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Hein ten Hoff: Erster deutscher Schwergewichts-Europameister nach dem Krieg

25000 Zuschauer strömen am 28. Mai 1950 ins Stadion des VfR Mannheim.  Hein ten Hoff, der  Deutsche Schwergewichtsmeister seit 1946, tritt in einem Nicht-Titelkampf gegen Jersey Joe Walcott an. Walcott hatte in den Jahren 1947/48 zwei Mal gegen Joe Louis geboxt und verloren, und ebenso in zwei Kämpfen gegen Ezzard Charles nicht siegen können, hatte aber andererseits u. a. gegen Harald Johnson und Olof Peder („Olle“) Tandberg  ungefährdete Punktsiege einfahren können. Im Juli 1951 schlug er dann Ezzard Charles in einem WM-Titelkampf entscheidend.  Hein ten Hoff steht in der Weltrangliste auf dem siebten Platz.  Nat Fleischer, der damalige Herausgeber von „The Ring“, ist vom Sieg ten Hoffs überzeugt, meint aber andererseits, dass er nicht der Mann einer Weltkarriere sei. Der Kampf Walcotts mit ten Hoff geht über zehn Runden, und ten Hoff kann nicht nur mithalten, sondern den späteren Weltmeister zeitweise bedrängen. Dennoch verliert Hein nach Punkten. Zwar ist das Urteil einstimmig, aber nicht wenige haben ten Hoff vorn gesehen. Unbestreitbar gehört Hein ten Hoff zu denen, die im europäischen Schwergewicht der späten 1940er Jahre und der frühen 1950er  die Szene beherrschen.

Hein ten Hoff als Amateur

Seine Familie kommt ursprünglich aus den Niederlanden. Der Vater, ein Landwirt,  zog mit der Familie nach Edewecht und nahm dort die deutsche Staatsbürgerschaft an. Hein wird am 19. November 1919 in Edewecht/Süddorf (nahe Oldenburg) als zweitältestes Kind geboren.  Er beschreibt sich als „stiller Knabe“, der sich aber „nicht von anderen verdreschen“ lässt. Regelmäßigen Sport betreibt er zunächst  kaum; sein Interesse wächst erst später. Er schwankt zwischen Rennfahren und Boxen, entscheidet sich aber dann für den Boxsport. 

Ab Mitte der 1930er Jahre beginnt er mit dem Amateurboxen, als 17jähriger. 1938 nimmt er an den Deutschen Meisterschaften im Halbschwergewicht teil, schafft es aber nur bis zu den Ausscheidungskämpfen.  In den Jahren 1939 versucht er‘s bei den Amateurmeisterschaften im Schwergewicht, aber scheidet wiederum frühzeitig aus. Unverdrossen trainiert er verbissen weiter, überzeugt von seinen Fähigkeiten.  1940, der 2. Weltkrieg ist im vollen Gange, wird Hein ten Hoff erstmals Deutscher Meister im Schwergewicht. Sein Gegner: immerhin der Olympiasieger im Schwergewicht von 1936, der Wuppertaler Herbert Runge. Im Jahre 1944 kann er den Schwergewichtstitel übrigens erneut gegen Runge holen.

Ten Hoff wird eingezogen und an die Front verlegt. Um an den im Januar 1942 stattfindenden Amateur-Europameisterschaften in Breslau teilnehmen zu können, sucht er um Fronturlaub nach.  Und holt am 25. Januar  den europäischen Amateur-Schwergewichtstitel, obwohl er nach seiner eigenen Einschätzung fast völlig  untrainiert ist, durch Siege über den Ungarn Jozsef Homolya,   Gino Latini (Italien) und im Finale über Richard Gruppe.  Diese Europameisterschaft in Breslau gilt aber deshalb als „inoffiziell“, weil wegen der Kriegsereignisse u. a. Briten und Franzosen nicht teilnehmen können. Seine Amateurlaufbahn kann sich insgesamt sehen lassen: Fast 200 Kämpfe, davon nur sieben verloren.

Der „Lange Hein“ als Profi

Bei einer Größe von 1,96 m (andere Quellen sprechen von 1,93 m, 1,91  oder 1.98 m) und einem Kampfgewicht von durchschnittlich um die 100 kg bei einer Reichweite von ca. 210 cm hat Hein ten Hoff durchaus körperliche Vorteile. Er sagt selbst im Jahre 1949, dass er den Kampfstil von Gene Tunney und Charles Carpentier bevorzugt und nacheifern will. Tatsächlich ist Ten Hoff  eine gewisse Eleganz in seinem Kampfstil  nicht abzusprechen. Er wird damals  deshalb auch als „Gentleman im Ring“, wie schon Gene Tunney,  oder als „Ringästhet“ bezeichnet. Im Unterschied beispielsweise zu seinem späteren Widersacher Heinz Neuhaus (siehe unten), der eher durch kaum zu stillenden Kampfgeist und Draufgängertum bekannt ist.

 Schon gegen Ende des Krieges hatte ten Hoff  im Gasthof Saselbeck bei Hamburg unter seinem Trainer Emil Jung, der beruflich als Metzgermeister unterwegs ist, trainiert. Später wird Jung zumindest zeitweise sein Manager.  Am 23. September 1945 bestreitet er seinen ersten Profikampf gegen Ernst Weyrich in Hamburg und siegt durch KO in der zweiten Runde. Auch in den  nächsten Kämpfen knockt er seine Gegner vorzeitig aus.  Bereits  im achten Profikampf wird er 1946 durch einen Punktsieg am  Rothenbaum, dem HSV-Stadion, erstmals Deutscher Meister im Schwergewicht gegen den 39jährigen Altmeister Walter Neusel und kann diesen Titel sechs Jahre lang halten. Übrigens: In einem weiteren Kampf gegen Neusel im September 1949 kommt es vor 45.000 Zuschauern im Düsseldorfer Reiterstadion nur zu einem Unentschieden.

Erster US-Aufenthalt und das Scheitern

Ende der 1940er Jahre verscherzt sich ten Hoff  fast die Gunst der Boxfans. Er beschuldigt Max Schmeling und  dessen Trainer und Manager, Kämpfe abgesprochen zu haben. Die Anschuldigungen stellen sich später als haltlos heraus;  ten Hoffs Reputation ist aber zunächst äußerst angeschlagen. Auch seine Versuche scheitern, in den USA Fuß zu haben und es Max Schmeling in den 1930er Jahren  nachzumachen. Vor seiner US-Reise kommt es bei einer Begegnung mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer zu der legendären Äußerung Adenauers: „Nun boxen Sie mal schön. Vergessen Sie aber nicht, dass wir jetzt mit den Amerikanern befreundet sind“. Die Bemerkung Adenauers geht aber in fast tragischer Weise an den  Realitäten  vorbei, denn dem  auf die US-Verhältnisse nicht genügend vorbereiteten  Management ten Hoffs gelingt es nicht, ihm einen einzigen brauchbaren Kampf zu besorgen. Unverrichteter Dinge kehrt er nach Deutschland zurück. Allerdings muss man hierbei berücksichtigen, dass es für deutsche Boxer der Nachkriegszeit generell schwer ist, internationale Kämpfe zu bestreiten, weil sie unmittelbar nach dem Kriege nirgendwo gern gesehen werden. Ein solcher Boykott gilt damals auch für andere Sportarten. Die Olympischen Sommerspiele 1948 in London finden z.B. ohne deutsche Beteiligung statt. Zudem ist der BDB (Bund Deutscher Berufsboxer) noch nicht Mitglied der Europäischen Boxunion (EBU).  Als Alternative besteht die Möglichkeit, ausländische Boxer nach Deutschland zu holen. Dies gelingt z.B. mit Jersey Joe Walcott (s.o.). In diesem Zusammenhang: Auch Sugar Ray Robinson, die Mittelgewichtslegende,  kommt 1950 nach Deutschland  (und schlägt Hans Stretz  in der fünften Runde KO).

Schwergewichtseuropameister

In Europa gelingt es Hein ten Hoff, den damaligen britischen Schwergewichtseuropameister, Jack Gardner, herauszufordern. In der Waldbühne zu Berlin schlägt er Gardner am  23. September 1951 vor 25.000 Zuschauern in 15 Runden klar nach Punkten und ist damit der erste deutsche Schwergewichtseuropameister nach dem Krieg. Zweifellos der Höhepunkt seiner Karriere. Fast wäre es gelungen, Joe Louis zu einem Kampf nach Deutschland zu holen, aber das Projekt scheitert. Auch sein Bemühen, erneut gegen Jersey Joe Walcott, der mittlerweile Weltmeister geworden ist,  anzutreten, ist nicht erfolgreich.  Den Europatitel verliert er bereits ein Jahr später  bei der ersten Titelverteidigung gegen den damals  38jährigen belgischen Schwergewichtler Karel Sys in Brüssel. Ein weiteres Jahr später übernimmt Heinz Neuhaus, der kommende deutsche Schwergewichtler, vor 20.000 Zuschauern in der Dortmunder Westfalenhalle die europäische Schwergewichtskrone.

Am 20. Juli 1952 kommt es vor 46.000 Zuschauern im Stadion Rote Erde, dem damaligen BVB-Stadion in Dortmund, zur Auseinandersetzung Neuhaus vs. ten Hoff. Im Oktober 1950 hatte er gegen Neuhaus noch an gleicher Stelle vor fast ebenso vielen Zuschauern ein Unentschieden erzielt  und damit  seinen deutschen Meistertitel verteidigen können.  Im zweiten Aufeinandertreffen knockt  ihn  Neuhaus bereits in der ersten Runde  aus. Und  bleibt damit Europameister im Schwergewicht.

Zweiter US-Aufenthalt und Kämpfe gegen Heinz Neuhaus

Nach den Niederlagen versucht es ten Hoff erneut in den USA; er siedelt mit Frau und Kindern in die Staaten. Wiederum gelingt es seinem  Management nicht, Kämpfe zu organisieren, die ihn vorwärts bringen. Erst nach sechs Monaten kommt ein Kampf gegen Lonny Clark in Salt Lake City zustande, den er durch KO in der zweiten Runde gewinnen kann. Weitere  vorzeitige Siege, unter anderem im April 1953 gegen Al Spaulding  (KO 4. Runde) und im August desgleichen Jahres gegen Bill Wilson (TKO 1. Runde) folgen, aber auch eine eindeutige Punktniederlage gegen Dan Bucceroni am 1. Mai 1954. Bucceroni ist der einzige Ranglistenboxer, den er während des US-Aufenthalts vor die Fäuste bekommt.   Das ebenso große Problem ist aber, dass ten Hoffs Kämpfe nur wenige Zuschauer anziehen und er nur  geringe Gagen erhält,  nicht zuletzt auch  deswegen, weil das Management die Verträge nicht gerade vorteilhaft für ihn aushandelt.

Hein ten Hoff  bleibt nichts anderes übrig, als nach Deutschland zurückzukehren. Am 27. März 1955 tritt er ein weiteres Mal gegen Heinz Neuhaus an, nachdem er im Berliner Sportpalast gegen Bill Gilliam eine herbe TKO-Niederlage hinnehmen muss. Neuhaus ist dagegen mittlerweile auf Platz sechs der Weltrangliste vorgestoßen und hat auch Dan Bucceroni, der ten Hoff geschlagen hatte, besiegt. In der Dortmunder Westfalenhalle triumphiert Heinz Neuhaus vor 17.000 Zuschauern in einem Nicht-Titelkampf nach Punkten. Hein ten Hoff versucht’s dann noch mal Ende August 1955 in Göteborg gegen Ingemar Johansson, dem späteren Schwergewichtsweltmeister.  Und verliert durch einen schweren KO in der ersten Runde. Seine Karriere ist damit zu Ende.

Immerhin hat Hein ten Hoff  32 von seinen 43 Profikämpfen gewonnen, davon 28 durch KO, bei sieben Niederlagen und vier Unentschieden. Nach seiner Karriere ist er übrigens über einige Jahre als BDB-Präsident tätig und setzt sich auch danach für den Boxsport ein. Hein ten Hoff stirbt am 13. Juni 2003 in Hamburg im Alter von  83 Jahren.

Fazit:

Fraglos hat Hein ten Hoff dazu beigetragen, dass der Boxsport im Nachkriegsdeutschland wieder Fuß fassen und populär werden konnte. Zusammen mit Heinz Neuhaus hat er die europäische Schwergewichtsszene bis in die Mitte der fünfziger Jahre mitbestimmt. Man kann ihn auch  mit einigem Zögern zum erweiterten  Kreis der damals weltbesten Schwergewichtler in den Jahren 1949/1950 zählen.  Sein in den USA überfordertes  Management hat aber ohne Zweifel dazu beigetragen, dass es ihm nicht gelingen  konnte, zu seinen besten Zeiten diesen Anspruch sichtbar durchzusetzen, wie es beispielsweise Max Schmeling in den 30er Jahren eindrucksvoll vergönnt gewesen ist.  Für den deutschen Boxsport wird Hein ten Hoff dennoch einer der größten Nachkriegsschwergewichtler bleiben.

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13 Kommentare

  1. Tom
    29. Dezember 2011 at 22:29 —

    @ Paul

    Sehr guter Bericht!

    Mach weiter so,auch wenn es zu diesem Bericht wohl nicht so viele Meinungen/Kommentare geben wird.
    Sehr viele User die auf diese Seite kommen sind halt noch recht jung!

  2. Paul
    29. Dezember 2011 at 22:57 —

    @ Tom

    Danke für die Einschätzung.
    Die Artikel sind gerade auch für die jüngeren Leser gedacht. Es wäre schön, wenn es mir ansatzweise gelänge,dass sie sich auch für die Boxgeschichte zu interessieren beginnen. Natürlich ist das Vorhaben nicht ganz einfach, das ist klar. Aber vielleicht schaut der eine oder andere mal rein. 🙂

  3. Bangs
    30. Dezember 2011 at 00:01 —

    Schade das er keine größeren kämpfe in den USA bekommen hat.

  4. Papa Franco
    30. Dezember 2011 at 01:34 —

    danke paul, ein bischen nostalgie und allgemeinbildung find ich gut 🙂

    würd mich sehr über kommende berichte der deutschen boxszene der 80er freuen, z.b. insbesondere manfred jassmann, charly graf, “boxprinz” norbert grupe, die frühen rocchigiani tage etc.

  5. Tom
    30. Dezember 2011 at 02:29 —

    @ Papa Franco

    Wenn du dich für die deutsche Boxszene interessierst kann ich dir ein Buch dazu empfehlen,….Kampftage-Die Geschichte des deutschen Berufsboxens, Verlag die Werkstatt,Autor Knud Kohr und Martin Krauss.

  6. Paul
    30. Dezember 2011 at 11:15 —

    @ Papa Franco

    Einige Artikel über deutsche Boxgrößen werden bestimmt noch folgen. Ich denke aber zunächst eher an beispielsweise Walter Neusel, Heinz Neuhaus, Karl Mildenberger, Gustav Scholz oder Erich Schöppner. Die aus den 80ern werden dann ggf. folgen. 🙂

  7. Paul
    30. Dezember 2011 at 11:18 —

    @ Bangs
    Die Schuld daran kannst Du ziemlich eindeutig dem für die USA nicht geeigneten Management von Hein ten Hoff geben (siehe auch Artikel).

  8. Tom
    30. Dezember 2011 at 13:22 —

    @ Paul

    Eine Story über Jupp Elze oder Eckhard Dagge wäre auch nicht schlecht.Oder über den Italiener Primo Carnera!

  9. Sugar
    30. Dezember 2011 at 17:35 —

    @ Paul

    Recht ordentlicher Bericht!

    Das war noch eine Zeit,da gab es nur einen WM und nur einen EM und die Leute sind in großen Scharen zum Boxen gegangen,in der Zeit waren Boxer noch Held auch wenn sie mal verloren haben.

  10. Paul
    30. Dezember 2011 at 18:07 —

    @ Tom

    Über Primo Carnera wollte ich bald eh was schreiben 🙂

    @ Sugar

    Mittlerweile ist es so, dass der Boxsport wieder recht populär geworden ist. Du hast aber insofern Recht, als durch die vielen Weltverbände unser Sport Schaden erlitten hat.Das kann auf Dauer dazu führen, dass die Popularität wieder abnehmen wird.

  11. Tom
    30. Dezember 2011 at 21:47 —

    @ Paul

    Auch wenn ich dir jetzt tierisch auf den Senkel gehe,aber in naher Zukunft solltest du auch mal einen Bericht über “de App”Peter Müller verfassen,denn der hat es allemal verdient wieder erwähnt zu werden!

    …….und vielleicht kannst du noch etwas ausgraben was ich noch nicht über ihn weiß!?

  12. Paul
    30. Dezember 2011 at 22:48 —

    @ Tom

    Bestimmt werd ich irgendwann auf was zu Peter Müller sagen. Schon allein die Geschichte mit Ringrichter Pippow, den de Aap im Kampf gegen Hans Stretz umgehauen hat,ist für einen Artikel gut. 🙂

  13. Sugar
    30. Dezember 2011 at 23:51 —

    @ Tom

    P.Müller war doch derjenige der Ringrichter Pipow mit voller Absicht umgehauen hat?

    ..Da sollte sich K.Gevor mal eine Scheibe von abschneiden,hätte er es genauso gemacht,gebe es ein Fehlurteil weniger in Deutschland!

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