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Der König der Journeymen

Sie heißen Adam, Rafal, Georgi oder Arek und kommen aus Georgien, Rumänien und auch schon mal aus Polen. Und sie boxen. Als Aufbaugegner. Klingt besser als Prügelknabe, ist aber in etwa das Gleiche. „Aufbaugegner  (…)  bezeichnet einen Kontrahenten, der seinem Gegenüber im Wettkampf Erfolg und Selbstbewusstsein verschaffen soll.“ sagt Wikipedia.

„Der sollte mal aufhören, gegen Taxifahrer zu boxen!“ sagen dagegen die Zuschauer. Vor allem, wenn sie nicht zufrieden sind. Mit dem Journeyman. So werden sie in der Regel genannt, die Gegner, die man zum Verlieren einkauft. Ein undankbarer Job. Und doch einer, der sich lohnen muss. Zumindest für die Journeymen aus Osteuropa. „Normale Journeymen können nur ein paar Sekunden boxen!“ hat Suleyman Dag einmal in einem Interview gesagt. Dag muss es wissen, ist er doch selber seit vielen Jahren als Aufbaugegner unterwegs. 103 Kämpfe hat der Mann aus Niedersachsen „auf der Uhr“, immerhin zehnmal verließ der heute 39-jährige den Ring als Sieger. Seit 2007 steht Dag im Ring, eigentlich also ein alter Hase.

Und doch ein Youngster. Im Vergleich zu Mazen Girke. Wer Dag einen alten Hasen nennt, der kann für Girke nur eine Bezeichnung haben: Ringveteran! Im Frühjahr 2002 gab der Berliner sein Profidebüt, 120 Kämpfe sind mittlerweile zusammengekommen, 600 Runden hat Mazen Girke „auf dem Buckel“. Viele seiner Gegner sind bekanntgeworden, die meisten in der Versenkung verschwunden und mittlerweile inaktiv: Alexander Sipos,
Marco Cattikas, Alexander Abraham, Nick Klappert, Koko Murat, Sebastian Zbik oder Domenic von Chrzanowski zum Beispiel.

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Geplant war die „Karriere“ als Journeyman nicht, sagt uns Mazen Girke im Interview:
„Ich bin mit 18 Profi geworden. Eigentlich, um mal Weltmeister zu werden!“ Werner Papke war Girkes Trainer. Ein Mann, der im Laufe seiner Trainer-Karriere zahlreiche Boxer zu nationalen und internationalen Titeln führen konnte. Papke hatte einst  Bubi Scholz entdeckt und war bis 1951 dessen Sparringspartner, Papke war Trainingspartner von Erwin Sahm, Papke machte 1995 den damals 16-jährigen Michel Trabant zum jüngsten deutschen Boxprofi überhaupt und Papke trainierte Mazen Girke.
„Der beste Trainer Deutschlands damals!“ sagt  Girke heute immer noch. Werner Papkes Devise: „Im Profiboxen gibt es keine Gewinner und keine Verlierer; es gibt nur Verdiener! Lerne damit umzugehen oder häng die Handschuhe an den Nagel“
Mazen Girke entschied sich fürs Boxen. Und hängte seinen Traum, Weltmeister zu werden an den Nagel. Nicht, weil er nicht boxen konnte, sondern weil sich kein Geldgeber finden ließ, der Interesse daran hatte, seine Karriere voranzutreiben. Auch kein Sponsor, wie Girke erzählt: “Überall, wo ich nachgefragt habe, hieß es: Wir unterstützen nur den Weißen Sport!“ Tennis also ja, Boxen nein.

Und so wandelte sich der Traum vom WM-Titel zu einem Geschäftsmodell: „Ich halte mich fit, trainiere und wenn ich in den Ring steige, gibt es auch schönes Geld! Außerdem habe ich meinen Spaß und kann ein bisschen Dampf ablassen! Alles schick!“ Auf eines legt der 35-jährige Berliner allerdings trotz seiner 100 Niederlagen wert: „Viele Kämpfe habe ich eigentlich gewonnen … aber auf den Punktezetteln lag ich hinten. Trotzdem buchen mich die Leute, weil sie wissen, dass ich ein echter Prüfstein bin!“

Vermutlich genau so, wie es Bruce Özbek es war. Der ehemalige Kickboxweltmeister, der hoffte, beim Boxen mehr Geld verdienen zu können, hat mehr als 100 Mal als Kickboxer im Ring gestanden, dazu kommen 38 Fights als Boxprofi. Dem Hamburger Abendblatt erzählte Klaus-Peter Kohl, damaliger Chef des Hamburger Universum Boxstalls seinerzeit: „Wenn kurzfristig ein Gegner ausfiel, konnte man immer sicher sein, dass Bruce als Ersatz bereitsteht!“ Im Spiegel-Interview erinnerte sich Özbek selber: „Gegen Stipe Drews wurde ich nur ein paar Stunden vor dem Kampf verpflichtet. Da war ich schon besoffen.”

Reich machte Özbek das nicht, sondern  krank. Schwere Vernarbung der rechten Gehirnhälfte lautete die Diagnose, zu viele Kopftreffer, irreparable Schädigung des Gehirns. Heute ist Özbek deswegen dement.
Ein Risiko, dessen Mazen Girke sich vermutlich bewusst ist. Zugeben würde es der Berliner wahrscheinlich nie: „Wenn ich mir darüber Gedanken machen würde, dann würde ich ja morgens auch nicht aus dem Hause gehen. Mir könnte ja ein Blumentopf auf den Kopf fallen … oder ein Auto könnte mich überfahren! Solange ich mich gut fühle dabei, solange werde ich boxen! Eigentlich wollte ich nur 120 Kämpfe machen … jetzt werden es wohl doch ein paar mehr!“
Das Thema Weltmeister  – endgültig abgehakt?  Girke lächelt: „Für mich bin ich immer ein Sieger, wenn ich den Ring unverletzt verlasse! Und 600 Runden … das muss mir erst mal einer nachmachen!“
Und so wird der Berliner auch an diesem Wochenende wieder im Ring stehen: diesmal geht es am 14. April im Titanic-Hotel in Berlin gegen Maik Jäde.
Darf man einem Journeyman eigentlich die Daumen drücken? Egal! Wir tun es trotzdem! Good luck, Champ!

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4 Kommentare

  1. 11. April 2019 at 23:34 —

    Mario Lupp 6-57-1 war ein weiterer Deutscher der sich als Journeymen verdingt hat.

    Es gibt die Schlechten die sich gleich nach einen harmlosen Wischer hinlegen und dann die “Guten”, die meist nur über die Punkte verlieren wie z.B. die ehemaligen Journeymen Zack Page oder Marion Wilson oder aber auch David Vedder 23-25-5, der es immerhin zu 4 WM-Kämpfen geschafft hat und diese nur nach Punkten verlor…u.a. gegen H.Maske.

  2. 12. April 2019 at 08:41 —

    Toller Artikel !!!

  3. 12. April 2019 at 08:52 —

    Dankeschön.

  4. 12. April 2019 at 12:36 —

    Der Ansatz im Artikel ist auf jeden Fall der richtige.Man kann Aufbaugegner grundsätzlich in 2 Kategorien unterteilen, Leute die einen ernsthaften Kampf liefern.. und komplettes Fallobst.

    Der hier schon genante Mario Lupp gehört zur 1 Kategorie, wie auch Andy Thiele. Gierke ist schon ein verrückter Hund. Der ist 1,70 groß und kämpft für Geld auch im Cruiserweight.

    Schlimm finde ich die zweite Kategorie. Ich war bei einer Veranstaltung in Düsseldorf, da gab es als Vorkampf Rene Oeffner vs Marko Kuvac. Kuvac war so ein Kandidat, bei dem man aufpassen muss, das alle Fenster zu sind, da er bei einem Luftzug umfällt. Ich glaube er hat 11 Niederlagen, alle durch KO, alle in der 1 Runde. Er fiel dann auch ohne nennenswerten Treffer um. Da kommt man sich als Zuschauer in der Halle für dumm verkauft vor, man zahlt ja Eintritt für so eine Farce.

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