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Gustav “Bubi” Scholz: Aufstieg und Absturz

Im Juni 1962 steht Gustav „Bubi“ Scholz im Kampf um den deutschen Meistertitel im Mittelgewicht. Er siegt überlegen durch KO. Aber nicht das ist es, was die Zuschauer fasziniert. Sie erleben einen Boxer, der nach aussichtslos schwerer Krankheit wieder aufgestanden ist. 22 Jahre später sieht man Scholz, der in den fünfziger und sechziger Jahren zu den populärsten deutschen Sportlern zählt, wieder im grellsten Licht der Öffentlichkeit: Er erschießt im alkoholisierten Zustand seine Ehefrau.

Familie, Jugend und erste Boxkontakte

Die Familie seines Vaters kommt aus Schlesien und zieht während des Krieges in die Choriner Straße  nach Berlin/Prenzlauer Berg, in den Nordosten der Stadt. Die Gegend gilt als typisches Arbeiterviertel. Sein Vater ist Schmied.  Gustav übersteht die Jahre der Bombardierung der Stadt in den letzten Kriegsjahren, überlebt  mit Zähigkeit  auch den Hunger nach Kriegsende. Unermüdlich beginnt er, Geld anzusparen  und lässt auch die geringsten Möglichkeiten dazu nicht aus. Er übernimmt unter anderem Botengänge, trägt Zeitungen aus. Berichtet wird, wie er den billigsten Friseur der Stadt aussucht, um zumindest einen Teil des Geldes, das ihm seine Mutter hierfür gegeben hat, zu sparen. Zuerst beginnt er ab dem Jahre 1944 eine Mechanikerlehre, wechselt dann nach dem Krieg, um als Kochlehrling bei dem bekannten und traditionsreichen Berliner Gastronomiebetrieb Aschinger  zu beginnen. Von einigen Jungs  der Nachbarschaft, so berichtet man,  wird das knochige Handtuch oft genug wegen seiner Magerkeit  gehänselt, verspottet und nicht ernst genommen.

Gustav spart, um genügend Mittel für die Aufnahme in eine Boxschule anzusammeln. 1947 versucht er erstmals, eine Profilizenz zu bekommen, scheitert aber an der Prüfungskommission. Erst einige Monate  später gelingt es ihm. Zunächst kommt er in den Boxschulen von Karl Schwarz und Bruno Müller unter. Ab dem Jahre 1948  sieht man ihn dann in der Boxschule „Olympia“. Dort lernt er den Trainer kennen, der ihn in seiner gesamten Laufbahn erhalten bleibt: Lado Taubeneck. Ein Jahr später nimmt ihn Fritz Gretzschel, der sich da schon als Promoter einen Namen gemacht hatte, unter seine Fittiche. Hans Stretz, der später einer der besten deutschen Mittel- und Halbschwergewichtler werden sollte, gehört  ebenfalls zu Gretzschels Stall. Gustav Scholz wohnt bei Gretzschel in dessen Villa in der Dachkamme. Er baut  ihn systematisch und mit der gebotenen Vorsicht zunächst als Weltergewichtler auf. Im Vergleich zu anderen, die sich im Berliner Grunewald in der Boxschule Gretzschels sehen lassen, ist Scholz schmächtiger, weniger muskulös, physisch weit weniger kräftig. Doch er lernt schnell. Bei einigen schwarzen Weltklasseboxern, die Fred Kirsch aus den USA in die Gretzschel-Sportschule begleiten und dort trainieren, bietet er sich ständig als Sparringspartner an und wird auch als Rechtsausleger als solcher gesucht. Er studiert deren technische Fertigkeiten, taktische Feinheiten und Tricks. Später zeigt sich, dass es besonders die Ausweichfähigkeiten und Meidbewegungen sind, die er bis zur Perfektion beherrschen lernt und dazu beitragen, dass er zu einem berühmt-berüchtigten Konterboxer wird.  

Die ersten Profikämpfe

Als einer der ersten Promoter achtet Gretzschel strikt darauf, dass Scholz eine möglichst „reine“ Kampfstatistik aufweisen kann. Er sucht Gegner für Scholz aus, die als „leicht“ zu schlagen gelten. Im ersten Profikampf steht Scholz, der nie einen Amateurkampf bestritten hat, am 8. Oktober 1948 in der „Sportarena des Westens“ in Berlin vor knapp 2000 Zuschauern im Rahmenkampf gegen den Berliner Leichtgewichtler Horst Eichler und gewinnt nach vier Runden über Punktewertung. Da boxt er noch aus Kostengründen ohne Mundschutz. Die erste Gage soll, wenn man den Berichten glauben schenkt, 160 Mark (Ost) betragen haben.  Auch in den nächsten Kämpfen siegt er zwar, aber das Publikum beachtet ihn kaum. Dies ändert sich etwas, als er gegen Horst Saalbach im April 1949 einen ersten spektakulären KO-Sieg einfährt. Von diesem Zeitpunkt an ist er auch beim Publikum erfolgreicher und wird sogar bei vielen zum „Geheimtipp“. Langsam setzt sich auch sein Zweitname „Bubi“ durch.  

Scholz‘  erster Gegner, der wirklich ernstgenommen werden kann, ist der aus Schlesien stammende und in  Celle lebende Walter Schneider, der seit etwa einem Jahr Deutscher Meister im Weltergewicht ist. Gegen ihn siegt Scholz im Mai 1951 in der Funkturmhalle zu Berlin deutlich nach Punkten.  Drei Monate später schlägt er Schneider auch im Rematch hoch nach Punkten. Ebenso übersteht  er die Herausforderungen zum deutschen Weltergewichtstitel gegen  den Bayern Karl Öchsle im  Münchener Bürgerbräukeller  und den erfahrenen Leon Starosch im Juni 1952 in Essen mit Punktsiegen.

 Aufstieg und Absturz

Immer noch ist er ungeschlagen und mittlerweile im Mittelgewicht angekommen. Den deutschen Weltergewichtstitel gibt  er ungeschlagen zurück. Seine Popularität wächst, als er auch in dieser Gewichtsklasse erfolgreich ist und sichtbar wird, dass er  sich auch da gegen die deutsche und auch europäische  Boxelite durchzusetzen vermag. Ende August 1953 siegt er mit Knockout in der zehnten Runde gegen Franz Szüzina aus Bremen, der vor den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki den hochgelobten deutschen Medaillenkandidaten Helmut Pfirrmann beim Sparringtraining den Kiefer gebrochen hatte und der dann ein Jahr später Bronzemedaillengewinner bei den Amateureuropameisterschaften im polnischen Warschau  im Halbschwergewicht wurde. Bereits 1953 benennt  ihn der Chefredakteur des Fachblattes „Boxsport“, Joe Biewer, zum besten deutschen Kämpfer des Jahres. Im gleichen Jahr wird er von Nat Fleischer in dessen Magazin „The Ring“ an die zehnte Stelle der Weltrangliste gehoben.

 Im Februar  1954 punktete Scholz den bekannten späteren niederländischen Schwergewichtler  Wim Snoek aus. Einen Monat später boxt er erstmals in den Staaten und schlägt dort im Madison Square Garden überlegen Al Andrews, der keine Runde gewinnt und in der fünften am Boden ist.

Promoter in den USA bedrängen Scholz und seine Betreuer, dauerhaft  in Amerika ihre Zelte aufzubauen. Gretzschel und Scholz entscheiden sich aber dazu, in Europa zu bleiben. Nicht zu Unrecht, denn in Europa durchlebt der Boxsport ein Hoch. Bis in den Mai 1955 siegt er in weiteren Kämpfen, und ein Titelkampf um die Europameisterschaft im Mittelgewicht steht  für den ungeschlagenen Scholz vor der Tür. Da scheint mit einem Male alles zusammenzubrechen. Nach einem Blutsturz Ende Mai des Jahres 1955 wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte stellen eine offene Tuberkulose fest. Der Heilungsprozess verläuft langsam. Zunächst muss er flach im Bett liegen und jede Anstrengung vermeiden.  Unter einem falschen Namen ist er Patient in einem Schwarzwald-Sanatorium, in Schömberg bei Calw. Er darf in Maßen spazieren gehen. Mehr an Bewegung lassen die Ärzte nicht zu, schon gar nicht ein Boxtraining. 

Das Sensations-Comeback

Es gibt kaum einen in der Boxwelt, der noch einen Pfifferling auf ihn setzt. Viele bedauern sein Schicksal, gehen aber davon aus, ihn niemals mehr in einem Ring sehen zu können. Denn auch die Ärzte schließen die Rückkehr zum Boxsport kategorisch aus. Scholz aber will die Krankheit vollständig besiegen, beginnt in aller Heimlichkeit mit dem Training. Er läuft, treibt Gymnastik, sogar Krafttraining und Ansätze zum Schattenboxen. Sein Hausarzt, dem das zugesteckt wird, tobt. Scholz lässt sich sorgfältig von Vertragsärzten des BdB untersuchen und feststellen, ob es körperliche Schäden durch sein Training gegeben habe. Es werden keine ermittelt. Und Gustav Scholz sieht sich auf dem richtigen Weg.

Sein erster Probekampf nach der überstandenen Krankheit erfolgt quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nach zwei Jahren Ringenthaltsamkeit, im März 1957, tritt er gegen Francisco Frances, einen spanischen Mittelgewichtler, in Bremens Weserlandhalle an. Vorher steht in einigen Zeitungen, dass der Start Scholz‘ unverantwortlich sei, dass man die Leute bestrafen müsse, die ihn in den Ring stoßen. Unbeeindruckt schlägt Scholz den Spanier in der vierten Runde KO. Auch die drei weiteren Gegner, die man ihm vorsetzt, allesamt aber eher Boxer aus der zweiten oder dritten Reihe, besiegt er kurzrundig.

Deutscher Mittelgewichtsmeister gegen Peter Müller

Bis er Ende Juni auf den Deutschen Meister im Mittelgewicht, auf den Kölner Peter Müller, trifft. Auf den „Aap“, der  wegen seiner ungestümen, aber auch mutigen und nie erlahmenden  Kampfesweise populär ist, fast noch mehr aber durch seine vielen Kölsch geprägten Sprüche. Deutschlandweit und auch im restlichen Europa ist er berühmt-berüchtigt geworden, als er im Juni 1952 im Titelkampf um die  Mittelgewichtsmeisterschaft  gegen Hans Stretz den damaligen Ringrichter, Max Pippow, ausgeknockt hatte, weil der  nach seiner Einschätzung  zu häufig den Kampf zu seinem Nachteil unterbrach und ihn ungerecht  behandelte. Er wurde zwar zunächst lebenslang gesperrt; die Sperre war aber nicht lange danach wieder aufgehoben worden. Vor dem Kampf gegen Bubi Scholz, so wird berichtet, soll er gesagt haben: „Ich hau dem Bubi dat Filmjesech kapott“.

In diesem Kampf in der Berliner Deutschlandhalle vor fast 10.000 Zuschauern will Gustav Scholz  allen zeigen, dass es ihm endgültig gelungen ist, aus der Krankheit, die ihn gepackt und niedergeworfen hatte, wieder als Primeboxer aufzusteigen. Zu Beginn versucht Peter Müller, die Anweisungen seiner Betreuer zu beachten, Scholz zur Aktivität zu animieren und ihn damit zu ermüden. Müllers Manager, Jupp Thelen, und sein Trainer, Jupp Besselmann, hatten ihm gesagt, dass Scholz wegen seiner Krankengeschichte nicht lange durchhalten könne.  Erst nach fünf oder sechs Runden solle er zum Angriff übergehen.  Scholz aber hält sich zurück, greift selbst kaum an und versucht nur gelegentlich, Müller mit seiner rechten Führhand zu treffen. Das kann einem Peter Müller, der von der Angriffslust, dem wühlenden Vorwärtsmarsch lebt, nicht schmecken. Schon ziemlich früh, in der zweiten Runde, stürmt er nach vorn und will den unmittelbaren Schlagabtausch mit Scholz. Damit liefert er sich dem exzellenten Konterboxer aus. Als Rechtsausleger lauert er auf eine Konterchance mit seiner linken Schlaghand. Und die fährt er in der Ringmitte kurz vor Rundenende in einem blitzartigen Konterangriff mehrfach aus. Besselmann, Müllers Trainer, brüllt ihn in der Pause an, sich zurückzunehmen, aber der Titelverteidiger kann einfach nicht anders, er sucht den Abtausch, den Kampf. In Runde drei  muss er linke Kombinationen von Scholz an die zehn Mal einstecken, geht zu Boden. Will sofort wieder aufspringen und wird vom Ringrichter, weil er nur taumelnd stehen kann, gestoppt. Dann ist er bei „Acht“ kampfbereit, will auf Scholz eindreschen, der ihn aber mit einem trockenen Linken abfängt und eine Rechte als Haken folgen lässt. Wieder liegt Müller am Boden und bleibt dort weit über die Zeit. Weinend geht er aus dem Ring. Zu Helga Scholz, der Ehefrau Gustavs, soll er gesagt haben: „Ich jratuliere Sie, Sie ham ne jute Mann. Ich hann dat jleich jewusst“. Gustav Scholz aber ist erstmals Deutscher Meister im Mittelgewicht. Er hat seine Krankheit endgültig besiegt und sie vergessen gemacht.

Der Kampf gegen Max Resch

Nach weiteren fünf Siegen stellt er sich im März 1958 dem französischen Europameister Charles Humez in einem Nicht-Titelkampf im Palais des Sports in Paris.  Scholz wird zwar in der zweiten und siebten Runde niedergeschlagen, verliert aber dennoch eher umstritten und äußerst knapp nach Punkten. Trotz eines doppelten Rippenbruches hat er einen herausragenden Kampf geliefert. Das französische Publikum, sehr fair und objektiv, feiert den deutschen Mittelgewichtsmeister. Trotzdem: In seiner Kampfstatistik erscheint nach achtundsechzig siegreichen Kämpfen erstmals eine Niederlage.  

Zwei Monate später schon kämpft er in der Dortmunder Westfalenhalle um die deutsche Mittelgewichtsmeisterschaft. Gegner: Der Stuttgarter Max Resch, ein Rechtsausleger, der sich als schlagstarker Mittelgewichtler einen Namen gemacht hat. Resch gilt für viele als einer der größten deutschen Mittelgewichtstalente. Er hatte schon als Amateur Silber im Weltergewicht bei den Amateur-Europameisterschaften des Jahres 1953 im polnischen Warschau  geholt und war dann schnell ins Profigeschäft gewechselt. Einen Großteil seiner Gegner hatte er vorzeitig besiegt; er galt daher als KO-Spezialist im Mittelgewicht. Für viele „Experten“ war er der kommende Mann in dieser Gewichtsklasse, in Deutschland unschlagbar. Allenfalls wird Bubi Scholz als möglicher ernstzunehmender Gegner angesehen.

Zunächst weigert sich Scholz, die Herausforderung anzunehmen. Er meint, Resch solle doch zunächst weitere Erfahrungen sammeln, wie es anderen auch zugemutet werde. Die Medien und die Fans wollen aber den Kampf. Nach seiner Krankheit hatte sich  in einem Zeitungsartikel  sogar ein Journalist zu der Bemerkung hinreißen lassen, dass die Erkrankung von Scholz diesem zunächst einen Kampf gegen Resch und eine schlimme Niederlage erspart habe. Wenig später nach seiner umstrittenen Humez-Niederlage  erklärt sich Scholz für eine Titelverteidigung gegen Max Resch bereit.    

Ohne wie sonst abwartend vorzugehen,  marschiert er im Kampf von Anfang an nach vorn. Schon in der ersten Runde muss Resch auf einen linken Haken von Scholz zu Boden, wenig später ein zweites Mal. In Runde zwei scheint es anfangs, als würde sich das Kampfgeschehen drehen. Resch sieht man im Angriff, und Scholz muss eine harte Rechte hinnehmen. Er findet sich auf dem Ringbelag, ist aber bei drei  wieder oben und lässt ab diesem Zeitpunkt mit seiner häufig geschlagenen Linken nichts mehr anbrennen. In der dritten Runde ist Resch drei Mal, in der vierten vier Mal am Boden. Zehn Niederschläge muss Resch insgesamt hinnehmen, dann wirft sein Manager, Walter Englert, das Handtuch. Scholz bleibt Deutscher Meister, und der Aufstieg von Max Resch ist jäh beendet. Man sieht ihn zwar bis ins Jahr 1964 im Ring, einen Titelkampf erhält  er aber niemals wieder. Auch in späteren Kämpfen ist es offensichtlich, dass er nur geringe Nehmerqualitäten und das berühmte „Glaskinn“ hat, was dazu führt, dass ihm eine erfolgreichere Karriere versperrt wird.   

Europameister

Durch seine Siege gegen Resch und nachfolgend durch einen TKO-Sieg gegen den Spanier Domingo Mena im August 1958 ist er endlich am Ziel: Er tritt gegen den Europameister im Mittgelgewicht, Charles Humez, dem Löwen von Flandern, im Rematch an. Scholz hat seine umstrittene Niederlage gegen den französischen Europameister nie verwinden können und will Genugtuung. Mehr als 30.000 Zuschauer finden sich im Berliner Olympiastadion ein, um den Kampf zu sehen. Enthusiastisch unterstützen sie ihren „Bubi“. Aber in den ersten zehn Runden bleibt der Kampf auf der Kippe. Humez greift unablässig an, schlägt hart zu. Scholz aber blockt geschickt die Schläge ab. In der 11. Runde wendet sich der Kampf. Der ermüdete Titelverteidiger ist bereits gezeichnet, während Scholz aufblüht und Humez eindeutig beherrschen kann. Das setzt sich in der folgenden Runde fort. Er stellt ihn in der Ringecke, trifft ihn mehrfach. Dann geschieht folgendes: Der Franzose hebt die Hand, dreht ab, sagt, dass es bei ihm nicht weitergehe. Scholz siegt durch Aufgabe. Humez ist schlimm gezeichnet.  Er hat einen Zahn verloren, ist im Gesicht, auch an den Augenbrauen, stark verletzt. Der Kampf gegen Scholz ist sein letzter. Kurze Zeit später gibt er seinen Rücktritt vom Boxsport bekannt. Neuer Europameister im Mittelgewicht: Gustav „Bubi“ Scholz. Er wird mit Ovationen vom begeisterten Publikum verabschiedet.

Titelverteidigungen und der Weg ins Halbschwergewicht

Das Rematch gegen Peter Müller im November 1959 beendet Scholz schon nach etwas mehr als einer Minute durch einen schweren KO. Zuvor war er gegen den Hamburger Hans Werner „Buttje“ Wohlers, der für ihn nach seiner eigenen Einschätzung einer seiner unangenehmsten Gegner in seiner Karriere gewesen ist,  im Titelkampf erfolgreich.  Im Dezember 1959 besiegt er den Franzosen André Drille in der Berliner Deutschlandhalle durch TKO in der 14. Runde.

Schon zu diesem Zeitpunkt hat er große Schwierigkeiten, sein Gewicht zu halten und dauernd gezwungen zu sein, abzukochen. Außerdem: Ein Titelkampf gegen den damaligen Weltmeister im Mittelgewicht, Gene Fullmer, kommt nicht zustande. Fullmer ist nicht bereit, seinen Titel aufs Spiel zu setzen.

Als Halbschwergewichtler testet Scholz im April 1962 vor 15.000 Zuschauern in der ausverkauften Berliner Deutschlandhalle seine Möglichkeiten gegen den US-Amerikaner Jesse Bowdry aus. Der hatte 1961 im Titelkampf gegen Halbschwergewichtsweltmeister Harold Johnson gestanden,  zwar in der neunten Runde vorzeitig verloren, aber insgesamt keine schlechte Figur gemacht. Im Kampf gegen Bowdry sieht man einen Gustav Scholz, der fast perfekt seine Konterfähigkeiten und taktischen Qualitäten ausspielt. Schon in Runde zwei wird der US-Boy bis neun angezählt, ebenso in der dritten. Im weiteren Verlauf ist der Berliner klar im Vorteil, greift Bowdry in der sechsten Runde  an und bringt ihn wieder auf die Bretter. Noch einmal steht Bowdry auf. Ein weiterer Linkshaken Scholz‘ erschüttert ihn schwer.  Zur siebten Runde kann er nicht mehr antreten. Sieger: Bubi Scholz.

Kampf um die Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht

Kurz danach gelingt es Fritz Gretzschel überraschend, einen Vertrag für einen Titelkampf im Halbschwergewicht gegen den Weltmeister, Harald Johnson, zu vereinbaren. Johnson, ein exzellenter Halbschwergewichtler, hatte unter anderem auch den Schwergewichts-Weltranglistenboxer, den Kubaner Nino Valdes, der den deutschen Schwergewichtseuropameister Heinz Neuhaus durch einen schweren KO besiegte, das Fürchten gelehrt. Er hatte Archie Moore nach Punkten bezwingen können, allerdings selbst gegen ihn mehrfach verloren.  Auch gegen weitere bekannte Schwergewichtler, beispielsweise Ezzard Charles, konnte er sich durchsetzen.

 Der Kampf ist auf den 23. Juni 1962  im Berliner Olympiastadion angesetzt. Über 40.000 Zuschauer wollen den Kampf sehen und Scholz als Weltmeister feiern. Sie werden enttäuscht. Scholz‘ Strategie ist offenbar von Anfang an darauf angelegt, unbeschadet über die Zeit zu kommen. Er will kein echtes Risiko eingehen. In der ersten Runde gelingt ihm zwar eine  gute Linke, die bei Johnson krachend einschlägt und ihn ins Schlingern bringt.  Johnson bleibt nichts als die  Doppeldeckung übrig, erwartet den finalen Angriff Scholz‘. Aber der verpasst die große Chance, die sich ihm da bietet. Er glaubt nicht an einen Knockout-Sieg gegen den Weltmeister, setzt allenfalls auf einen knappen Punktsieg. Johnson erholt sich.  Im gesamten weiteren Kampfverlauf braucht er nie ernsthaft den Verlust seines Titels  zu befürchten und bleibt Weltmeister im Halbschwergewicht. Für viele Zuschauer ist der Kampf eine Enttäuschung. Weniger, weil Scholz verloren hat. Sie wollten einen kämpfenden Scholz in einem WM-Kampf erleben, einen, der untergeht oder siegt, und sie haben einen Herausforderer gesehen, der sich mit Johnson ein technisch und taktisch hochstehendes Gefecht lieferte. Das war nicht das, was dem vorherrschenden Geschmack der Masse der Zuschauer entsprechen konnte.

Nach dem WM-Kampf sieht man Bubi noch drei Mal im Ring. Er landet Punktsiege gegen Calderwood und Prebeg. Eine Chance auf einen WM-Kampf erhält er aber nie wieder. Im April 1964 steht er im Kampf um die Europameisterschaft im Halbschwergewicht gegen Giulio Rinaldi in der Dortmunder Westfalenhalle. Er siegt zwar durch Disqualifikation seines Gegners in der neunten Runde, sieht aber, dass seine Zeit abgelaufen ist. Als ungeschlagener Halbschwergewichtseuropameister tritt er vom Boxsport zurück.

Kampfstatistik: Insgesamt sind für Scholz 96 Kämpfe als Profi registriert, wovon er 88 gewinnt. In 46 Kämpfen siegt er durch KO oder TKO. Nur zwei Niederlagen muss er hinnehmen.  Sechs Kämpfe gehen unentschieden aus. In der computergestützten Alltime-Rangliste wird er im Halbschwergewicht geführt und liegt dort immerhin auf dem 16. Platz.

Scholz im Gefängnis

Nach der Boxkarriere sieht man Scholz mitten in der Berliner Society. Dies war aber auch schon in seiner aktiven Zeit so.  Zwanzig Jahre nach seinem letzten Kampf schreckt das Land auf. Im Juli 1984 erschießt er im Alkoholtaumel seine Ehefrau Helga mit einem Gewehr durch die Badezimmertür. Das Berliner Landgericht verurteilt ihn wegen „fahrlässiger Tötung und Verstoßes gegen das Waffengesetz“ zu drei Jahren Gefängnisstrafe. 1993 heiratet er erneut. Dann wird er von der Alzheimer-Krankheit heimgesucht. Gustav Scholz stirbt am 21. August 2000 an den Folgen mehrerer Schlaganfälle. Ende der 1990er wurde über Scholz‘ Leben ein weithin als qualitativ hochstehend angesehener  Fernsehfilm in der ARD ausgestrahlt, u. a. mit Götz George als einem der Hauptdarsteller.   

Fazit

Der Rechtsausleger Bubi Scholz war kein besonders harter Puncher, wenn auch sein kurzer linker Haken, der blitzschnell kam, exquisit genannt worden ist. Ein kurz geführter Linkshaken, den viele bei seinen Kämpfen, besonders die, die sich weiter weg vom Ring befanden, häufig  kaum wahrnehmen konnten.  Seine Stärken lagen  im kühlen Kontern, in der taktischen Intelligenz, in seinen hervorragenden Reflexen, seinem guten Timing und in seiner Schnelligkeit. Seine größte Lebensleistung ist wohl darin zu sehen, dass er es geschafft hat, aus der schweren Krankheit, die ihn aus heiterem Himmel niederwarf, wieder als europäischer Spitzenboxer im Mittel- und Halbschwergewicht aufzusteigen. Die Energie, Disziplin und Leidenschaft, die ihn zu dieser Wiederkehr geführt haben, sind von vielen in der damaligen Zeit bewundert worden. Scholz‘ Popularität als Boxer ist in der Nachkriegszeit der fünfziger und sechziger Jahre nahezu beispiellos. Für eine moralische Bewertung der Vorfälle, die ihn ins Gefängnis brachten, ist hier kein Platz. Berichtet wird, dass ihm nach dem Gefängnisaufenthalt nur ein wirklich treuer Freund blieb: Das war Harald Juhnke. Für den deutschen Boxsport aber wird er einer der Größten bleiben.

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16 Kommentare

  1. Tom
    28. Februar 2012 at 13:07 —

    @ Paul

    Hast mal wieder einen klasse Bericht verfasst in dem alles steht was man über G.Scholz wissen sollte.
    Ich hoffe du schreibst noch viele solcher Berichte!

    Allerdings ist dir ein kleiner Fehler unterlaufen,du schreibst unter den Absatz…Der Kampf gegen Max Resch…….wenig später nach seinem Sieg gegen Humez erklärt sich Scholz für eine Titelverteidigung gegen Max Resch bereit.

    Das müsste doch heißen….nach seiner Niederlage gegen Humez……….

  2. Ferenc H
    28. Februar 2012 at 14:05 —

    Kann mich Tom nur anschliessen weiter so Paul

  3. johnny l.
    28. Februar 2012 at 14:14 —

    das vorbild meines vaters, als der noch geboxt hat in den späten 50ern, sensationeller artikel 😉

  4. Tommyboy
    28. Februar 2012 at 14:24 —

    den würde huck in der ersten runde umhauen

  5. johnny l.
    28. Februar 2012 at 14:33 —

    haha, das stimmt allerdings … und schmeling gleich mit, aber ich glaube, so wie heute trainiert wird, das kann man nicht wirklich miteinander vergleichen

  6. Tommyboy
    28. Februar 2012 at 14:42 —

    selbs die Theiss würde den umkicken und in den schlaff schicken

  7. johnny l.
    28. Februar 2012 at 14:58 —

    am freitag, 22:45 Uhr live in Sat.1 😉

  8. kikoroki
    28. Februar 2012 at 15:13 —

    Huck ist ein looser!

    Super Bericht

  9. Tom
    28. Februar 2012 at 15:20 —

    @ Tommyboy

    Von nichts eine Ahnung aber Müll labern,ich werde den Verdacht nicht los das du Gigantus als Box-D.e.p.p.e.n.-Nr.1 ablösen willst!

  10. YoungHoff
    28. Februar 2012 at 15:28 —

    Schade, dass unter einem so guten Artikel, mal wieder über Huck diskutiert werden muss. Das gehört hier absolut nicht hin und ist dem Autor gegenüber respektlos.

    @Paul wirklich ein sehr guter Artikel über einen sehr guten Boxer! Weiter so

  11. Tommyboy
    28. Februar 2012 at 16:33 —

    @ Tom

    du bist ein trollhttps://www.boxen.de/news/gustav-bubi-scholz-aufstieg-und-absturz-17349

  12. Paul
    28. Februar 2012 at 18:51 —

    @ Tom

    Du hast natürlich Recht: Es muss “Niederlage” heißen. Danke für Deinen Hinweis. 🙂

  13. Stonehigh
    28. Februar 2012 at 21:44 —

    Sehr schöner Artikel, danke dafür.
    Die meisten der Artikel zur Boxgeschichte waren überaus lesenswert.
    Danke Paul für Herzblut, Arbeit und Recherche.

  14. huhas
    29. Februar 2012 at 01:08 —

    @Tommyboy
    Wie alt bist Du? 12?
    Du kannst doch diesen Vollpfosten nicht mit Scholz vergleichen.

  15. huhas
    29. Februar 2012 at 01:10 —

    @Tommyboy

    versuch endlich Deinen Hauptschulabschluß nach zu machen.

  16. eberhard franz
    15. Juni 2012 at 11:08 —

    bubi scholz war der einstieg für mich im profiboxen -damals 1948

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