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Henry Maske und Co: Deutsche Olympiasieger der achtziger und neunziger Jahre

Schon ab den siebziger Jahren zeigt sich, dass im geteilten Deutschland die Amateurboxer der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik bei Olympischen Spielen, aber auch bei Weltmeisterschaften und europäischen Titelkämpfen, weitaus erfolgreicher auftreten. Mit den Olympiasiegen von Wolfgang Behrendt 1956 und  Manfred Wolke 1968  finden sich erste Ansätze der später fulminanten Erfolge der DDR-Boxer. Eine über das ganze Land sich erstreckende Talentsichtung und Talentlenkung, eine behutsame und systematische Aufbauarbeit mit einem kompetenten Trainerstab macht dies möglich. Trainer, die nach der Wiedervereinigung heute im Profibereich noch tätig sind,

Fritz Sdunek, Ulli Wegner und Manfred Wolke als DDR-Trainer

Hierzu zählt der heute 64jährige Fritz Sdunek, der als Amateur 129 Kämpfe bestritt, zuletzt beim SC Traktor Schwerin, und dort zunächst auch als Trainer arbeitet, wo er unter anderem Alexander Zülow betreut. Nach dem Studium an der Sporthochschule Leipzig mit dem Abschluss des Diplom-Sportlehrers ist er dann Assistent des DDR-Cheftrainers Günter Debert, der diese Position von 1978 bis 1979 innehat. Nach der Vereinigung arbeitet er auch als Cheftrainer des Niederländischen Boxverbandes und  kurz (in den Jahren 1993/1994) als Bundestrainer beim Deutschen Amateurboxverband. Danach erhielt er einen Vertrag beim Universum-Stall und trainiert noch heute unter anderem Vitali Klitschko und Felix Sturm.

Auch Ulli Wegner, der 1942 in Stettin geboren wird, zählt zu den Trainern, die mit dem Aufbau des Amateurboxsports in der DDR eng verbunden ist. Wegner hatte mit noch nicht dreißig Jahren vom aktiven Boxsport Abschied genommen (176 Amateurkämpfe). Nach dieser Zeit wird er Trainer bei der BSG Wismut Gera, wo er auch als Aktiver mitgewirkt hatte. Über ein halbes Jahrzehnt ist er dann bis 1979 für den DDR-Verband als Scout unterwegs. Er selbst sagt, dass ihm diese Tätigkeit noch heute hilft, Talente auf den ersten Blick zu erkennen, um dann diese „Rohdiamanten“ mit einer behutsamen und systematischen Förderung zur Spitze zu verhelfen. Nach der Vereinigung wird er vom Deutschen Amateurboxverband als Bundestrainer eingestellt. Seit den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, wo er unter anderem die Medaillengewinner Oktay Urkal und Thomas Ulrich betreute, die später auch im Profibereich von sich reden machten,  ist er im Sauerlandstall als Cheftrainer tätig.

Auch Manfred Wolke, der u. a. Rudi Fink betreute, kann man in der DDR zu den Übungsleitern rechnen, die am Aufbau des Amateurboxsports beteiligt sind (siehe Teil I des Artikels).

Die Erfolge der DDR-Sportler in den 1980er Jahren und auch die ersten gesamtdeutschen Erfolge in den 1990er Jahren sind nicht zuletzt auf deren Trainingsarbeit zurückzuführen. 1984, bei den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles, nehmen wegen des Boykotts der Spiele durch die Staaten des „Ostblocks“ keine DDR-Boxer teil. Erst 1988 in Seoul tritt wieder eine DDR-Auswahl an. Erfolgreich, denn DDR-Boxer holen sich zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille durch Andreas Zews im Fliegengewicht ab. Für die Boxer aus der alten Bundesrepublik erringt Reiner Gies im Halbweltergewicht die Bronzemedaille.

Henry Maske und Andreas Zülow: Gold bei Olympia 1988

Als Amateur holte Maske alle wichtigen Titel. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gewinnt er die Goldmedaille im Mittelgewicht und schlägt im Finale den Kanadier Egerton Marcus klar nach Punkten. Er findet aber insofern beim Turnier glücklich Umstände vor, als sein ärgster Kontrahent, der Kubaner Àngel Espinosa, wegen des Boykotts der Spiele durch den kubanischen Verband nicht antreten kann. Espinosa hatte gegen Maske in vorangegangenen Vergleichen klar gewonnen. Dreimal trifft Maske auf den Kubaner, dreimal hat er gegen ihn keine Chance. Man muss allerdings bedenken, dass viele sonst äußerst erfolgreiche Boxer häufig einen Gegner haben, der ihnen „nicht passt“, der von seinen Bewegungsabläufen, seinem Stil oder den körperlichen Gegebenheiten scheinbar unüberwindlich ist. Jedenfalls können die Niederlagen gegen den Kubaner nicht die Gesamtleistung Maskes, sowohl als Amateur als auch als Profi, ernsthaft schmälern.

Bei den Weltmeisterschaften 1989 in Moskau holt er Gold im Halbschwergewicht, bei den WM in Reno 1986 Silber. Maske konnte drei Mal den Europameistertitel im Mittelgewicht erringen: 1985, 1987 und 1989.

Als Profi wird Maske im Jahre 1993 Weltmeister (IBF) im Halbschwergewicht  durch einen klaren Punktsieg gegen den „Prinzen“ Charles Williams aus den USA. Er kann den Titel zehn Mal verteidigen. Darunter waren allerdings einige Kämpfe, die von nicht wenigen als äußerst umstritten bezeichnet wurden, so z.B. im ersten Kampf gegen Graciano Rocchigiani, wo bei der Verkündung des Urteils ein Proteststurm losbrach. Im Refight allerdings gewann er gegen Rocky überlegen nach Punkten. Beim Vereinigungskampf (WBA/IBF) im Jahre 1996 gegen Virgil Hill unterlag er deutlich. Es war gleichzeitig sein für lange Zeit letzter Kampf; der (vorläufige) Abschied vom Ring wird mit einer rauschenden Inszenierung begangen, bei der selbst Ringsprecher Michael Buffer beim Abschiedslied „Time To Say Goodbye“ die Tränen nicht zurückhalten kann   

Maske wird am 06. Januar 1964 in Treuenbrietzen, einem Ort im Südwesten Berlins, geboren. Sein Vater, ein Schlosser, später Verkaufsfahrer,  ist im Judosport heimisch. Henry  hat noch zwei ältere Geschwister; sein Bruder aber will mit dem Boxen nichts zu tun haben. Er selbst beginnt schon mit sechs Jahren in Ludwigsfelde mit ersten Boxtrainingsversuchen. Sein Vater ist nicht nur einverstanden mit der Boxleidenschaft seines Sohnes, sondern unterstützt ihn sogar dabei. Erster Trainer ist Hans Hörnlein, der bei der BSG Motor Ludwigsfelde arbeitet und unter dessen Leitung Maske im Jahre 1973 seinen ersten Amateurkampf bestreitet. Nach dem Sieg bei der Spartakiade 1977 wird Manfred Wolke beim ASK Vorwärts Frankfurt/O. sein Trainer, und er bleibt es lange Jahre.

Maske ist niemals ein großer Puncher gewesen. Seine Stärken sind immer seine Schnelligkeit, seine ausgefeilte Technik und auch seine ausgefeilten Ausweichbewegungen gewesen. Bei einem Teil der Boxfans kam er wegen der mangelnden Puncherqualitäten und Angriffslust nicht gut an; sie monierten, dass er immer ein DDR-Amateurboxer mit zwar guten technischen Voraussetzungen, aber ohne die Fähigkeiten geblieben sei, die einen Spitzenprofi auszeichnen. Bei der Masse der Zuschauer war er allerdings ein Boxer, der in der Nachkriegszeit als der populärste Boxer nach Gustav Scholz gilt.          

Dass Henry Maske  an vorderer Stelle dazu beigetragen hat, den Boxsport in Deutschland wieder populär zu machen, ist unbestritten. Man konnte zum Beispiel nach seinen Kämpfen deutlich beobachten, dass sich in den Amateurboxvereinen viele  junge Anfänger meldeten, die sich nicht zuletzt von Maskes Charisma im Boxring selbst zu diesem Sport hingezogen fühlten.

Nach seinem Rücktritt vom aktiven Sport sieht man den Brandenburger häufig in Fernsehshows, als „Experte“ bei Boxerereignissen und bei anderen großen Veranstaltungen. Im Jahre 2007 stellte er sich noch einmal in einem „Refight“ seinem Bezwinger Virgil Hill, um die Scharte der Niederlage auszuwetzen. Er siegt nach Punkten.

Eine ausführlichere Biographie zu Henry Maske wird in nächster Zeit erfolgen.

Andreas Zülow: Gold im Leichtgewicht

Der am 23.10.1965 in der Mecklenburger Kleinstadt Ludwigslust geborene Zülow beginnt bereits mit neun Jahren mit ersten Boxversuchen.  Weil er für sein Alter sehr zart gebaut ist, schafft er es fast nicht, in der Kindersportschule Aufnahme zu finden. Das große boxerische Talent Zülows wird von Dieter Schäfer, der selbst als Boxer bei Traktor Schwerin erfolgreich gewesen war und in Ludwigslust seit Mitte der 1960er Jahre eine Boxabteilung an der Sportschule aufgebaut hatte, recht schnell erkannt.

Zülow kann auf mehrere DDR-Meisterschaften in Feder- und Leichtgewicht in den Jahren 1984 bis 1989  sowie auch 1992 im Halbweltergewicht zurückblicken. 1986 wird er bei den Weltmeisterschaften in Reno Dritter, und besiegt bis zum Halbfinale unter anderem auch den westdeutschen Federgewichtler Klaus Niketta. Bei der WM 1989 in Moskau holt er Silber, scheitert erst im Finale des Leichtgewichts an dem Kubaner Julio Gonzalez. Bei den europäischen Titelkämpfen schafft er es nur im Jahre1991, eine Medaille zu erringen. Im Finale der Europameisterschaften unterliegt er Konstantin Tszyu, den er bei den Spielen in Seoul noch knapp besiegt hatte. 

Zülows große Stunde schlägt 1988 bei den Spielen in Seoul. Er punktet klar den Keninaner Patrick Waweru und den Italiener Giorgio Campanelle aus, setzt sich knapp gegen Konstantin Tszyu aus der Sowjetunion durch und schlägt im Viertelfinale den Ägypter Mohamed Regazy, im Halbfinale den US-Amerikaner hoch nach Punkten. Auch im Finale zeigt er sich dem Schweden George Cramne deutlich überlegen und sichert  sich hochverdient Olympiagold im Leichtgewicht.

Andreas Zülow bestritt als Amateur insgesamt 322 Kämpfe und siegte in 273 Kämpfen. Nach der Vereinigung wird ihm vom Universum-Boxstall ein Profiangebot unterbreitet, das er aber ablehnt, weil er der Meinung ist, dass er dafür schon „zu alt“ sei.  Gegenwärtig ist er Leiter eines Studios für Box- und Kicktraining in mecklenburgischen Gadebusch.

Vor zwanzig Jahren: letzte deutsche Olympiasiege durch Torsten May und Andreas Tews

Der am 10. September 1969 in Glauchau bei Zwickau in Sachsen geborene Torsten May hat als Amateur 155 Kämpfe bestritten, 120 davon siegreich. Mit seinem Trainer, dem heute bundesweit bekannten Sauerland-Übungsleiter Ulli Wegner, wird der Rechtsausleger erstmals im Jahre 1991 Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Im gleichen Jahr setzt er sich bei den Weltmeisterschaften in Sydney mit einem Punktsieg im Finale gegen den Russen Andrei Kuryarka durch und wird Halbschwergewichtsweltmeister.

Bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 schaltet er im Viertelfinale des Halbschwergewichts den USA-Amerikaner Montell Griffin aus, der als Profi später WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht werden sollte. Im Semifinale besiegt er den Polen Wojciech Bartnik. Gold gewinnt er durch einen Finalsieg gegen Rostilav Zaulitchny aus dem Vereinten Team ehemaliger sowjetischer Staaten (CIS).

Schon ein Jahr nach dem Gold bei den Spielen in Barcelona wird er Profi im Sauerlandstall, betreut von Manfred Wolke. Nach fünfzehn Siegen im Cruisergewicht, wovon einige allerdings gegen nur sehr limitierte Boxer erzielt werden, steht er im WM-Kampf gegen den US-Amerikaner Adolpho Washington. Er verliert nach Punkten, und man sieht, dass er diese Niederlage in den weiteren Kämpfen nie ganz verkraftet hat. Im Jahr 1999 holt er sich durch einen Sieg gegen den Russen Alexey „Chillin“ Ilyin zwar den europäischen Cruisertitel und sichert sich in einem Refight gegen Adolpho Washington  den IBF Interkontinental-Titel. Im Kampf gegen den Ukrainer Alexander Gurov Anfang März 2001, bei dem sich eine weitere WM-Chance für ihn hätte eröffnen können, unterliegt er durch einen schweren TKO in der achten Runde. Nach dieser herben Niederlag tritt er vom Profisport zurück. Nach insgesamt 25 Kämpfen als Profi, von denen er 22 (12 KO) gewann und in drei Kämpfen verlor,  sieht er für sich keine Chance auf einen erneuten Titelgewinn. Es gab nicht wenige, die May als „legitimen Nachfolge“ Henry Maskes gesehen haben. Seine Auftritte im Profilager aber zeugen davon, dass er sich im harten Profigeschäft nie ganz heimisch fühlte oder durchsetzten konnte.

Seit dem Jahre 2001 ist Torsten May beim Sauerlandstall im Trainerstab Ulli Wegners beschäftigt.

Eine ausführlichere Biographie Torsten Mays wird in nächster Zeit folgen.

Andreas Tews: Gold 1992 in Barcelona

Der am 11. September 1968 geborene Tews nimmt bereits 1978, da ist er gerade zehn Jahre alt, ein Boxtraining bei Fiko Rostock auf, trainiert dann beim SC Traktor Schwerin. DDR-Meister wird er in den Jahren 1985, 1987 und 1989. Nach der Wiedervereinigung erkämpft sich der Fliegengewichtler in den Jahren 1991 und 1992 zwei deutsche Meistertitel. Bei den Junioren holt er bei den Europameisterschaften 1986 in Kopenhagen Silber im Fliegengewicht und feiert kaum ein Jahr später bei den Europameisterschaften in Turin seinen Titelgewinn im Fliegengewicht. Trainiert wird er in dieser Zeit von Otto Ramin, der aktuell unter anderem  den Schwergewichtler Kubrat Pulev betreut. Bei den Europameisterschaften im schwedischen Göteborg holt er sich 1991 Bronze im Bantamgewicht ab. Die Olympischen Spiele von Seoul 1988  sehen ihn als Finalteilnehmer im Fliegengewicht, er kann sich aber gegen den Koreaner Kim Kwang-Sun nicht durchsetzen und wird Olympiazweiter.

Vier Jahre später, bei den Spielen in Barcelona, holt der Gold für das wiedervereinigte Deutschland im Federgewicht.  Im Viertelfinale schlägt er den Koreaner Park Duk-Kyu, im Halbfinale Hocine Soltani aus Algerien. Das Federgewichtsfinale bestreitet er gegen den Spanier Faustino Reyes. Den Kampf gewinnt er hoch nach Punkten (16:7) und ist Olympiasieger.

Schon ein Jahr später, da ist er erst 24 Jahre alt, nimmt er Abschied vom aktiven Boxsport. Ein Profiangebot des Universum-Stalles schlägt er aus.

Der Boxboom der 1990er Jahre und die Nachwirkungen

Von den deutschen Olympiasiegern ist es natürlich Henry Maske, der als Profi im Halbschwergewicht in Deutschland ziemlich große Popularität erlangte, und der auch dazu beitrug, dass der Boxsport wieder zu einem Massensportphänomen wurde und sich auch eine gewisse Seriosität unter den Sportarten, die vorher kaum vorhanden war, verschafft. Es gibt nicht wenige Beobachter der Boxszene, die Henry Maske als „Glücksfall“ für den deutschen Amateur- und Profiboxsport gesehen haben. Selbst sogenannte „bessere“ Kreise der Gesellschaft und Prominente begannen sich nun für den Boxsport zu interessieren  oder sogar scheinbar zu „begeistern“ und boten sich zum Teil  bei den großen Boxereignissen den Fernsehanstalten als „Experten“ an. Noch wichtiger aber war es, dass Maskes Erfolge viele Kinder und Jugendliche zum Amateurboxen führten.  Die Anfangserfolge deutscher Boxer nach der Wiedervereinigung (siehe u. a. May und Tews) in den 1990er Jahren  sind noch auf die systematische Talentsichtung und Förderung in der DDR zurückzuführen. Später werden Erfolge immer rarer. Vielleicht ändert sich das ja bei den kommenden Olympischen Spielen in London.

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1 Kommentar

  1. Ferenc H
    9. Juli 2012 at 13:16 —

    Guter Artikel Paul machte spass zu lesen.

    Mfg

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