BoxgeschichteTop News

Boxgeschichte: Rocky Marciano

Ein Kampfrekord, wie ihn sonst kein Schwergewichtsweltmeister aufweist: 49 Kämpfe, 49 Siege.  Fast 88 Prozent seiner Gegner knockt er aus.  Ohne Niederlage tritt er mit 32 Jahren den Rückzug an.  Allen Comeback-Versuchungen trotzt er. Die Rede ist von Rocky Marciano, dem Schwergewichtsweltmeister von 1952 bis 1956.  Verschiedene Zusatznamen für ihn  sind im Umlauf. „Henker mit der Lederfaust“ wird er gerufen. Sein offizieller Kampfname, bezogen auf seinen Geburtsort,  lautet  „The Brockton Blockbuster“, am ehesten vielleicht in der damaligen Szene mit  „Hammer“ zu übersetzen. Seine Fans nennen ihn aber einfach „The Rock“.

Herkunft und erste Schritte                               

Er  kommt am  1. September 1923  als Sohn eines italienischen Einwanderers und Schumachers in Brockton / Massachusetts zur Welt.  Getauft wird er auf den Namen Rocco Francis Marchegiano. Die Familie ist arm, der Vater verdient in einer Schuhfabrik nur einen Hungerlohn, so dass alle Familienmitglieder an den Einkünften mitwirken müssen. Rocky steht der Familie sehr früh bei. Er verrichtet u. a. Straßenfegerdienste, arbeitet als Handlager und gibt den Verdienst zuhause ab.

Rocky kann sich den Straßenkämpfen der Gangs in seiner Stadt nicht entziehen. Um ihn hierfür hart und widerstandsfähig zu machen, erwirbt sein boxbegeisterter Onkel  Sandsack, Boxhandschuhe und trainiert ihn. Besonders achtet der Onkel darauf, dass er beidhändig hart zu schlagen lernt. Man kann durchaus davon ausgehen, dass damit die Grundlagen für seine ungeheure Schlagkraft in beiden Händen gelegt werden.

Zunächst aber verfolgt Rocky einen anderen Traum: Er strebt eine Karriere im Baseball oder im American Football an. Beim Baseball wird ihm vorgehalten, dass er nicht genügend „schlagen“ könne. Ab 1943 wird er Soldat. In einer englischen Kneipe wird er von einem australischen Sergeanten angepöbelt, der ihn um Etliches überragt. Rockys holt mit seiner Rechten aus. Und der australische Berg liegt für längere Zeit flach vor der Theke. Manche Biographen sehen in diesem Vorfall den Zündungsanschub für seine Karriere im Boxsport. In Boxturnieren unter den Soldaten heimst er einige Erfolge ein.

Nach Kriegsende beginnt er eine kurze Amateurkarriere. 12 Kämpfe bestreitet er, davon  beendet er acht mit Siegen, bei drei Punktniederlagen und einer Disqualifikation. Er erkennt die Niederlagen aber nie an und meint, es seien Fehlurteile gewesen.  

Rocky Marciano als Profi

Er beginnt seine Profilaufbahn am 17. März 1947 in Holyoke / Massachusetts  mit einem KO-Sieg in der dritten Runde über Lee Epperson. Danach folgen 15 weitere vorzeitige Siege, die allesamt in den ersten Runden erfolgen. 1948 hat er kurz vor einem Kampf einen Unfall, ist benommen, schlägt aber James Patrick („Pat“) Connolly noch in der ersten Minute von Runde eins KO. Übrigens wiederholt er diese Szenerie in einem Kampf gegen Lee Savold im Jahre 1952: Trotz hohem Fieber setzt er Savold unter Aufbietung aller Kräfte  in der sechsten Runde so zu, dass der Manager den Kampf in der Rundenpause abbrechen lässt. Diese Kämpfe belegen seinen ungeheuren Siegeswillen, seinen Mut und seine nie erlahmende Kampfkraft. 

Rocky hat einen versierten Manager gewonnen: Al Weill, der gleichzeitig auch Manager vom Madison Square Garden in New York ist. Der nimmt  ihn allerdings zunächst nur widerwillig auf, weil er ihm nicht sehr viel zutraut. Aber er vermittelt Rocky den bekannten Trainer Charley Goldman, der bis dahin bereits einige Weltmeister hervorgebracht hat. Unstrittig ist, dass Al Weill Rocky das Tor zum Madison Square Garden geöffnet hat, dem damaligen Mekka des Schwergewichtsboxens.  Von einigen ist Weill heftig kritisiert worden, weil ihm u. a. vorgeworfen wurde, er habe mit der Unterwelt zutun gehabt. Andererseits hat sein kluges Management dazu geführt, dass Rocky auf einen klaren Weg zur Weltmeisterschaft gebracht wurde.

Weithin bekannt wird Rocky Marciano aber  durch seinen Kampf gegen Carmine Vingo, der bis dahin ungeschlagen ist und eine ziemlich große Anhängerschaft unter dem italienisch-stämmigen  Publikum hat. Mehr als 75 Prozent der Zuschauer sind italienischer Herkunft, als der Kampf am 30. Dezember 1949 im Madison Square Garden zu New York stattfindet. In Runde sechs wird Vingo von einem brutalen Schwinger Marcianos getroffen und bleibt weit über die Zeit am Boden. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert, in dem man eine Gehirnblutung feststellt. Für Marciano ist das ein Riesenschock. Er betet in der Kirche um dessen Leben, wacht an Vingos Krankenbett, bis seine Genesung Fuß fasst. Rocky sagt lange nach seinem Rücktritt, dass der Tag, als Vingo wieder ins Leben zurück fand, sein schönster gewesen sei. Ein ähnliches Erlebnis hat er eineinhalb Jahre später, im Juli 1951: Sein Gegner, Rex Layne, bleibt nach einem Niederschlag mit der rechten Hand Rockys   in der sechsten fast eine Stunde am Boden. Layne hatte übrigens Jersey Joe Walcott nicht lange zuvor eine Punktniederlage bereitet.

Der erste bedeutende Gegner Marcianos ist Ende März 1950 Roland LaStarza. LaStarza ist bis dahin ungeschlagen. Marciano hat ihn in der vierten Runde am Boden, erhält allerdings in der achten Runde einen Punktabzug wegen Tiefschlags. Dennoch siegt er insgesamt überlegen nach Punkten. Seinem Ziel, den Weltmeister herauszufordern, kommt Rocky durch einen schweren KO-Sieg gegen die Boxlegende Joe Louis näher. Louis ist bereits 37 Jahre alt. Er muss deshalb in den Ring, um seine Steuerschulden zu begleichen, hat aber nach einer Punktniederlage gegen Ezzard Charles im Jahre 1950 acht Siege hintereinander errungen.  In der achten Runde  wird Joe Louis nach schweren Niederschlägen ausgeknockt. Er taumelt durch die Seile und bleibt außerhalb des Ringes weit über die Zeit liegen. Seine Karriere ist damit am Ende.

Rocky Marciano, der Weltmeister

Nach weiteren vorzeitigen Siegen fordert er den Weltmeister, Jersey Joe Walcott, heraus. Am 23. September 1952 ist es in Philadelphia soweit. Es wird sein größter Kampf. Der Kampf geht als einer der gewaltigsten Boxschlachten der Geschichte in die Annalen ein. Rocky ist in der ersten Runde am Boden, steht aber wieder auf. In der Pause klagt er, er könne nichts sehen und beschuldigt nach dem Kampf die Betreuer von Walcott, dessen Handschuhe  „präpariert“ zu haben. Walcott liegt nach Punkten vorn, bis ihn in der 13. Runde Marcianos Hammer zu Boden schickt. Erstmals seit 1937, als Joe Louis den Titel gegen Jimmy Braddock holte, ist wieder ein Weißer Weltmeister aller Klassen.

Rocky verteidigt seinen Titel sechs Mal. Im Mai 1953 tritt er im Rückkampf gegen Walcott erneut an und siegt schon in der ersten Runde durch KO. Vier Monate später trifft er wiederum auf Roland LaStarza, vor 46000 Zuschauern in den Polo Grounds von New York City. La Starza liegt bis zur 10. Runde  nach Punkten vorn, in der elften gewinnt Rocky durch TKO.

Gegen Exweltmeister Ezzard Charles verteidigt er die Krone zwei Mal. Beide Kämpfe finden im Yankee-Stadion von New York statt. Im ersten Kampf gewinnt er überlegen nach Punkten, weil er als der aggressivere Kämpfer gesehen wird. Im zweiten Kampf steht  Rocky wegen seiner Nasenverletzung kurz vor dem Kampfabbruch, also vor der Niederlage. Er kann nur durch Knock Out gewinnen. Und: In der achten Runde schlägt er Charles tatsächlich KO.  In seinem letzten Kampf knockt  er am 21. September 1955 in einer weiteren Ringschlacht den damals bereits fast 42jährigen Archie Moore, die Halbschwergewichtslegende, in der neunten Runde aus.  Archie Moore überzeugt allerdings in den ersten Runden  und schickt Rocky sogar in der zweiten Runde auf die Bretter, der aber bei zwei wieder oben ist. Schon in der achten Runde konnte Moore nach einer schweren Rechten von Rocky nur der Gong zur Pause retten.

Kampfstil und Taktik

Seine für einen Schwergewichtler nur geringe Größe von um die 1,80 Meter und sein wenig hohes Kampfgewicht von durchschnittlich 85 kg, die ihn heute ins Cruisergewicht bringen würde, sowie seine geringe Reichweite von knapp 170 cm  hatten zunächst, wie oben schon angesprochen, seinen künftigen Manager Weill zögern lassen, ihn unter Vertrag zu nehmen. Dann überzeugt Rocky den Manager und seinen Trainer Goldman immer stärker durch seine ungeheure Dynamik, seine großen Nehmerfähigkeiten und beidhändige Schlagkraft. In jedem Kampf geht er mit größtmöglicher Konzentration und Entschlossenheit, alles aufs Spiel setzend. Technisch vergleichsweise weniger befähigt, setzt er alles auf Angriff und Vorwärtsgang, meistens in der Halbdistanz oder im Infight. Wen er mit seinen wuchtigen Schlägen annähernd zielgerecht trifft, ist verloren. Mit schnellen Ausweich- und Pendelbewegungen und Abducken  weiß er Schläge der Gegner zu verhindern.

Rocky sieht nach den siegreichen Kämpfen oft genug demolierter als seine Gegner aus.  In seinem Stil wurde und wird er häufig beispielsweise mit Jack Dempsey, dem „Mankiller“, oder Mike Tyson verglichen, die ebenfalls weniger Boxtechniker, umso mehr aber aggressive Fighter mit Riesenschlagkraft waren. Jedenfalls ist es diese Taktik, die Rocky Marciano im Laufe der Zeit bis zur Perfektion mit seinem Trainer Goldman ausbaut und ihn zu seinen einzigartigen Erfolgen führt. Hinzu kommt eine präzise Vorbereitung, die nichts zu wünschen übrig lässt und ihn zu einer überlegenen Fitness führt, die in seiner Zeit legendär ist. Bis zum Schluss eines Kampfes sieht man ihn nahezu in vollem Saft. Er selbst sagt nach seiner Profilaufbahn, dass er niemals in seinen Kämpfen einen Hauch  von Angst gehabt hätte.

Fazit und Bewertung

Rocky Marciano hat alle schwarzen Schwergewichtsgrößen der Zeit geschlagen: Joe Louis, Jersey Joe Walcott und Ezzard Charles. Auch Archie Moore muss man dazurechnen. Alle 49 Profikämpfe gewann er, zu 88 % mit KO. Er war zweifellos der überragende  und beherrschende  Schwergewichtler der 50er Jahre, wie beispielsweise Joe Louis in den 1940ern oder Ali in den 60er und 70er Jahren. In einem 1967 durchgeführten Computervergleich unter 16 Boxweltmeistern, bei denen Parameter wie Schlagkraft, Schnelligkeit, Nehmerqualitäten und Körpermaße verwendet wurden, ging er als Sieger hervor. Schon damals wurde dieser Vergleich allerdings von seriösen Boxinteressenten als Farce abgetan. Selbst von den Aktiven (z.B. Muhammad Ali), die bei der Computersimulation mitgewirkt hatten, wurde die Aktion mehr oder weniger belächelt und als reine Show betrachtet.

Rocky trat auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ab und ließ sich auch nicht überreden, wieder zurückzukehren, trotz (damals) astronomisch hoher Angebote.  Nach Aussage von Joe Frazier ist er nach Joe Louis der größte Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten. Joe Louis meinte mal, dass Rockys Schlagkraft weit  härter als die von Schmeling gewesen seien und  dass er „jeden schlage“. Muhammad Ali hält ihn für einen der großen Schwergewichtsweltmeister, aber nicht für den „Größten“. Er habe von den schwarzen Boxern, wenn es auch Exweltmeister waren, nur die geschlagen, deren Glanzzeit schon vorbei gewesen sei, die  bereits ein hohes Alter gehabt hätten, vor dem Rücktritt standen und schon ausgelaugt gewesen seien.  Den jungen schwarzen Schwergewichtlern der Zeit  habe aber sein Management keine Chance gegeben. In diesem Punkt müsse er mit Schwergewichtsweltmeistern wie Dempsey oder Sharkey verglichen werden, sagt Ali in seiner Autobiographie. In der computergestützten Rangliste der besten All-Time-Schwergewichtler wird er hinter Muhammad Ali, Joe Louis und Sam Langford  an vierter Stelle geführt.

Rocky Marciano stirbt am 31.08.1969 bei einem Flugzeugunglück im Alter von 46 Jahren. Im selben Jahr sterben sein Manager, Al Weill, sein Trainer, Charlie Goldman, und auch sein Co-Trainer und Weggefährte, Allie Colombo. Rocky Marciano wird eine Legende auch für spätere Boxfangenerationen bleiben.

Voriger Artikel

WBC-Konvent in Las Vegas: Aydin als Pflichtherausforderer Mayweathers bestätigt

Nächster Artikel

Ward vs. Froch: Wer gewinnt? Analyse & Abstimmung

17 Kommentare

  1. Delbert Grady
    16. Dezember 2011 at 13:27 —

    Marciano ist der hammer, dieser Kämpferherz, und diese Bissigkeit!!! vorallem gegen Ezzard Charles!! man o man ich kriege gänsehaut

  2. ACTION#1
    16. Dezember 2011 at 13:33 —

    guter bericht… der walcott fight war wirklich klasse,wurde ja dann auch zum kampf des jahres gewählt….

  3. Monk
    16. Dezember 2011 at 13:39 —

    Das waren noch Männer. Damals war die Technik zwar schlechter aber der Wille dafür größer

  4. ACTION#1
    16. Dezember 2011 at 13:41 —

    ich würde nich unbedingt sagen das die technik schlechter war——> siehe zb. sugar ray robinson… dessen stil die vorlage für ali´s stil war…

    man hat halt anders geboxt damals…

  5. Monk
    16. Dezember 2011 at 13:48 —

    viel schlechter fande ich die jetzt auch nicht, aber den willen und die die härte kann man heute nicht wirklich einschätzen. Bei Rocky konnte man schon fast sagen das er gar keinen inneren Schweinehund hatte.

  6. Monk
    16. Dezember 2011 at 13:50 —

    also ganz anders wie bei mir, ich habe sogar einen innere Schweineelefant 🙂

  7. ACTION#1
    16. Dezember 2011 at 13:53 —

    @monk

    😀

    recht hast du irgendwo schon… die kämpfer von damals hatten eine ganz andere härte und viel mehr herz und willen als die meisten heute…

  8. boxfan85
    16. Dezember 2011 at 13:54 —

    Mir fällt dazu der Satz über Maricano ein:”Wenn man alle Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten in einen Raum stellen würde,Marciano wäre der einzige der wieder raus käme.”

    Schöner Bericht

  9. TKO-FFM
    16. Dezember 2011 at 14:17 —

    Schöner Bericht:-)

  10. tony67
    16. Dezember 2011 at 15:23 —

    würde mich nicht wundern wenn rocky marciano zum GREATIST OF AL TIME gefält wird

  11. boxfreund
    16. Dezember 2011 at 18:51 —

    Sehr schöner beitrag!!!!
    Vielen dank paul !!

  12. Stonehigh
    16. Dezember 2011 at 18:54 —

    schöner Bericht !!

  13. eisenbruch
    16. Dezember 2011 at 19:25 —

    Ich habe noch keinen Boxer der wie Marciano schlägt,und zwar mit Einsatz der Schulter.
    Wenn einer das kann, der kann richtig sehr hart schlagen, das würde erklären warun so ein relativ kleiner Mann mit geringen Gewicht (92 K.G.) solche Hammerschläge
    austeilen konnte !

  14. RJ jr.
    16. Dezember 2011 at 19:43 —

    klasse bericht. weiter so

  15. alex
    16. Dezember 2011 at 20:01 —

    Rocky ist der BESTE und nicht Ali

  16. Ogi
    18. Dezember 2011 at 11:16 —

    Die Informationen stimmen nicht nur grob ich hab seine biografie auf englisch er hat extrem spät mit dem boxen angefangen hat geraucht und getrunken sein onkel hat ihm seinen ersten kampf besorgt den er verlor weil er keine kondition hatte darauf tratt er dem gegner (erfahrener boxer)mit dem knie und wurde aus dem kampf genommen er ist ein vorbild auch für alle die spät mit dem sport anfangen was gegen das deutsche verständnis ist um so früher um so besser

  17. Tom
    19. Dezember 2011 at 03:01 —

    Recht guter Bericht!

Antwort schreiben