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Boxhistorie: Thors Hammer

Olympisches Boxturnier 1952 in Helsinki. Ein 20jähriger Schwede aus Göteborg steht am 2. August 1952 im Finale des Schwergewichts gegen Ed Sanders aus den USA. Der US-Amerikaner ist im ständigen Angriff, bedrängt den Schweden. Der verteidigt sich kaum, beschränkt sich auf seine Deckung und nutzt den Ring für seine Ausweichbewegungen. In der zweiten Runde beendet der Ringrichter, der Franzose Roger Vaisberg,  den Kampf und erklärt Ed Sanders zum Sieger durch Disqualifikation wegen Passivität des Gegners. Einer der schlimmsten Skandale der olympischen Boxturniere.

Der Name des Disqualifizierten: Ingemar („Ingo“) Johansson. Der Schwede hatte in den Vorrundenkämpfen Sosa aus Uruguay, im Viertelfinale den  Jugoslawen Kizmanic und im Halbfinale knapp den Finnen Koski besiegen können. Und gilt als die größte Hoffnung des schwedischen Olympiateams. Die Disqualifikation bringt  ihm selbst in seinem Heimatland den Vorwurf der Feigheit ein. Er selbst begründet sein Verhalten im Finale von Helsinki damit, dass es „strategisch“ bedingt gewesen sei. Er habe geplant,  in der letzten Runde auf Angriff  zu gehen, wenn die Kraft Sanders nachgelassen hätte. Außerdem hätte er dann Sanders mit den dann erfolgenden überraschenden Angriffen überrumpeln können.  In der Nachbetrachtung gehen sogar manche Boxexperten davon aus, dass   er Ansätze der späteren Ringtaktik des Größten, nämlich Muhammad Alis, antizipiert habe.  Im Stadion zu Helsinki kommt  es jedenfalls zu lauten Pfeifkonzerten der Zuschauer, die sich gegen Johansson richten.  Die Siegerehrung mit der Medaillenvergabe findet ohne ihn statt. Die Silbermedaille wird ihm verweigert und  erst in den frühen 1980ern nachträglich verliehen, als das IOC die damalige Disqualifikation als Fehlentscheidung kennzeichnet.  1952 sind nicht wenige davon überzeugt, dass die Karriere des Schweden mit dieser Niederlage beendet sei, bevor sie überhaupt richtig begonnen habe.

Übrigens: Im Mittelgewichtsfinale des Olympischen Boxturniers am gleichen Tage  fällt  ein Boxer durch  einen überragenden KO-Sieg gegen den Rumänen Vasile Tita auf: Floyd Patterson wird überzeugender Olympiasieger im Mittelgewicht. Dass diese beiden Boxer später mit drei Kämpfen das Schwergewicht im Weltmaßstab bestimmen würden, hätte damals niemals für möglich gehalten. Aber sehen wir uns zunächst den Weg  von Ingemar Johansson etwas genauer an.

Ingemar Johansson ist Thors Hammer

Nach den Olympischen Spielen ist Johansson  für fast ein  halbes Jahr nicht zu sehen. Dann beginnt er doch eine Profilaufbahn und debütiert am 5. Dezember 1952 in Göteborg gegen den französischen Schwergewichtler Robert Masson mit einem K.O. in der vierten Runde. Mehr als 20 Profikämpfe bleibt er unbesiegt. Bereits im vierten Kampf wird er Skandinavischer Schwergewichtsmeister. Im 12. Profikampf besiegt er den ehemaligen deutschen Europameister im Schwergewicht, Hein ten Hoff, durch Knock Out in der ersten Runde.  Einen Kampf danach schlägt er im Februar 1956 den jamaikanischen Schwergewichtler Joe Bygraves, den damaligen Empire-Champ, nach Punkten. Im September des gleichen Jahres holt er gegen den Italiener Franco Cavicci den europäischen Schwergewichtstitel durch Knock Out in der 13. Runde und verteidigt den Titel unter anderem gegen  das britische Boxidol Henry Cooper im Mai 1957 durch einen K.O-Sieg und auch gegen den früheren  europäischen Schwergewichtschampion Heinz Neuhaus  durch einen Abbruchsieg in der vierten Runde.

Mit diesen Siegen hat Johansson es geschafft, gegen den Weltranglisten-Zweiten nach dem  Boxmagazin „The Ring“, den in 24 Kämpfen unbesiegten Eddie Machen, anzutreten. Machen gilt als „natürlicher“ Herausforderer von Weltmeister Patterson. Vor 55.000 enthusiastischen Zuschauern im Ullevi-Stadion zu Göteborg entscheidet am 14. September 1958 die schwere Rechte des Schweden schon in der ersten Runde den Kampf. Machen geht nach 2 ½ Minuten  weit über die Zeit k.o.  Den Kampfnamen   „Thors Hammer“  trägt er nun zu Recht. Er ist Herausforderer des Weltmeisters im Schwergewicht, Floyd Patterson.

Johansson und Patterson

Vor dem WM-Kampf gilt Johansson für manchen Beobachter  als  trainingsfaul. Er wird oft beim Feiern in Nachtclubs angetroffen, trainiert im Gegensatz zu anderen Schwergewichtsgrößen nicht einsiedlerisch, sondern in einem bekannten Ferienort. Die Wetten stehen 1:5 gegen ihn, als er am 26. Juni 1959 im Yankee-Stadion  / New York gegen Patterson antritt.

In den ersten beiden Runden ist Johansson mehr oder weniger in der Rückwärtsbewegung und erinnert damit manche an das Olympia-Debakel. Aber schon in der dritten Runde gelingt es ihm, Patterson nach einem vorbereitenden linken Haken mit einer kurzen harten Rechten zu Boden zu schicken. Patterson steht wieder, aber Johansson setzt nach, schlägt ihn weitere sechs Mal nieder. Bis Ringrichter Rubin Goldstein eingreift und den Kampf stoppt. Johansson ist Weltmeister im Schwergewicht. Der erste Europäer nach Primo Carnera.

Die Rückkehr nach Schweden wird ein Triumphzug. 20.000 begeisterte Fans begrüßen ihn im Ullevi, dem Fußballstadion von Göteborg. Er feiert nächtelang, macht Weltreisen, zeigt sich mit Filmgrößen und wirkt auch selbst in einem Film mit. Oft ist er, nach den Beobachtungen der Zeitgenossen, mit „schönen Frauen“ an der Hand zu sehen. Er lebt sich in vollen Zügen aus. Und vernachlässigt dabei nach übereinstimmenden Aussagen die Vorbereitung auf den Rückkampf gegen Floyd Patterson.

Am 20.06.1960 ist es soweit. In den Polo Grounds, wiederum in New York, trifft er Patterson in der zweiten Runde mit einer Rechten. Der zeigt aber dieses Mal keine Wirkung. In Runde fünf erwischt Patterson ihn mit einem hart geschlagenen linken Haken. Er geht zu Boden. Patterson trifft ihn mit einem weiteren linken Haken, dieses Mal an den Körper,  und einer nachfolgenden Linken ans Kinn. Johansson fällt auf den Rücken, ist bewusstlos, sein Bein zittert unkontrolliert. Er steht nicht nach dem Auszählen auf, so dass Patterson schon fürchtet, er sei ernstlich verletzt. Dann erholt sich Johansson wieder und kann selbstständig den Ring verlassen. Seinen Titel ist er los. Neuer Schwergewichtsweltmeister ist Floyd Patterson. Das They-Never-Come-Back-Gesetz ist erstmals durchbrochen.

Der neue Weltmeister ist bereit, gegen Johansson ein weiteres Mal  seinen Schwergewichtstitel zu verteidigen. Der dritte  Titelkampf findet am 13. März 1961 in der Convention Hall / Miami Beach statt. Johansson schlägt den Weltmeister in der ersten Runde zu Boden, muss aber gegen Ende der Runde selbst auf die Bretter. In der sechsten Runde knockt ihn Patterson aus.

Nach den Kämpfen gegen Patterson trägt Ingo  noch vier Kämpfe aus. Er holt sich zum zweiten Mal den europäischen Schwergewichtstitel durch K.O. in der achten Runde gegen Dick Richardson. Nach einem umstrittenen Punktsieg gegen Brian London in einem Nicht-Titelkampf tritt Johansson im April 1963 vom Boxsport zurück

Seine Statistik: 26 Siege, 17 davon durch K.O., bei nur zwei Niederlagen. In der computergestützten Rangfolge der besten  Schwergewichtler aller Zeiten  nimmt er den 16. Platz ein. Ingemar Johansson verstarb am 30. Januar 2009 im Alter von 76 Jahren.  

War Johansson ein Großer?

Ein Großer des europäischen Schwergewichts war er bestimmt. Johansson hat alle bekannten Schwergewichtler  der europäischen Szene  der damaligen Zeit geschlagen, darunter solche wie Hein ten Hoff, Heinz Neuhaus, Franco Cavicci, Henry Cooper, Brian London, Joe Erskine. In Schweden ist er noch heute eine Legende. Selbst Boxsportgegner lieben und ehren  ihn. Unter den Weltmeistern des Schwergewichts zählt er aber für nicht wenige Experten kaum zu den ganz Großen. Im Grunde habe er nur zwei Kämpfe gegen wirklich große Weltklasse-Schwergewichtler der damaligen Zeit gewonnen. Das waren Eddie Machen und im ersten Kampf Floyd Patterson. Es gibt andererseits Stimmen, die behaupten, dass das Talent Johanssons bei ernsthafterem Training zu größerer Entfaltung hätte kommen können. Vergleicht man ihn z.B. mit Schmeling, so muss man konstatieren, dass Max quasi gegen alle Weltklasseboxer der damaligen Zeit, also in den 1930ern, angetreten ist und auch gesiegt hat, wenn man seine desaströse Niederlage gegen Max Baer mal beiseite lässt. Einen Platz in der Boxgeschichte hat Ingemar Johansson aber auf jeden Fall sicher. Denn er war fast 30 Jahre nach  Max Schmeling und Primo Carnera  erst der dritte europäische Schwergewichtler, der sich die Krone holen konnte.

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1 Kommentar

  1. Tom
    6. Dezember 2011 at 21:28 —

    @ Paul

    Sehr,sehr guter Bericht!!

    Im allgemeinen weiß man über Johanson nur das er gegen Patterson WM wurde und die beiden nachfolgenden Kämpfe gegen den selben Gegner verloren hat!

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