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„Die Welt ist ein besserer Ort, weil er sich das Leben genommen hat“

„Die Welt ist ein besserer Ort, weil er sich das Leben genommen hat“

Das schrieb das US-amerikanische Sportmagazin Bleacher-Report im Mai 2010, einen Monat nachdem der venezolanische Boxer Edwin Valero unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen war.

Warum ausgerechnet jetzt ein Artikel über ‚El Inca Dinamita‘? Weil mich die Geschichte von Felix Verdejo, der unter Verdacht steht, seine schwangere Geliebte umgebracht zu haben, etwas an Valero erinnert hat.

Edwin Valero wurde am 3. Dezember 1981 in Bolero Alto, einem kleinen Dorf in Mérida, Venezuela, geboren. Die Valeros waren arm. Vater und Mutter teilten sich mit ihren fünf Kindern zwei Zimmer. Als seine Eltern sich trennten war Edwin 9 Jahre alt und musste die Schule verlassen, um Geld zu verdienen. Fortan verkaufte er an einer Bushaltestelle selbstgepflücktes Obst.

Seine Teenagerzeit – so wird berichtet – verbrachte er als Obdachloser auf den Straßen Venezuelas, verwickelt in Bandenkriege, Kriminalität und Drogenhandel. Valero beschrieb seine Kindheit später als „im siebten Kreis der Hölle geboren” und erklärte in einem Interview: „In mir steckt etwas, das ich auf jemanden loslassen muss. Es ist vielleicht Wut, Hass, den ich empfinde, weil ich das Gefühl habe, meiner Kindheit beraubt worden zu sein.“

Da Valero weg von einem Leben auf der Straße wollte, nahm er einen Job in einem örtlichen Fahrradgeschäft an. Der Ladenbesitzer schickte Edwin in eine Boxhalle. Der zukünftige Weltmeister hatte einen Ort gefunden, an dem er sich austoben konnte.

Schon früh war klar, dass er eine natürliche Begabung für den Kampf hatte. Valero war ein erfolgreicher Amateur, stand 86 Mal im Ring, holte 80 Siege, davon 45 durch KO, bevor er zu den Profis wechselte.

Im Seilgeviert war der Venezolaner ein zerstörerischer Puncher und gewann alle seine 27 Profikämpfe durch KO. Warum Edwin Valero kein „ganz Großer“ wurde? Ein Motorradunfall war vermutlich schuld daran. Im Februar 2001 war Valero, ohne Helm Motorrad fahrend, in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt, bei dem er sich eine Schädelfraktur zuzog. Er musste sich daraufhin einer Operation zur Entfernung eines Blutgerinnsels unterziehen, durfte aber seine Boxkarriere fortsetzen. Trotzdem wurde ihm im Januar 2004 nach einer MRT-Untersuchung in New York die Boxlizenz entzogen. Valero unterbrach zunächst seine Karriere, kehrte aber 2005 in den Ring zurück und boxte vorwiegend in lateinamerikanischen Ländern und Japan.

In zwei Gewichtsklassen krönte sich Edwin Valero zum Weltmeister. Nachdem er 2010 den Mexikaner Antonio DeMarco geschlagen hatte, wurde er als potenzieller Gegner von Manny Pacquiao gehandelt. Doch Pacquiao entschied sich dafür, gegen Shane Mosley zu kämpfen.

„Valero hat so hart geschlagen, dass er Pacquiao in jeder Nacht hätte schlagen können”, sagte später der Promoter Rich Cappiello: „Aber Valero wurde nicht für gut genug befunden,  weil er nie gegen die Besten da draußen gekämpft hat.“ Oscar De La Hoya hat 2008 einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Als sich der ‚Golden Boy‘ auf seine Begegnung mit Manny Pacquiao vorbereitete, wurde Valero als Sparringspartner verpflichtet, wenngleich das Engagement schon nach zwei Tagen beendet war. Joel De La Hoya war wohl um die Gesundheit seines Bruders besorgt und ordnete an: „Bringt dieses Monster hier raus!“

Der Valero im Ring war allerdings nicht derselbe wie der außerhalb des Seilgevierts. Privat galt der Rechtsausleger lange Zeit durchaus als respektvolle Person, manche hielten ihn sogar für eher schüchtern und voller Emotionen. Als er sich nicht für die Olympischen Spiele 2000 qualifizieren konnte, soll Edwin Valero „zwei Wochen lang geweint haben“.

2010 war das Jahr der Wende. Valero hatte eine ganze Weile gegen seine inneren Dämonen gekämpft, konnte sie aber nicht länger unterdrücken. Der 29-jährige wurde zunehmend paranoid und begann zu vermuten, dass seine Frau eine Affäre hatte. Auch die Polizei, Kriminelle und sogar seine eigene Mutter – so befürchtete Valero – hätten sich gegen ihn verschworen, er litt unter Verfolgungswahn.

Im März 2010 – einen Monat nachdem er den Mexikaner Antonio DeMarco geschlagen hatte – wurde Valeros Frau Jennifer mit zwei gebrochenen Rippen, einem tiefen Biss auf dem Rücken, einer Schädigung des Brustkorbs und einer Lungenverletzung aufgrund von Schlageinwirkung ins Krankenhaus eingeliefert. „Es war ein Unfall!“ behauptete sie, eine Frau habe versucht, sie auszurauben, sie sei dabei eine Treppe heruntergefallen.

Valero, der währenddessen für mehrere Tage von der Bildfläche verschwunden war, tauchte irgendwann in der Klinik auf, bedrohte Ärzte und Krankenschwestern und wurde festgenommen. Der 28-jährige war alkoholisiert und hatte nach eigenen Angaben Crack, Ecstasy und Heroin zu sich genommen.

Beim folgenden Aufenthalt in der Psychiatrie wurde Schizophrenie bei ihm diagnostiziert. Er verhalte sich seltsam, sagten Freunde und Bekannte, Bob Arum erklärte Jahre später, Valero sei zu dieser Zeit „völlig unberechenbar“ gewesen.

Der traurige Höhepunkt ereignete sich am 18. April 2010. Valero war mit seiner 24-jährigen Frau in einem Hotel in Valencia, rund 150 Kilometer westlich von Caracas, abgestiegen. Dort kam es offenbar zu einem heftigen Streit. Am frühen Sonntagmorgen gegen 5:30 Uhr tauchte Valero in der Hotellobby auf und soll einem Hotelangestellten ins Ohr geflüstert haben: „Ich habe sie getötet.“

In einem Bericht heißt es, er sei desorientiert und barfuß gewesen, ein anderer behauptet, er habe Schuhe getragen und sei relativ gelassen geblieben. Fest steht jedenfalls, dass die Mitarbeiter des Hotels Jennifer Valero in einer Blutlache mit drei Stichwunden auf dem Bett ihres Hotelzimmers fanden.  

Valero wurde wegen des Verdachts, seine Frau getötet zu haben, verhaftet. Einen Tag später versuchte er, sich mit Teilen seiner Kleidung in seiner Gefängniszelle zu erhängen. Wie venezolanische Medien berichteten, wurden Zellennachbarn durch Geräusche aufmerksam. Die Polizeibeamten – so das Protikoll – fanden Valero zwar noch lebend, Rettungsversuche blieben erfolglos.

Im Mai 2010 wurde die Leiche des ehemaligen Champions exhumiert. Edwins Brüder Edward und Luis hatten die Untersuchung beantragt. Sie vermuteten, dass Edwin von Polizeibeamten erdrosselt worden sein könnte. Ungeklärt blieb unter anderem auch, warum Edwin in seiner Zelle eine Trainingshose getragen hatte, aber am nächsten Morgen, als er erhängt aufgefunden worden war, eine Blue Jeans trug, die nicht ihm gehörte.

Edwin Valero hatte – wenn man von dem „Geständnis” im Hotel absieht – bis zu seinem Tod geleugnet, seine Frau erstochen zu haben. Auch die Mordwaffe wurde nie gefunden.

Für die breite Masse stand trotzdem seine Schuld fest. „Bevor er ein Mörder wurde, war er ein Boxer!“ schrieb Boxingnewsonline.

Ob das auch auf Felix Verdejo zutrifft, bleibt vorerst abzuwarten.

***

Hier noch einmal der letzte Kampf von Edwin Valero am 6. Februar 2010.

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19 Kommentare

  1. 7. Mai 2021 at 11:01 —

    Und Tyson soll ein Vergewaltiger gewesen sein. Heute zweifelt jedoch sogar der Richter, der Tyson schuldig gesprochen hat, an Tysons schuld!

    Und was die Medien damals mit Tyson angerichtet haben, ist unter aller sau. So mancher Boulevardjournalist hat daraus gelernt, aber die meisten weigern sich noch, diese Form der unseriösen und völlig sinnlosen Vorberichtserstattung, in welcher bis auf den eventuellen Täter alle zu Wort kommen und ihren Verdacht aussprechen dürfen, zu unterlassen!

    • 7. Mai 2021 at 11:39 —

      Lebt der Richter überhaupt noch? hast du ein Beleg dafür?

    • 7. Mai 2021 at 14:19 —

      Was für ein gnadenloser Dummschwätzer du bist, zeigt sich jedesmal, wenn du einen Buchstaben auf deiner Tastatur berührst. „Der Richter, der Tyson schuldig gesprochen hat“ war eine Frau, sie hieß Patricia Gifford. Sie „zweifelt“ heute überhaupt nicht mehr, denn sie liegt seit 2018 in einem Sarg.

      d̴i̴g̴g̴e̴r̴ s̴t̴u̴b̴b̴l̴e̴

    • 8. Mai 2021 at 18:00 —

      Mich interessiert recht wenig, ob es ein Richter oder eine Richterin war und es spielt auch keine wirkliche Rolle, ob der Richter oder die Richterin noch lebt.

      Das einzige interessante ist die Farce um Tysons Prozess und der Versuch, Tyson juristisch und medial zu zerstören. Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass die Richterin oder der Richter Jahre nach dem Prozess zugestanden haben, selbst nicht mehr an Tysons schuld zu glauben.

      ^^Aber klar, wenn es kein Richter war sondern eine Richterin und diese schon seit 2018 tot ist, dann war der Prozess selbstverständlich absolut in Ordnung. Das erinnert mich an Captain Amazing,der auf keinen Fall Lance Hunt sein kann, weil Lance Hunt eine Brille trägt und Captain Amazing nicht!

      • 8. Mai 2021 at 19:52 —

        Also wie üblich. Nicht die Realität ist für Dich maßgeblich, sondern die Scheinwelt, die Fettschtabbel sich so zurechtgelegt hat, wie er sie braucht.
        Gibt es sonst noch etwas, was Du uns mitteilen möchtest?
        Wie wäre es mit Deiner aktuellen Medikamentierung?

        • 8. Mai 2021 at 22:08 —

          😂😂😂
          Mein erster Gedanke.

          Was kümmert mich die Realität, von der ich mir unter Zuhilfenahme meines Verstandes umständlich ein Bild machen muss, wenn ich auch einfach ohne mein Hirn anzustrengen das behaupten kann, was mir gerade so einfällt, um ein bisschen miese Luft zu verbreiten?

          Schwabbel ist eine Aufmerksamkeitshure sondershausen, Hauptsache, irgendwas behaupten, was keinen Sinn ergibt und die anderen machen sich dann von alleine die Mühe, diesen Quatsch zu entlarven.

          Lies Tysons Autobiografie „The Undisputed Truth“, da steht alles en Detail beschrieben. Ja, höchstwahrscheinlich ist er unschuldig, aber er ist sich auch ganz genau bewusst, welchen Anteil er selbst an dem Bild, das die Medien seinerzeit über ihn verbreitet haben, hatte. Er gibt unumwunden zu, dass sein Frauenbild und seine Sexgier von damals etwas Krankhaftes hatten und dass es schlicht zu einfach für die Journaille damals war, dieses Bild von ihm so zu verbreiten, wie sie es getan hat. Macht das ihn zu einem Vergewaltiger? Nein, auf keinen Fall. Aber hat er dieses Bild in der Öffentlichkeit von ihm gemalte Bild zu einem gewissen Anteil selbst provoziert und vielleicht sogar genossen. Er ist der Erste, der das unumwunden zugegeben hat und jetzt gut damit leben kann. Ihn zu einem Opfer zu stilisieren ist genauso falsch, wie aus ihm ein (Frauen gegenüber) gewalttätiges Monster zu machen. Der damals wie heute inkorporierte amerikanische Rassismus und die generelle Sensationsgier der Presse haben an diesem Image zweifellos einen höheren Anteil als der tatsächliche Charakter Mikes, keine Frage. Was das alles aber damit zu tun hat, dass man nicht über Prominente, die zu (mutmaßlichen) Mördern geworden sind, schreiben darf, erschließt sich mir allerdings überhaupt nicht.

  2. 7. Mai 2021 at 14:12 —

    Ich habe mir überlegt, auch gar keine Vorberichte mehr vor den Kämpfen zu schreiben. Es ist unseriös und sinnlos, wenn ich in einem Artikel vermute, dass Boxer X oder Y vermutlich gewinnen wird.
    Und natürlich ist es peinlich und dumm. Und wer weiß, welche problematischen Konsequenzen dieser beifallheischende Sensations- bzw. Boulevardjournalismus haben könnte.

    Unfassbar, dass auch für den ein oder anderen Boxfan schon vor der Begegnung feststeht, wer am Ende gewinnt. Der Sieger steht erst nach dem Kampf fest! Deswegen werde ich ab sofort meine Vorberichte erst nach dem Schlussgong schreiben.

  3. 7. Mai 2021 at 15:19 —

    die einzigen ,die dinamita nicht bezwingen konnte , waren seine dämonen,was für ein fighter,kurz vor den big fights,keiner hat sich drum gerissen gegen ihn zu fighten…was für eine vergeudung/schande…
    das ende,na ja ist netflixmaterial (the psyco inside)….
    R.I.P. champ…

  4. 7. Mai 2021 at 15:34 —

    Guter Artikel und nice Recherche!

    Kann gut sein, dass sein Mopedunfall letztursächlich für die ganze Katastrophenspirale war. Es gibt ja mittlerweile immer mehr Forschung über CTE und deren Spätfolgen. Eine einsetzende Schizophrenie, eventuelle spätere Traumata durchs Boxen, seine Sensbilität sowie die Kindheits- und Jungenderlebnisse akkumulieren das Ganze natürlich nochmal.

    Im Ring war er auf jeden Fall ein Monster und auch ein durchaus kalkulierter und disziplinierter Puncher, keiner, der in erster Linie seinen Kopf als Deckung hinhält und dem alles andere scheißegal ist.

    R.I.P.

  5. 7. Mai 2021 at 17:36 —

    Danke für den Artikel.

  6. 7. Mai 2021 at 20:42 —

    @ ak
    @ Gladio

    Freut mich, dass er Euch gefällt

  7. 7. Mai 2021 at 21:12 —

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Digger Stubble ein Mitglied eines gewissen Boxpodcastes ist 😁.
    Ich finde Samira wirklich nicht unsympathisch, nur der Cringe-faktor des Boxpodcast einspielers ist maximal hoch.

  8. 8. Mai 2021 at 16:00 —

    Sehr interessanter Fighter gewesen.
    Extrem fokussiert im Kampf und in der Vorbereitung, ich hatte leider von ihm erst Notiz genommen als die Geschichte mit dem Mordfall war. Nach seinem Unfall war er leider wohl physisch gestört.
    Gute Story

  9. 8. Mai 2021 at 19:52 —

    @ lights out

    Danke

  10. 8. Mai 2021 at 20:09 —

    Toller Bericht, danke dafür. Hatte Valero ein bisschen vergessen, mir aber heute auf youtube nach dem Lesen des Berichts wieder ein paar Video von ihm angeschaut.

  11. 9. Mai 2021 at 11:44 —

    @ liston

    Danke, freut mich.

  12. 20. Mai 2021 at 13:42 —

    Wäre ja beinahe eine öffentliche Umfrage wert, wer heute wirklich noch daran glaubt, dass Mike Tyson seinerzeit tatsächlich die Taten verübt haben soll, die man ihm vorgeworfen hat oder ob nicht doch etwas ganz anderes dahinter steckt?

    Aber klar, wenn zuvor die verantwortliche Richterin, welche noch zu Lebzeiten eingestanden haben soll, dass sie selbst auch nicht mehr an die Schuld Tysons glauben würde, fälschlicherweise als Richter und eben nicht als Richterin bezeichnet wurde und zudem mittlerweile auch noch Tod ist, ja dann muss Mike Tyson selbstverständlich auch schuldig gewesen sein!

    • 20. Mai 2021 at 14:33 —

      Der Richter, der damals entschieden hat, dass deine Mama dich nicht postnatal abtreiben darf, sagt heute auch, das sei seinerzeit ein Fehler gewesen 🖕🖕🖕

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