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Ezzard Charles: Zwischen Joe Louis und Rocky Marciano

Zwei Kämpfe machen Ezzard Charles, den Exweltmeister im Schwergewicht, unsterblich. Zwei Kämpfe, die zu den größten  in der Geschichte des Schwergewichts zählen. Es sind die Gigantenfights gegen Rocky Marciano, die  vielen Boxfans unvergesslich bleiben. Zwei Kämpfe, die Ezzard Charles zwar letztlich verlor, die aber Boxgeschichte schrieben.

Anfänge

Sechzehn Jahre ist der am 07. Juli 1921 in Lawrenceville (US-Staat Georgia) geborene Ezzard Mack Charles alt, als Joe Louis Schwergewichtsweltmeister durch einen Sieg über Braddock wird. Der Farmersohn wohnt bei seiner Großmutter und gilt als gut erzogener Junge. Erstes Geld verdient er sich als Botenjunge, von dem er ein Teil für Geschenke an seine Großmutter ausgibt. Dies führt er auch später fort, als er hohe Börsen kassierte. Seine Großmutter erzählt den Reportern, wie „anständig und ordentlich“ ihr Enkel sei. Mit neunzig Jahren erlebt sie noch, wie ihr Enkel Weltmeister im Schwergewicht wird.

Schon früh beginnt Charles mit dem Boxen und hat Glück, auf einen hervorragenden Trainer, nämlich Jimmy Brown, zu treffen. Er startet seine  Laufbahn im Amateurlager im Federgewicht, wo er 42 Kämpfe nacheinander für sich entscheiden kann. Mit achtzehn Jahren gewinnt er im Mittelgewicht die Golden Gloves in  Chicago im Mittelgewicht und wird auch US-Meister in dieser Gewichtsklasse.

„The Cincinnati-Cobra“:  Ezzard Charles als Profi

Ein Jahr später, im Jahre 1940, stößt er auf Betreiben seines Chefs, Max Elkins, zu den Profis. Wenige Monate danach verschachert Elkins  jedoch den Vertrag an Georges Rhin. Tausend Dollar soll der Handel Elkins eingebracht haben. Mittlerweile ist Charles nach Cincinnati (Ohio) gezogen. Sein Profidebüt, am 12. März 1940 in Middleton gegen den Mittelgewichtler Melody Johnson, beendet er mit einem Knockout in der vierten von sechs angesetzten Runden. Von Johnson hat man nach diesem Kampf nie mehr etwas gehört oder gelesen. Nach vierzehn weiteren Siegen, die meisten davon vorzeitig, muss er gegen den früheren Mittelgewichtsweltmeister Ken Overlin die erste Niederlage einstecken.

Charles ist nun als ein aggressiver Angriffsboxer bekannt. Sein Punch ist nicht besonders überzeugend. Seine Stärken liegen eher in seiner Schnelligkeit und der Fähigkeit, gegnerischen Schlägen durch eine bewegliche Kampftechnik auszuweichen. Darüber hinaus sind seine hervorragenden Kombinationen mittlerweile in aller Munde. Sein Kampfname „Cincinnati Cobra“ ist von diesen Eigenschaften abgeleitet.

Nachdem er die Exweltmeister im Halbschwer- und Mittelgewicht, den Griechen Anton Christoforidis Teddy Yarosz und darüber hinaus zwei Mal Joe Maxim, der später Halbschwergewichtsweltmeister werden sollte, besiegt hat, ist er an die Spitze vorgerückt. Charles verpflichtet einen neuen Manager, Charly Mintz, den er vertraglich zur Rückzahlung einer auf achttausend Dollar angewachsenen Steuerschuld verdonnert.

Der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg stoppt jäh seinen Aufstieg. Er wird an die Front in Italien als Fahrer eingezogen. Berichtet wird, dass er seine Kameraden mit Schauboxen unterhalten hat. Damit kann er sich auch in einigermaßen guter Form halten.

Rückkehr und Hinwendung zum Schwergewicht

1946 sieht man ihn in den amerikanischen Ringen wieder. Nach fünf Siegen, vier davon vorzeitig, tritt er erstmals gegen Archie Moore in einer Halbschwergewichtsbegegnung an. Der Kampf, am 20. Mai 1946, sieht einen klaren Punktsieger, nämlich Ezzard Charles. In der achten Runde schlägt er Moore mit einem  vernichtenden linken Aufwärtshaken in die Magenpartie bis „Acht“ zu Boden. Der erholt sich aber und kann den Kampf bis zum Ende überstehen.  Auch im Rematch, das ein Jahr später in Cincinnati stattfindet, punktet Charles Archie Moore aus, hat ihn in der siebten Runde  wiederum mit einem harten linken Körperhaken am Boden. Aber auch dieses Mal kann sich sein Gegner vor dem Knockout retten.

Tod im Ring, und was das für Charles bedeutet

Im  dritten Kampf  gegen Archie Moore am 13. Januar 1948 in Cleveland siegt Charles in der achten Runde erstmals durch einen Knockout  in der achten Runde. Für viele stellt dieser Sieg den Beweis dar, dass Ezzard Charles der größte Halbschwergewichtler aller Zeit gewesen ist.

Schon einen Monat später steht er gegen Sam Baroudi, einen farbigen Halbschwergewichtler aus Ohio, im Ring. Der Kampf wird zum Fiasko. Baroudi hat während des gesamten Kampfes nicht die geringste Chance, obwohl er in den ersten fünf Runden noch einigermaßen mithalten kann. Von vielen harten Schlägen durchgeschüttelt, wird Baroudi in der zehnten Runde ausgezählt. Noch am gleichen Tag verstirbt er an den Folgen seiner Verletzungen im Ring. Charles ist entsetzt. Als er erfährt, dass Baroudi der einzige Ernährer seiner Familie ist, stellt er seine Börse zur Verfügung. Er nimmt einen Kampf gegen Elmer Ray an, der zu den größten Hoffnungen im Schwergewicht zählt, und knockt ihn in der 11. Runde aus. Die Börse von über fünftausend Dollar vermacht er der Familie.

Mehrere Monate lang lässt er die Handschuhe liegen, trainiert nicht. Viele Beobachter sind der Meinung, dass Charles durch dieses Ereignis einen psychischen Knacks für die gesamte weitere Karriere erhalten hat und dass  seit diesem Kampf seine „Killerinstinkte“ brach lagen. Sicher ist, dass er nach diesem Erlebnis weniger aggressiv boxte und konsequent seine technischen Möglichkeiten zu verbessern suchte. Vergessen hat er den Tod seines Gegners niemals.

Charles in der höchsten Gewichtsklasse

Im Halbschwergewicht schafft es Charles nicht, einen Titelkampf gegen Weltmeister Gus Lesvenich zu erreichen. Er entscheidet sich, in der höchsten Gewichtsklasse, dem Schwergewicht, zu kämpfen. Natürlich spielt hier die Tatsache mit, dass er im Schwergewicht höhere Börsen erwarten kann. Nach einer Siegesserie, wobei er die Kämpfe mit nur wenigen Ausnahmen vorzeitig beendet, trifft er auf Joe Maxim, mit dem er bereits schon im Halbschwergewicht angetreten war. Vor einer Kulisse von über 14.000 Fans bezwingt er den Mann aus Cleveland am 28. Februar 1949 mit einem Punktsieg. Nur wenige Monate später steht er im Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht.

Schwergewichtsweltmeister

Joe Louis, der „Braune Bomber“, hatte nach zwölf Jahren Herrschaft im Schwergewicht und 26 Titelverteidigungen  den wichtigsten Gürtel im Boxsport zurückgegeben. Nach seinem Knockout am 25. Juni 1948 im Titelkampf  gegen Jersey Joe Walcott hatte er noch im Ring über den Rundfunk seiner Mutter versprochen, dass dies sein letzter Kampf gewesen sei und dass er „nie wieder“ boxen würde.  Als seinen legitimen Nachfolger sah er Ezzard Charles, dem er mit seiner Veranstaltergruppe „Internationaler Boxring“ den WM-Kampf gegen Jersey Joe Walcott verschaffte.

Walcott ist bereits  an die 35 Jahre, als er in den Kampf mit Charles geht. Mit über achtundachtzig Kilogramm ist er um die sechs Kilogramm schwerer als sein eben dem Halbschwergewicht entwachsener Gegner.  Vor 22.000 Zuschauern stehen sich die beiden am 22. Juni 1949 in Chicago gegenüber, um den Nachfolger der Legende Joe Louis zu bestimmen. Der Kampf geht über fünfzehn Runden, und er ist einer der langweiligsten der Weltmeisterschaftskämpfe, die es je  im Schwergewicht gegeben hat. Walcott ist zwar von Anfang an im Angriff, boxt aber zu unkontrolliert. Viele Schläge kann Charles durch seine exzellenten Ausweichbewegungen vermeiden. Nach Runde fünf nimmt Charles das Heft in die Hand, und in der siebten und zehnten Runde bringt er den Altmeister Walcott ins Taumeln. Walcott übersteht  die Angriffe, geht nicht zu Boden. Nach fünfzehn Runden wird Charles ein knapper Punktsieg zugesprochen. Walcott fühlt sich benachteiligt und ist kaum zu bändigen. Die Fans aber nehmen von der Urteilsverkündung kaum etwas auf. Viel mehr interessiert sie, dass Charles‘ Manager, Jake Mintz, vor unbändiger Freude einen Ohnmachtsanfall erleidet und im Ring umkippt.

Der Kampf ist für alle Beobachter enttäuschend. Die New Yorker Boxkommission weigert sich, den Titel für Charles anzuerkennen und lässt den Platz hinter der Weltmeisterbezeichnung in ihrer Rangliste unausgefüllt.

Titelverteidigungen

Nach wie vor wird Charles von Joe Louis gefördert, der ihm weitere Kämpfe besorgt. Erster Gegner wird Gus Lesvenich, der ihm im Halbschwergewicht so lange den Titelkampf vorenthalten hatte. Im August 1949 findet vor siebzehntausend Zuschauern in der Bronx  ein sehenswerter Kampf statt.  Nach sieben Runden gibt Lesvenich völlig zerschlagen  in der Pause auf. In der Ringecke sitzend, soll er geflüstert haben: „Es ist genug“. Zweiter Gegner ist der ein Jahr ältere Kalifornier Pat Valentino, der in seiner bis dahin fast zehnjährigen Karriere noch nie einen Knockout erleben musste. Gegen Charles wird er Mitte Oktober 1949 in der achten Runde mit einer punktgenau geschlagenen Rechten so erwischt, dass er erstmals ausgezählt wird. Es ist, wie die professionellen Beobachter des Kampfes sagen werden, wiederum ein großer Auftritt des Weltmeisters, der Valentino während des gesamten Fights beherrscht und in der achten Runde schnell schaltet, als der Herausforderer für einen Augenblick die Deckung entblößt.

Krankheit und schnelles Comeback

Sein nächster Gegner soll Freddie Beshore sein, der allerdings nach damaliger Expertenmeinung nicht zur ersten Garnitur im Schwergewicht zu zählen ist. Auch ein Kampftermin wird festgesetzt, nämlich der 29. März 1950 in Buffalo (NY). Der Kampf wird knapp vierzehn Tage vor der Austragung abgesagt. Als Grund wird zunächst „mangelhafter Ticketverkauf“ angegeben. Ein Irrtum, denn Charles hat wegen einer Rippenfellentzündung, die das Herz angegriffen hat, von den Ärzten Startverbot auferlegt bekommen. Das Boxverbot, so hört man, werde einige Monate andauern. Walcott, Woodcock und weitere Schwergewichte in der Weltrangliste machen sich daraufhin Titelkampfhoffnungen. Dann die Wende: Charles, von einem Ärzteteam untersucht, wird erlaubt, dass er das Boxtraining wieder aufnehmen könne.

Der Kampf gegen Beshore wird nun auf den 18. August 1950 terminiert. Das Memorial Auditorium in Buffalo ist nur zu einem geringen Teil mit Zuschauern gefüllt. Die Zuschauer sind zu einem Großteil zu Hause geblieben. Nur knapp über sechstausend Fans verlieren sich in der Riesenhalle, als die beiden aufeinandertreffen. Sie sehen einen der schlechtesten Weltmeisterschaftskämpfe, die es je im Schwergewicht gegeben hat. Charles kommt mit seinen Schlägen kaum durch, kontert viel zu behäbig. Nach der zehnten Runde pfeifen die Zuschauer gellend; der Kampf ist einfach zu eintönig für sie. Erst in der vierzehnten Runde wacht Charles auf, bombardiert den Herausforderer mit schnellen linken und rechten Haken, so dass Beshore, kaum verteidigungsfähig, in den Seilen hängt. Nach knapp einer Minute der 14. Runde wird Charles in seine Ecke geschickt und Beshore aus dem Kampf genommen. Für Charles ertönt nur sehr zurückhaltender Beifall. Die Einnahmen der Veranstalter von knapp über 26.600 Dollar sind die bis dahin geringsten, die bei einem Weltmeisterschaftskampf im Schwergewicht erzielt werden.

Rückkehr und Tragödie des Joe Louis im Kampf gegen Charles

Joe Louis, die in 26 WM-Kämpfen ungeschlagene Schwergewichtslegende, wird von den Finanzbehörden der USA mittlerweile mit hohen Steuerschulden belegt. Noch vor einem Jahr hatte er dem aktiven Boxen abgeschworen, jetzt scheint die Zeit für ein Comeback reif zu sein, zumal ein Charles-Gegner, der Geld in die Kassen spült, in der Schwergewichtsszene nicht greifbar ist. Die Veranstalter bieten Louis über eine halbe Million Dollar, wenn er in den Ring zurückkehrt.

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Es beginnt ein unübersichtliches Spiel. Zunächst lehnt Louis ab, geht aber auf eine Schaukampftournee durch die Vereinigten Staaten. Er ist nicht zu stoppen, verliert aber gegen Jimmy Bivins, der ihm seine rechte Augenbraue aufschlägt. Dann erscheinen Pressemeldungen, dass Louis wegen seiner hohen Steuerschulden doch wieder zurück in den Ring müsse. Auch dies wird vierzehn Tage danach von Louis dementiert, der angibt, dass er sich mit seinen Schaukämpfen nur konditionell wach halten möchte. Nach einem Sieg in einem Schaukampf gegen Pat Valentino sieht’s wieder anders aus. Dieses Mal erklärt Louis, dass er für eine Million Dollar Gage gegen den Weltmeister antreten werde. Nur drei Monate später erklärt er, dass er sich vom Boxen „endgültig“ abmelden wolle. Kein Vierteljahr danach wird er von der US-Finanzbehörde mit 200.000 Dollar zur Kasse gebeten und erklärt, dass er wieder boxen müsse, um die Schulden zu begleichen. Er unterschreibt einen Vertrag für Ende September 1950. Kampfort: New York. Gegner: Der Weltmeister im Schwergewicht, Ezzard Charles..

Die fünfzehn Runden am 27. September werden zum Abgesang des großen Joe Louis. Er wiegt mit seinen jetzt 98,5 Kilogramm fünfzehn Kilos mehr als der Weltmeister. Nach dem Kampf sitzt er in seiner Ecke, lässt sich  mit gekühltem Wasser die Verletzungen und Schwellungen in seinem Gesicht behandeln. Er ist gescheitert. Zuvor hatte die Mehrzahl der Sportjournalisten Louis zum Favoriten erklärt. In der gesamten Kampfzeit lässt Charles dem Herausforderer keine Chance, abgesehen von der zehnten Runde, als Louis wie in seiner besten Zeit auf Charles losstürzt, ihn an den Seilen festnagelt. Die Schläge prasseln auf den Weltmeister ein, aber Charles bleibt stehen. Auch in den weiteren Runden  kann Louis keine entscheidende Wende erzwingen.

Der Punktsieg des Weltmeisters ist einstimmig. Manche Beobachter meinen gar, dass Charles es absichtlich versäumt habe, die Legende auf den Boden zu zwingen. Louis soll den Reportern noch im Ring zugeflüstert haben, dass er „am Ende“ sei, obwohl er „sein Bestes“ gegeben habe. Am nächsten Tag schon erkennt die New Yorker Boxkommission Charles als Weltmeister im Schwergewicht an.

Titelverteidigungen gegen Barone und Oma

Nach einem KO-Sieg über Nick Barone, der aber als „Underdog“ bis zur zehnten Runde einen überraschend beherzten Kampf liefert, steht für Walcott zwei Monate später, am 07. März 1951, eine weitere Titelverteidigung an. Vor 10.000 Fans im New Yorker Madison Garden stellt er sich Lee Oma, der aber nur in den ersten drei Runden den Weltmeister wirklich fordern kann. Ab Runde vier rührt sich Charles, muss aber noch in der fünften eine krachende Rechte ans Kinn hinnehmen. Der schon 36 Jahre alte Herausforderer kann aber die Situation nicht nutzen. Dann die zehnte Runde. Die Zuschauer murren, weil Charles bislang einen absolut gleichgültigen Eindruck macht. Charles schnellt aus seiner Ecke und deckt den Herausforderer mit einer Kombination am Körper ein, der die Arme sinken lässt. Weitere Treffer Charles‘ an Körper und Kopf folgen. Goldstein, der Ringrichter, bricht den Kampf ab und hebt die Hände des Weltmeisters. Insgesamt war es ein enttäuschender Kampf, und die fast 20.000 Dollar, die Charles als Börse erhält, scheinen unverdient.   

Jersey Joe Walcott als Dauergegner

Schwergewichte, die die Massen anziehen, sind mittlerweile rar geworden. Was bleibt, ist Jersey Joe Walcott, der immer noch nach dem Titel strebt. Drei Mal hat Walcott um den höchsten Gürtel gekämpft, drei Mal verloren. Nun bietet er sich erneut als Herausforderer an.

Am 07. März 1951 ist es endlich in Detroit so weit. Walcott, mittlerweile 37 Jahre alt, wiegt zum Kampftermin  vier Kilogramm mehr als der Weltmeister. Alle Presseberichte der Zeit zeigen: Er hat härter als je zuvor trainiert. Er will es unbedingt zwingen. Dennoch stehen die Wettern 7:2 für Charles.  Die Zuschauer schreien sich die Kehle für den alten Mann aus dem Hals. „Kill him“-Rufe gellen durch die Halle. Und die Anfeuerung scheint zu wirken: In der vierten Runde muss Charles einen mörderischen rechten Uppercut ans Kinn hinnehmen. Er sackt zu Boden, sitzt einige Sekunden, ist aber bereits wieder oben, als der Ringrichter mit dem Zählen beginnt. Die folgenden kritischen Augenblicke übersteht Charles, denn Walcott ist nicht in der Lage, die Situation auszunutzen. Er gibt dem bereits geschlagenen Weltmeister genügend Zeit zur Erholung. Die mangelnde Fähigkeit Walcotts, solche Augenblicke entscheidend und entschlossen zu nutzen, sind für manche Beobachter ein Grund dafür, dass Walcott nie zu den ganz Großen des Schwergewichts gezählt hat.

Ab jetzt hat Charles das Kommando. In der neunten Runde schickt er Walcott kurz auf die Bretter, und in den letzten Runden ist er eindeutig der bessere Mann. Punktsieger: Ezzard Charles, der Schwergewichtsweltmeister bleibt. Das Publikum ist außer Rand und Band. Es pfeift ohrenbetäubend den Weltmeister aus, ist sicher, dass das Urteil falsch ist. Walcott stachelt die Massen an, steht im Ring und hebt immer wieder die Fäuste. Sein Manager, Felix Bocciocchio, brüllt den Pressevertretern, die vorn am Ring kauern, zu, wie deutlich ein Punktvorsprung Walcotts denn sein müsse, damit er einmal als Sieger den Ring verlassen könne. Die Randaleszenen reißen nicht ab. Über fünfzehn Minuten wird der neue und alte Weltmeister auf das Übelste beschimpft und bedroht. Mit einiger Mühe gelingt es Charles, durch die entfesselten Massen den Weg zur Kabine finden.

Walcott doch noch am Ziel

Kaum zwei Monate später, im Mai 1951, steht er zum vierten Mal mit Joey Maxim, dem Weltmeister im Halbschwergewicht, im Ring. Wieder ist es ein Titelkampf, und wieder lässt Charles dem Herausforderer keine Chance. Er beherrscht ihn während der gesamten fünfzehn Runden. Besonders seine Körpertreffer schlagen bei Maxim häufig ein, der aber nicht zu Boden geht. Von Maxim ist nur wenig im Ring zu sehen. Charles versucht in den letzten Runden, Maxim durch einen Knockout zu besiegen, damit die Zuschauer auf ihre Kosten kommen, aber es gelingt ihm nicht. Jedenfalls wird es ein überzeugender Punktsieg, der zeigt, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen wirklich ernsthaften Gegner für Charles gibt. Maxim kann sich damit trösten, dass er den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht  behält.

Am 18. Juli 1951 erhält Jersey Joe Walcott seine fünfte Chance, in einem Titelkampf Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Der „Greis aus Camden“, wie er mittlerweile von vielen gerufen wird, ist der einzige Schwergewichtler, von dem sich die Promoter noch genügend Anziehungskraft auf die Boxfans versprechen. Um die 30.000 Zuschauer sind es auch, die an diesem heißen Julitag in Pittsburgh zusammenströmen, um die neunte Titelverteidigung des Weltmeisters im Schwergewicht, Ezzard Charles, zu erleben, und die Krönung Walcotts feiern zu können. Walcott ist in diesem Kampf klar der aktivere Boxer. In der siebten Runde schlägt Walcott einen eher schwachen linken Jab an die Körperpartie von Charles, der die Deckung daraufhin herunterzieht und auf Walcott losgeht. Da trifft ihn ein punktgenau geschlagener linker Haken ans Kinn. Charles geht zu Boden und wird ausgezählt. Neuer Weltmeister im Schwergewicht: Jersey Joe Walcott. Mit 37 Jahren ist er der bis dahin älteste Schwergewichtschamp der Boxgeschichte.

Knapp ein Jahr später,  nach drei Siegen gegen Rex Layne, Joey Maxim und Joe Kahut, steht er zum vierten Mal in Philadelphia mit Walcott im Ring. Dieses Mal ist er der Herausforderer. Nach fünfzehn Runden ist er klar nach Punkten geschlagen.

Zwei große Kämpfe gegen Rocky Marciano

Charles lässt sich nicht beirren. Nach einer Serie von neun aufeinanderfolgenden Siegen verliert er zwar gegen den kubanischen Ausnahmeschwergewichtler Nino Valdez, der fast zehn Kilogramm schwerer ist. Auch gegen Harald Johnson, den späteren Halbschwergewichtsweltmeister, muss er eine Punktniederlage hinnehmen. Die beiden folgenden Kämpfe gegen Coley Wallace und Bob Satterfield beendet er mit Knockout-Siegen. Damit steht Charles erneut vor einem Weltmeisterschaftskampf um die Schwergewichtskrone.

Seit September 1952 trägt Rocky Marciano den Titel. In einem mitreißenden Kampf hat er sich den wichtigsten Gürtel von Joe Walcott geholt und ihn zwei Mal verteidigt. Nun geht’s gegen Exweltmeister Ezzard Charles.  Vom Alter her sind beide ungefähr gleich, Marciano ist zwei Jahre jünger als sein Herausforderer. Auch hinsichtlich Gewicht und Körpergröße lassen sich kaum signifikante Unterschiede ausmachen.

Der erste Kampf, am 17. Juni 1954 im Yankee Stadium in der Bronx, gilt als eine Sternstunde der Boxgeschichte im Schwergewicht. Fünfzehn Runden sind beide in ständiger Aktion, geben keinen Meter preis. Noch aktiver im Ring ist aber Marciano. Am Ende des Kampfes wird er zum klaren Punktsieger erklärt. Charles kann sich aber zugute halten, dass er den Kampf trotz der wütenden Angriffe des Weltmeisters ohne Niederschlag überstanden hat.

Genau drei Monate später, am 17. September 1954 an gleicher Stelle, gelingt es Charles, sich in den ersten Runden Vorteile zu erarbeiten, obwohl er in der zweiten Runde kurz am Boden ist. Dann erwischt er Marciano mit einer harten Rechten an der Nase, die nahezu gespalten ist. Der Ringrichter, Al Berl, steht kurz vor der Entscheidung, den Kampf wegen der großen Verletzungsgefahr des Weltmeisters abzubrechen. Gibt aber dann den Kampf noch einmal für eine Runde frei. Marciano kämpft in dieser achten Runde wie um sein Leben. Er stürmt auf Charles ein, schlägt mit rechten und linken Haken auf den Herausforderer ein, scheint Gegentreffer nicht zu bemerken. Charles übersteht den Ansturm nicht und wird ausgezählt.

Das weltbekannte „Ring Magazine“ erklärt den Fight zum „Kampf des Jahres“. Für jeden Boxfan gehört er zu den größten Kämpfen in der Geschichte des Schwergewichts. Und Charles hat daran einen gehörigen Anteil.

Abgesang

Bis zum September 1959, noch mit fast achtunddreißig Jahren, steht Ezzard Charles im Ring. Berichtet wird, dass ihn große finanzielle Probleme dazu zwingen, so lange im Ring zu stehen. Aber seine  Karriere ist faktisch am Ende. Es scheint so, als hätten die beiden Titanenkämpfe gegen Rocky Marciano ihm die letzten Energien geraubt. Es folgen zwar noch einige Siege, aber auch eine Reihe von Niederlagen. Sein letzter Auftritt, am 01. September 1959 in Oklahoma gegen den sechzehn Jahre jüngeren Texaner Alvin Green, bringt ihm eine deutliche Punktniederlage.

Kampfstatistik: Charles stand in 119 registrierten Kämpfen im Ring, wovon er 93 gewann (52 durch KO). 25 Niederlagen und ein Unentschieden sind verzeichnet.

Nach der Karriere

Charles war bereits in den 1940ern ein nicht unbekannter Jazzinterpret. Er war lange Zeit eng befreundet mit Rocky Marciano und auch Muhammad Ali, der in der gleichen Straße wie er selbst in Chicago lebte. Auch denen, die kaum oder nichts mit dem Boxsport zutun haben, wurde er bekannt. als er im Jahre 1967 auf dem Beatles-LP-Cover „Sergeant Pepper’s “ mit abgebildet wurde.

Am 28. Mai 1975 starb Ezzard Charles an den Folgen des Lou-Gehrig-Syndroms in Chicago. Er wurde keine 54 Jahre alt.

Würdigung

Die Beurteilungen über Ezzard Charles gehen weit auseinander. Nicht wenige „Experten“ und Boxhistoriker rühmen seine boxerischen Fähigkeiten, seine Beweglichkeit, Schnelligkeit und blitzschnellen Kombinationen. Als Schwergewichtler hat er in den zwei Jahren, in denen er den Weltmeistergürtel trug, acht Mal erfolgreich seinen Titel verteidigt. Für viele gehört er darüber hinaus zu  den besten Halbschwergewichtlern aller Zeiten. Manche sehen ihn noch vor Archie Moore, den er mehrfach schlagen konnte. Unvergessen werden seine beiden überragenden Kämpfe gegen Rock Marciano bleiben, auch wenn er als Verlierer den Ring verlassen musste. 

Freilich hat er nie  die die Popularität eines Jack Dempsey, Joe Louis oder Rocky Marciano erreichen können. Für viele Fans blieb er ein Halbschwergewichtler, der Glück hatte, dass sich in seiner Zeit kaum wirklich exzellente Schwergewichtler in amerikanischen und europäischen Ringen sehen ließen. Gemeinsam mit Jersey Joe Walcott wird er nicht selten als „Übergangsweltmeister“ in der Zeit zwischen den Legenden Joe Louis und Rocky Marciano gesehen.  Ob ihm eine solche Bewertung gerecht wird? Man kann daran zweifeln, wenn man sich  zum Beispiel vor Augen hält, dass seine boxtechnischen Fähigkeiten in der Geschichte des Schwergewichts vergleichsweise überragend genannt werden können. Damit hat er  sich in der langen Reihe der Schwergewichtsweltmeister in jedem Fall einen guten Platz verdient.

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6 Kommentare

  1. Alex
    30. September 2012 at 20:17 —

    Es gibt einige Boxer die es aus einer niedrigeren GK im HW super geboxt haben sowie Ezzard Charles, Archie Moore und noch viele mehr

  2. Ferenc H
    1. Oktober 2012 at 12:22 —

    Schöner Artikel Paul macht echt spass zu lesen 🙂

  3. Kikoroki
    1. Oktober 2012 at 12:26 —

    David haye z.b

  4. Alex
    1. Oktober 2012 at 17:32 —

    @ Kikoroki

    Ja auch. Sowas finde ich auch gut aber ich glaube nicht dass Huck das genauso schafft

  5. Tom
    4. Oktober 2012 at 00:34 —

    @ Paul

    Mal wieder ein richtig guter Beitrag zur Boxgeschichte!

    Mach bloß noch lange weiter so!!!

  6. Paul
    4. Oktober 2012 at 11:54 —

    @ Tom

    Damit ist zu rechnen 🙂

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