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Chemiepokal in Halle – Die zweifelhafte „Knock-out“ Entscheidung nach fast 50-jähriger Tradition (Teil 1)

Beitragsbild: st-pauli-boxen

Im Gegensatz zu den offiziellen Verlautbarungen des DBV in Sachen “Chemiepokal Halle/Saale“ gibt es auch andere Meinungen. Nachdem der DBV am 22. Januar auf seiner Internetseite ankündigte, den 46. Chemiepokal nicht in Halle stattfinden zu lassen, wurde knapp einen Monat später nachgelegt und das endgültige „Aus“ für den Standort Halle verkündet. In Zukunft soll der „Chemiepokal“, diese fast 50 Jahre alte Traditonsveranstaltung, nicht mehr in Halle, sondern unter verändertem Namen in Köln stattfinden. Die fadenscheinigen Begründungen dafür lassen so manche Stirn Falten schlagen. Und nicht nur das.

Dass diese Nachricht in Halle nicht gerade Jubelschreie auslöst, sollte wohl vollkommen klar sein. Es kommt auch keinerlei Begeisterung oder Verständnis dafür auf, wie der DBV seine einsame Entscheidung zu begründen versucht. Man spricht sogar davon, dass dieser Umzug nach Köln vom DBV so gewollt und (aus welchen Gründen auch immer) ohnehin eine beschlossene Sache war. Es soll an fehlender Finanzierung gelegen haben, weil das Land Sachsen-Anhalt angeblich die Zuschüsse gekürzt habe und andere Sponsoren in diesem Jahr sparsamer gewesen sein sollen. Man ist sprachlos, wenn man sich mit der Materie beschäftigt und erkennt, wie hier das Blaue vom Himmel geholt wird.

Es ist schon mal sehr makaber, dass die Ankündigung der Absage durch den DBV am 22. Januar erfolgte. Genau an diese Tag gab es die endgültige und bindende Zusage vom Land Sachsen-Anhalt, den Chemiepokal in diesem Jahr mit 50 000 € zu fördern. Im Jahr 2018 waren es nach DBV-Angaben 30 000 €, die das Land zu Verfügung gestellt hat. Nach „Adam Riese“ ist das für 2019 eine Erhöhung der Fördermittel um satte 20 000 €. Da der DBV in diesem Jahr 80 000 € eingefordert hat, stellt man diese Erhöhung um 20 000 € Fördergeld tatsächlich als eine Kürzung um 30 000 € dar. Auf so eine gehirnakrobatische Fehlinterpretation muss man erst einmal kommen. Alle Achtung.

Dazu kommt die angebliche Kürzung der Zuwendungen durch die Lotto-Gesellschaft Sachsen-Anhalt. Auch hier gibt es Zweifel. Laut einem Beitrag von st-pauli-boxen.de hat Lotto Sachsen-Anhalt bereits im Dezember 2018 zugesagt, den Chemiepokal auch 2019 mit 30 000 € Sponsorengeld zu unterstützen. Das ist exakt die gleiche Summe wie 2018. Also keine Spur von Kürzung.

Wenn man an die Anfänge des Chemiepokals zurück denkt, gab es natürlich im vergangenen politischen System der DDR ganz andere Möglichkeiten. Der Chemiepokal Halle war vom Staat gewollt und „volkseigene“ Großbetriebe wie Leuna und Buna standen dafür Pate. Geld war dabei nie ein Thema. Die Eissporthalle mit ihren 5000 Plätzen war ein passender Veranstaltungsort. Die Bevölkerung der Stadt Halle und Umgebung war begeistert. Das Fernsehen der DDR war dabei und zeigte die Finalkämpfe im Sonntagsprogramm. Mit der politischen Wende stand auch der Chemiepokal „auf der Kippe“, weil man wegen der politischen Umbrüche und der Umstrukturierung der Industrie ganz einfach andere Sorgen hatte, als Sportveranstaltungen zu fördern. So war es kein Wunder, dass der Chemiepokal im Jahr 1990 nicht stattfinden konnte. Es fanden sich neue Strukturen und die Veranstaltung wurde ab 1991 bis 2009 lückenlos fortgesetzt. Im Jahr 2010 konnte der Finanzbedarf von 100 000 € nicht aufgebracht werden und die Chemiepokal-Veranstaltung fand zum zweiten mal in ihrer Geschichte nicht statt. Ab 2011 ging es wieder weiter. Zwischenzeitlich mit einem kleineren Zuschauer-Rahmen, weil die alte Eissporthalle nicht mehr zur Verfügung stand. Die Veranstaltung fand in den Räumen des Maritim-Hotels statt. Mittlerweile gibt es einen neuen Austragungsort: Die neu errichtete „Erdgas Sportarena“ in Halle – Nietleben. Allein auf den Rängen wird Platz für 1200 Zuschauern geboten. Dazu kommt eine variable Parkett-Bestuhlung bei Boxveranstaltungen. Zum 45. Chemiepokal 2018 reiste auch wieder ein Team aus Kuba an, die dem Chemiepokal seit 2005 fern geblieben waren. Eigentlich gute Voraussetzungen für den Fortbestand des Chemiepokals, der im Jahr 2020 in Halle ein halbes Jahrhundert Boxsportgeschichte geschrieben hätte. Dazu soll es nun nach Entscheidung des DBV nicht mehr kommen.

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Eindeutig Stellung zu dieser unsäglichen Angelegenheit bezieht auch „Chemiepokal-Urgestein“ Ottomar Sachse, der den Chemiepokal von 1970 an 6x in Folge gewann. Von 1971 an war Sachse 6x nacheinander DDR-Meister und gewann als Amateur bei Europa- und Weltmeisterschaften insgesamt 6 Medaillien. Hier sein Statement:

“Ottomar Sachse
Betreff: 46. Chemiepokal: Absage durch den DBV-Vorstand und Rolle des DBV-Landesverbands hierbei

Grundlos, auf alleinige Veranlassung des DBV, wird der 46. Chemiepokal, nach nunmehr 45 erfolgreichen Auflagen, nicht mehr in Halle, sondern unter einem anderen Namen, wahrscheinlich als Boxturnier des DBV, in Köln ausgetragen.

Ein klarer Affront gegen die Veranstalter, die Politiker aus Sachsen-Anhalt und die Stadt Halle selbst, welche dieses Turnier mit ihren maximalen Möglichkeiten stets verlässlich und zu ihren Zusagen stehend unterstützt haben. Dabei wurden seitens des DBV-Vorstands falsche Argumente ins Feld geführt: Natürlich gab es hinreichende und seriöse Zusagen zur finanziellen Absicherung der 46. Turnierauflage. Über die Organisation des Turniers konnte sich der DBV bisher nicht beklagen. Alle Sonderwünsche des Vorstands wurden stets und zur vollen Zufriedenheit des DBV Führungsgremiums erfüllt, koste es was es wolle. Dem gegenüber ist der DBV nicht in jedem Falle seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Veranstalter nachgekommen.“

Offenbar sieht Ottomar Sachse in dieser Vorgehensweise durchaus „System“. Der DBV-Vorstand scheint über das Wohl und Wehe in den Angelegenheiten des Verbandes nach Gutsherrenart zu entscheiden. Ottomar Sachse fährt fort:

„In der Vergangenheit gab es eine ähnliche Parallele: nach dem erfolgreichen und aufwändigen Beitritt des DBV zum damaligen DABV 1990 in Bochum wurden überraschend Neuwahlen angesetzt um den damaligen Sportwart des gerade gewählten DABV, meinen persönlichen Freund Heinz Birkle aus Karlsruhe sowie den Generalsekretär des Weltboxverbandes AIBA, Karl-Heinz Wehr aus Berlin, elegant zu „entsorgen“ bzw. „kaltzustellen“. Dazu wurden die Betroffenen und deren gewählte Unterstützer nicht eingeladen. Als Lehre daraus hat so mancher von uns dem neu gewählten Vorstand seine Unterstützung und sogar Mitarbeit verweigert. Der sukzessive sportliche Niedergang des „neuen“ DABV in den folgenden 10 Jahren war dramatisch und setzte sich weiter fort. Da waren der Chemiepokal und die erste Boxweltmeisterin aus Halle wohl nicht jedem Recht. Hinterfragen muss man hier natürlich die Rolle des im vergangenen Jahr neu gewählten Landes-Präsidenten Sachsen-Anhalt des DBV, Roland Wandelt. Dessen Meisterstreich, die Entlassung des Landestrainers Marcus Reiche zur „Selbstversorgung“ passt da wohl mit ins Bild.“

(Wird mit Teil 2 fortgesetzt)

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3 Kommentare

  1. 20. Februar 2019 at 02:31 —

    Der DBV schießt sich selbst mehr und mehr ins Abseits, eigentlich sollte man ihnen wünschen das sie ganz krachen gehen, dumm dabei wäre nur das dann der Profisport auch darunter leiden würde!

    • 20. Februar 2019 at 02:48 —

      Bei solchen Fällen freut es mich ausnahmsweise mal, dass es bei den Profis keine Monopolstellung eines einzelnen Verbandes gibt.

      Der DBV kann bei und mit den Amateuren machen, was er will. Die dortige Chefetage muss sich doch gottgleich vorkommen. Genau so handeln sie dann auch. Es wird Zeit für Veränderungen.

      • 20. Februar 2019 at 08:27 —

        Das zeigt mal wieder genau wie tief der Boxsport im Sumpf der Korruption steckt. Das ist wirklich traurig, wenn man bedenkt wie sehr die Menschen im Osten der Republik den Amateurboxsport unterstützen. Was ne Schande.

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