneshka muss auf alles verzichten und hat trotzdem so viel Liebe zu vergeben. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich jetzt stehe.“

Du bist nicht der einzige bekannte Boxer in Düren.

Jama Saidi: „Ernst Müller, Boxring Düren. 1978 Dritter der WM in Belgrad und 1979 Europameister in Köln. In Düren weiß das jedes Kind. Ernst ist Legende, an dem werde ich niemals vorbeikommen.“

Du kamst über das Kickboxen zum Profiboxen.

Jama Saidi: „Zuerst habe ich bei den Bambini Fußball gespielt. Damals war ich vier. Mit acht Jahren ging es zum Kickboxen. Das habe ich damals aber nur halbherzig verfolgt und bin zum Tischtennis gewechselt. Nach einem Jahr wieder zurück zum Kickboxen, diesmal mit wesentlich mehr Biss. Ich wurde dreimal deutscher Meister und mit 17 Jahren der Champ ‚King of under 18‘. Im gleichen Jahr bestritt ich meinen ersten Profikampf, obwohl ich immer nur Kickboxer war und nie olympischer Boxer.“

Dein erste Profiboxkampf war im Halbschwergewicht. Für AGON wirst Du vermutlich im Superweltergewicht boxen. Sei ehrlich Jama, warst Du früher „Mamas Pummelchen“?

Jama Saidi (lacht): „Nein, nein, ich sollte damals in Kassel im Mittelgewicht boxen und war top vorbereitet. Zu meiner Enttäuschung hatte mein Gegner kurzfristig abgesagt, genauso wie der des Lokalmatadoren Eduart Konstan. Mehr im Spaß meinte der Veranstalter: ‚Wenn du Lust hast, dann kannst du ja gegen Eduart boxen.‘ Ich weiß noch, der war locker zehn Kilo schwerer als ich. Er hatte auch schon einige Kämpfe auf dem Buckel. ‚Was soll´s“, dachte ich. Ich fühlte mich top und hatte großes Selbstvertrauen. Diesen Kampf werde ich niemals vergessen. Zuerst hatte das Publikum nur für ihn geschrien, dann drehten die Sympathien und seine Fans feuerten mich an. In der fünften Runde kam sein vorzeitiges Aus.“

Siegen kannst du.

Jama Saidi: „Bis zu meinem Kampf gegen Jack Culcay stand ich 16 Mal im Ring und hatte nur gewonnen. Anfangs waren es mehr oder minder Aufbaukämpfe. Ich wollte im Ranking steigen und wusste, je früher du die Fights beendest, desto höher kommst du im Ranking. Siegen hat aber nicht nur Vorteile, sondern birgt auch Nachteile.“

Nachteile?

Jama Saidi: „Mein Respekt vor einer Niederlage ist mit der Anzahl der Siege proportional gewachsen. Durch diesen emotionalen Zwang verliert man seine Unbekümmertheit und die mentale Leichtigkeit. Ich habe mehr als einmal im Leben eine Niederlage einstecken müssen. Aber im Ring ist es etwas anderes, es baut sich über die Zeit ein enormer psychischer Druck auf. Vielleicht liegt die Begründung in dem zunehmenden Bewusstsein, dass man seine Fans enttäuschen könnte.“

Und dann kam der Fight gegen Jack Culcay.

Jama Saidi: „Wenn ich antrete, dann will ich siegen. So war es auch gegen Jack Culcay. Ich war bestens vorbereitet und hatte faire Chancen zu gewinnen. Ich habe verloren. Das Interessante ist, dass durch die Niederlage meine verloren geglaubte Leichtigkeit zurückgekehrt ist. Im Nachhinein glaube ich, dass dies am Zuspruch meiner Fans und Kritiker lag.“

Bei AGON ist Jack Culcay jetzt dein Stallgefährte. Ist da nicht Stress vorprogrammiert?

Jama Saidi: „Jack ist ein megaguter Typ und ein echter Champion. Er wird eine weitere Chance bekommen, um eine WM zu kämpfen. Das weiß ich. Konkurrenzdenken und Stress? Nicht die Spur. Jack und ich sind Sportler. Wenn wir kämpfen, dann wollen wir siegen, egal gegen wen wir antreten. Trotz aller Härte des Boxens darf man nicht vergessen, dass es immer noch Sport ist und nicht, wie gerne stilisiert wird, Krieg bedeutet.“

Jama, wenn man junge Profis nach ihren Zielen fragt, dann lautet die Antwort fast immer: „Ich will Weltmeister werden.“ Wie wäre deine Antwort gewesen?

Jama Saidi: „Ich hätte geantwortet, dass ich Profiboxer werden möchte. Dadurch dass man für einen Boxkampf ein paar Euro bekommt, ist man noch lange kein Profi. Fataler Weise glauben das jedoch viele zu Beginn ihrer Karrieren. Meine Mutter verlangte von mir, dass ich erst einmal eine Ausbildung absolviere, bevor ich Berufsboxer werde. ‚Mama‘, sagte ich, ‚ich bin ein sehr guter Kämpfer und ich will mein Geld mit dem Boxen verdienen.‘ Heute habe ich eine Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister sowie eine weitere zum Physiotherapeuten. Ich habe gesehen, wie schnell Karrieren zu Ende gehen können, sei es durch Verletzungen oder einfach, weil es sportlich oder mental nicht reichte. Mit diesem Wissen bin ich meiner Mutter unendlich dankbar dafür, dass sie sich damals gegen mich durchgesetzt hat.“

Und wann wurdest Du zum echten Berufsboxer?

Jama Saidi: „Nach meinem zwölften Kampf war ich bei den Profis angekommen. Ich hatte Arman Torosyan geschlagen und war IBF-Europameister. Endlich fanden sich Sponsoren. Ich brauchte keine Nebenjobs mehr und konnte mich ausschließlich auf den Sport konzentrieren. Mit einem Mal hatte ich ein Team, dass mich aufbauen wollte. Da hat es auch in meinem Kopf ‚Klick‘ gemacht. Übrigens, Jack war nicht der erste AGON-Boxer, gegen den ich antrat. Damals boxte auch Arman Torosyan im Dienst von AGON.“

Jetzt hast Du bei AGON unterschrieben?

Jama Saidi: „Das stimmt. Mit AGON habe ich nun einen Partner an der Seite, mit dem ich gemeinsam meine Karriere Schritt für Schritt planen kann, um in absehbarer Zeit um einen WM-Titel boxen zu können.“

 Ehrlich gesagt hört sich das ein wenig nach Versicherungsreklame an!

Jama Saidi: „Ich bin der Meinung, dass man große Meisterschaftskämpfe und die damit verbundenen Titel vernünftig planen und vorbereiten muss. Nur auf die Kampfbörse zu schielen und boxspezifische Parameter, wie z.B. die Vorbereitungszeit, zu ignorieren, mag kurzfristig Einnahmen generieren. Aber langfristig wird es Zyankali für die Karriere und die großen Fights mit lukrativen Börsen sein. Reklame hin oder her, AGON und ich teilen diese Sichtweise. Deshalb bin ich mir sicher, dass die Zusammenarbeit partnerschaftlich und sehr erfolgreich sein wird.“

Foto: Wolfgang Wycisk

Quelle: AGON

 

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