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„Destroyer“ Benn – alle Fragen beantwortet

„Destroyer“ Benn – alle Fragen beantwortet

Britische Medien waren sich vor Conor Benns Kampf gegen den deutschen Weltergewichtler Sebastian Formella unsicher: es gab Zweifel am Talent des 24 Jahre alten Benn, Befürchtungen, es handle sich beim Fight gegen ‚Hafen-Basti‘ um einen zu großen Klassenunterschied. Und auch Benns Promoter Eddie Hearn sprach von einer großen Hürde für seinen Boxer: „Ich bin sehr nervös und mache mir Sorgen um Conor. Formella kämpft nicht nur gut, er kann sich auch artikulieren. Er ist intelligent und weiß ganz genau was zu tun ist.“ Die DAZN-Kommentatoren gingen von einem „echten Test“ für Benn aus und „BoxingScene“ hatte im Vorfeld getitelt: „Der Formella-Kampf wird viele Fragen beantworten!“

Zumindest im Bezug auf Conor Benn hatten die Kollegen der schreibenden Zunft Recht. Benn dominierte am Samstagabend das Geschehen im Ring und deklassierte Formella deutlich. Das Urteil der Punktrichter nach 10 geboxten Runden: 100-91, 99-91 und 99-92.

Aus deutscher Sicht: schade. Ohne Formella-Fanbrille: ein gerechtes Urteil. Vielleicht hätte sein Promoter Erol Ceylan Formella nach seiner Niederlage gegen Shawn Porter im vergangenen August noch etwas Zeit und ein paar Aufbaukämpfe gönnen sollen. Möglicherweise hätte der Hamburger dann etwas besser ausgesehen, doch so hatte Formella der Explosivität und dem besseren Distanzgefühl seines Gegners kaum etwas entgegenzusetzen.


Von Beginn an setzte der britische Boxer ‚Hafen-Basti‘ unter Druck, fand schnell die richtige Distanz und testete schon im ersten Durchgang Formellas Nehmerfähigkeiten, „Formella hat keinen guten Start“ befanden die TV-Kommentatoren zu Recht. Dass Benn über ein Jahr nicht im Ring gestanden hatte, war dem Briten nicht anzumerken. Immer wieder gelang es ihm, Formella mit Wirkungstreffern am Körper und mit schweren Haken ans Kinn zu überraschen. In den beiden Schlussrunden hangelte sich Formella knapp am vorzeitigen Aus vorbei.


Wer sich das „Trauerspiel“ ansehen möchte: unten findet sich ein Link zum Video.

Während der 33 Jahre alte Hamburger nach dem Kampf erklärte: „Ich bin enttäuscht. Ich war zu keinem Zeitpunkt physisch in der Lage, ihm gefährlich zu werden. Viele Dinge, die im Sparring exzellent funktioniert haben, konnte ich nicht abrufen.“, befand sein 9 Jahre jüngerer Gegner: „Im Sparring bin ich mehr gefordert worden.“

Kein Lob für Formella, dessen zweiter Angriff auf die erweiterte Weltspitze – wenn man das wohlwollend so nennen möchte – nun gescheitert ist. Wie schon in vorangegangenen Fights machte sich Bastis mangelnde Schlagkraft bemerkbar, gute Defensivarbeit und schnelle Beine alleine reichen „weiter oben“ halt nicht aus,

Während Benn damit die Fragen seiner Kritiker eindrucksvoll beantworten konnte, tut sich bei Sebastian Formella (jetzt 22-2-0) nun eine andere auf. Manager Steffen Soltau sagte dazu in einem Interview: „Wir werden uns vor Weihnachten zusammensetzen und planen, wie es weitergeht.“

Sebastian Formella hat bei facebook das folgende Statement gepostet: “Gratulation an Conor Benn. Wir haben den Kampf kurzfristig angenommen, weil wir Chancen gesehen haben, in England zu gewinnen. Man muss aber ganz klar eingestehen: Ich war zu keinem Zeitpunkt physisch in der Lage, ihm gefährlich zu werden. Respekt, das war ein wirklich starker Kampf. Meine Ecke hat bis zuletzt gehofft, dass mir noch ein Wunder gelingt. Ich war in jeder Rundenpause klar und ansprechbar.

Ich werde jetzt erst einmal Abstand gewinnen und mich dann mit meinem Team zusammensetzen und beide Fights gegen Porter und Benn reflektieren. Wir haben nach dem Porter-Kampf intensiv an Schlagkraft und Physis gearbeitet, ich kann es aber im Kampf offensichtlich nicht in den Ring bringen. Auf diesem Niveau fehlt mir ganz klar die Körperlichkeit und Härte. Viele Dinge, die im Sparring und Training exzellent funktionieren, konnte ich weder gegen Porter noch gegen Benn im Ring abrufen und umsetzen. Aber solche Kämpfe hätte ich vielleicht ohne die Corona-Pandemie gar nicht machen können. Insofern bin ich stolz und froh, nun solche Namen im Rekord zu haben. Das ist mehr als ich mir als Profiboxer und Arbeiter im Hamburger Hafen je erträumt habe. Und natürlich waren das zwei Kämpfe gegen Top-Leute in sehr kurzer Zeit, aber ich hätte den Kampf gegen Benn nicht angenommen, wenn ich nicht Chancen für mich gesehen hätte. Er hat sich enorm entwickelt und verdient gewonnen. Ich bedauere die Entscheidung im Nachhinein nicht. Ich werde jetzt Abstand gewinnen, Arbeiten gehen und mich auf Weihnachten freuen. Ich möchte mich auf diesem Wege bei allen für den unglaublichen Support bedanken. Bei aller Kritik und allem Frust, dass wir im Ausland derzeit nichts holen können, appelliere ich an den Mut, Chancen weiterhin zu ergreifen, fleißig zu sein, sich im Training reinzuhängen und nicht aufzugeben. Wir brauchen wieder ein besseres Niveau in Deutschland mit mehr Möglichkeiten, Talente zu entwickeln und Boxer besser auszubilden. Am Ende des Tages brauchen wir engagierte TV-Sender, die eine Plattform bieten, um junge Sportler zu entwickeln. Nur so können wir uns international wieder wettbewerbsfähig machen. Bleib niemals stehen, das Leben geht weiter!”

Hut ab für diese Worte!

Quelle: Sebastian Formella / facebook

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9 Kommentare

  1. 23. November 2020 at 11:44 —

    „Wir werden uns vor Weihnachten zusammensetzen und planen, wie es weitergeht.“

    Den Hafen-Basti einfach nochmal in so einer einseitigen und hoffnungslosen Schlacht opfern und nochmal maximal Knete abkassieren. Hat doch schon zweimal funktioniert und wenn Basti beim dritten Mal liegen bleibt: “Boxerrisiko.”

    Ne, mal ehrlich, ich steh’ nicht auf so einen Scheiss und schon gar nicht darauf, dass so ein Scheiss auch noch live übertragen wird. Mich erinnerte dieser Kampf an Grooves gegen Gutknecht und man sollte nun tunlichst darauf achten, dass sich Formella so etwas nicht nochmal antut. Er taugt nichts für die Spitze, das ist nicht weiter schlimm, aber er sollte sich dort auch nicht aufhalten!

    Basti ist ein guter Boxer, schnell und entschlossen, aber ohne nennenswerte Schlagkraft und damit wird er für jeden Top-Weltergewichtler nur ein Boxsack sein, vor dem man nichts zu befürchten hat.

  2. 23. November 2020 at 12:18 —

    Es geht darum Geld zu verdienen. So funktioniert das nicht nur bei ECB. Man muss nur einen Boxer in eine halbwegs gute Position für einen gewinnbringenden Kampf positionieren und der Rest ist nicht weiter wichtig.

    Gutknecht? – Der wurde ja mal richtig verladen. Aber ich spare mir jeden weiteren Kommentar dazu.

  3. 23. November 2020 at 13:43 —

    Hinterher ist man immer schlauer.. Hafen Basti war ja im Vorfeld sogar der Favorit in dem Kampf. Connor Benn hatte ich vorher nicht mal auf dem Schirm gehabt. Das Formella dann trotz kämpferischer Leistung dann so untergeht war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Es kommt mir irgendwie so vor als wenn die deutschen Boxer auch nicht mehr professionell auf ihre Kämpfe vorbereitet werden weil alles zu viel Geld kostet und die Promoter ja schließlich auch Geld verdienen müssen…🍻👍 Schade aber aufhören braucht er trotzdem nicht auch wenn es für ganz oben nicht reicht.

  4. 23. November 2020 at 15:38 —

    In diesen Kampf wäre mehr möglich gewesen, aber Formella war einfach zu langsam…oder Benn zu schnell, kann man sehen wie man will!?
    Benn ist meiner Meinung nach auch kein Mann für die Weltspitze, denn dazu hat er bisweilen zu große Deckungslücken…..die Formella leider nich ausnutzen konnte…..mal den einen oder anderen Aufwärtshaken…dann wäre das anders gelaufen!
    Na ja, der ein oder andere Titel ist für Formella sicherlich noch möglich, vielleicht sogar der EBU-EM-Titel….insofern er denn noch will!?

    Und am Samstag versucht der nächste ECB-Boxer sein Glück im Ausland, wenn es gut läuft könnte Hammer gegen Yoka vielleicht über die Runden kommen!???

  5. 23. November 2020 at 18:28 —

    Kann mich meinen Vorrednern nur anschließen: Basti ist ein technisch ordentlicher, tapferer Boxer mit einem tollen Arbeitsethos und großem Mut – bewundernswert. An Power fehlt es ihm, aber dafür kann er nichts, das ist eine angeborene und nur bedingt erlernbare Fähigkeit.

    Allerdings sollte er definitiv ein bisschen mehr das „Große Ganze“, sprich seine Gesundheit im Visier haben, damit ihm nicht ein Schicksal wie Gutknecht blüht (ein ähnlicher Persönlichkeitstyp, ebenso down to earth, mit einem „echten“ zweiten Job, etc.), und er sich von den Interessen geldgieriger Promoter, die ihre Schäfchen längst im Trockenen haben, aufreiben lässt.

    Hearn wird ja hier des Öfteren niedergemacht und hart kritisiert, aber Kämpfer, die nur bedingtes Talent besitzen, zu Publikumsmagneten aufbauen und damit auch ihnen den Weg zu großen Börsen öffnen, beherrscht er wie kein zweiter in Europa. Diese Card mit Babic, Wardley und Benn war, wenn auch coronabedingt und somit aus der Not geboren, wieder ein gutes Beispiel. Der nur angekündigte Kampf zwischen zwei WW, die niemals ganz oben ankommen werden, Benn und Josh Kelly, garantiert nun (nach Corona) eine volle Halle und einen großartigen Payday – nicht nur für Matchroom und Sky Sports, sondern auch für die Boxer.

  6. 23. November 2020 at 18:46 —

    Was haltet ihr vom Wardley Kampf?? Der Gegner ist doch ohne Schlagwirkung ausgestiegen und der Rest war eine schauspielerische Meisterleistung die seines gleichen sucht, oder?? Der Seitwärtshaken ging doch nur auf die Deckung und die Linke Gerade davor hat allenfalls weh getan…

    • 23. November 2020 at 18:57 —

      Lartey hat erst vor vier Wochen gegen Nathan Gorman 10 Runden geboxt und ist davor gegen Dubois schwer KO gegangen. Ich glaube, wenn jemand schauspielert, lässt er sich nicht mit einer Sauerstoffmaske beatmen und liegt/sitzt fünf Minuten regungslos da, dass sogar die Fernsehregie mit der Wh. des entscheidenden Schlages wartet, bis er wieder aufsteht. Wenn er geschauspielert hat, war es jedenfalls eine oscarreife Leistung.

      Der letzte Haken ging aus meiner Beobachtung nur teilweise auf den Handschuh und teilweise direkt hinters Ohr, außerdem war er davor von den zwei oder drei Jabs schon angeknockt und man kann davon ausgehen, dass er die Hand nur noch „alibimäßig“ hochhalten konnte, sie aber keinen echten Widerstand mehr geboten hat. Für mich war es ein astreiner Knockout von Wardley.

  7. 24. November 2020 at 19:07 —

    @ adolf klitschko

    Schade, dass Lartey seine Haut so zu Markte tragen muss.

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