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Berliner Box-Nacht mit Fehlurteil bei Enrico Kölling vs. Andrej Maurer

Am Samstagabend fand in der Berliner Columbiahalle die „Nacht der Berliner Jungs“ statt. Die kleine, puristische Halle in Tempelhof war perfekt für einen authentischen Box-Abend geeignet, weil sie einen daran erinnerte, dass an diesen Orten Weltmeister geboren und geformt werden, um irgendwann in den größeren Boxarenen die Massen für sich zu begeistern. Noch mussten sich die „Sauerland-Youngsters“ mit 1 500 Boxfans begnügen, die eine fast heimische Atmosphäre schufen. Ich habe eine Schwäche für diese kleinen Boxhallen, weil die Stimmung eine besondere ist und jeder Zuschauer von überall etwas sehen kann.

Ganz genau habe ich bei einem Kampf hingeschaut: Enrico Kölling vs. Andrej Maurer! Dabei bot der vierte Kampf des Abends Anlass zur Kritik am einstimmigen Punkturteil für den Heimboxer Enrico Kölling. Zuletzt verlor der Berliner im Februar gegen den Italiener Mirko Ricci nach Punkten. Dieses Mal sollte alles besser werden, gerade weil er die erste Niederlage seiner Profikarriere nur als Ausrutscher bezeichnete. Natürlich hätte man es dem Halbschwergewichtler gegönnt, sich nach der Pleite stark zurückzumelden. Doch schon zu Beginn des Kampfes war die Zurückhaltung des 25-Jährigen zu spüren. Die ersten Runden begann Kölling sehr verhalten und setzte viel zu wenige Schläge an. Es schien so als hätte er seinen Jab vergessen, um sich einen eindeutigen Punktsieg erarbeiten zu können. Dafür kamen vereinzelte, harte Hände ins Ziel. Ab der dritten Runde wurde Kölling aktiver, aber kassiert auch mehr Treffer von seinem starken Kontrahenten Andrej Maurer.

Maurer-Kölling

Bis zum Schlussgong hatte ich nicht das Gefühl, dass der „Sauerland-Youngster“ wirklich in den Kampf kam. Er wirkte verkrampft und unbeweglich. Meist verschanzte er sich hinter seiner Doppeldeckung und marschierte nur nach vorne. Er erinnerte mich fast an einen frustrierten Arthur Abraham, dem die Ideen ausgegangen waren. Denn auch er vergaß zu oft sich Runde um Runde zu erarbeiten. Die lockeren Schläge kamen nicht und somit konnte ich auf meinem Punktzettel höchstens vier Runden (eher drei) für Kölling verbuchen und war über das eindeutige Punkturteil von 77:76, 77:76; 78:74 verblüfft. Mit einem Unentschieden hätte man leben können, um die gute Leistung von Andrej Maurer zu honorieren. Der 27-Jährige hat einem Vollzeitprofi über acht Runden die Stirn geboten und war der bessere und variablere Fighter in diesem Duell. Zwar konnte er nicht mit jedem Treffer Punkte landen, doch bewies der Bremer dadurch eine höhere „Workrate“. Nach dem Fight resümierte der bescheidene Herausforderer, dass die letzten drei Runden die schwierigsten waren. Besonders wegen seiner vorhergehenden zweijährigen Ringpause machte er eine gute Figur. Insgesamt absolvierte er bisher acht Profikämpfe, davon gewann er fünf, verlor zwei und erlangte ein Remis. Davor bestritt er zwanzig Duelle als Amateur.

Natürlich war Maurer klar, dass es schwer sein würde auswärts nach Punkten zu siegen, dennoch bestand der Boxer mit kasachischen Wurzeln nicht auf seinen Sieg. Vielleicht machte ihn gerade das sympathisch. Ein Unentschieden wäre ihm natürlich lieber gewesen, aber ihm reichte die Chance sich in Berlin für weitere Duelle zu empfehlen. Gerne würde er sich auch als Sparringpartner für Kölling zur Verfügung stellen. Da er keinen Sponsor hat, kann er sich noch nicht hauptberuflich die Handschuhe über die Hände streifen. So trainiert er abends nach einem harten Arbeitstag. Zum Schluss hat er noch einen Rat für seinen Kontrahenten: „Kölling muss viel mehr machen, wenn er zur Weltspitze gehören möchte! Denn er konnte schon gegen mich nicht richtig überzeugen und wer bin ich überhaupt?“. Nicht nur für mich war er der Sieger des Abends und man darf gespannt auf seine weitere Zukunft sein. Für Kölling wäre es wohl noch zu früh direkt das Rematch gegen Mirko Ricci anzugehen, da er zuerst seine alte Lockerheit wiederfinden muss.

Andrej Maurer-Enrico Kölling

Das kontroverse Urteil kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Ringrichter vermutlich die wenigen „Powerpunches“ von Kölling mehr Gewicht verliehen haben als der höheren Aktivität sowie „Workrate“ Maurers. Daran wird deutlich, dass die Punkturteile auch eine Frage des persönlichen Geschmacks sind und zukünftig immer strittig ausfallen werden. Vielleicht ist dies auch als Glück zu betrachten, da wir uns sonst nie darüber streiten könnten!

Von Samira Funk

Fotoquelle: Matthias Göß

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12 Kommentare

  1. 27. April 2015 at 09:39 —

    Bezweifelt jetzt wirklich noch jemand, dass Ähnriigöö reif für die Tonne ist?

  2. 27. April 2015 at 10:07 —

    Bei engen Kämpfen wird es immer Diskussionen über ein Punkturteil geben!
    Zu diesem Kampf kann ich nichts sagen/schreiben da ich ihn nicht gesehen habe.
    Aber Kölling war und ist nur Durchschnitt und eine weitere Niederlage wird ihm Sauerland wohl kaum verzeihen,da würde er dann ganz schnell aussortiert werden!

  3. 27. April 2015 at 10:30 —

    Von der jungen Sauerland-Garde wird es kaum jemand bis in die Weltspitze schaffen. Härtel, Gevor und Kölling sind rundum ordentliche Boxer, aber auf keinem Gebiet wirklich überdurchschnittlich, im Falle von Kölling und Härtel sogar mit unterdurchschnittlicher Schlagkraft. Auch bei Culcay zeigt sich immer mehr, dass er bessere Gegner kaum klar zu beherrschen weiß. Und Feigenbutz wird gegen den ersten echten Prüfstein wahrscheinlich schwer KO gehen.

    Ein Lichtblick könnte Tyron Zeuge sein, der scheint in allen Belangen wirklich was drauf zu haben und bringt die nötige Lockerheit mit, seine Fähigkeiten auch in Wettbewerbssituationen abzurufen. Er ist der Einzige, dem ich es zutraue, sich zumindest eine WM-Chance wirklich zu verdienen (im Gegensatz zu einem geschenkten interims-Titel, wie Culcay ihn bald haben wird).

    Alles in allem fehlt es aber an Boxern, die dieses eine besondere “Talent” haben, das sie abhebt, wie Sturms frühere Beweglichkeit und Schnelligkeit oder Abrahams frühere Power oder Hucks unzügelbare Offensivkraft. So einen sucht man bei den “jungen Wilden” leider vergeblich.

    • 27. April 2015 at 12:24 —

      Guter Kommentar von Markus und guter, kritischer Artikel von Samira. Leider habe ich diesen Kampf verpasst, muss ich mir aber gleich mal kurz ziehen. Die anderen Fights von Masternak, Murat und Zeuge (Knockdown gegen Sjekloca – Respekt), der im „Fernduell“ mit seinem möglichen künftigen Gegner und britischem Top-Prospect Callum Smith eine sehr gute Figur machte, waren ja zum Glück weniger kontrovers.

    • 27. April 2015 at 16:03 —

      @ Markus
      Guter Kommentar, auch wenn ich bei Feigenbutz nicht ganz einverstanden bin was du sagst. Ich schätze ihn momentan auch noch nicht so hoch ein ganz oben mitzuhalten, aber er ist auch gerade mal 19 Jahre alt. Er hat noch Zeit sich weiterzuentwickeln und zumindest offensiv boxt er schon ziemlich gut.

    • 28. April 2015 at 18:01 —

      Guter Kommentar Markus, seh ich ähnlich. Von den jungen Wilden konnte nur Zeuge überzeugen. Allerdings glaube ich das wenn es zu einem Kampf zwischen ihm und Smith kommt, der Engländer das dingen machen würde. Zeuge hat ne ordentliche Ringintelligenz, aber in Sachen Schnelligkeit und Workrate seh ich den Engländer doch schon im Vorteil. Hab auch manchmal das Gefühl das Zeuge etwas trainingsfaul ist. Zumindest geht er immer mit 5-8 Kg über dem Limit in die Vorbereitung.

  4. hm…ein deutscher Boxer der enttäuscht, beschiss beim Urteil, also alles wie gewohnt bei Sauerland.

    Kann Samira nur zustimmen was die kleinen Hallen betrifft. Haben eine eigene Atmosphäre und mehr charme als diese Fußballarenen wo man ein Fernglas braucht um die Boxer zu sehen.

    Guter Artikel.

  5. 27. April 2015 at 20:36 —

    Es gibt in Deutschland ein Fehlurteil???? Wirklich ??? Ich bin schockiert…hätte ich nicht gedacht…Sowas gibts in Deutschland nicht…dachte ich bisher….

    • 28. April 2015 at 17:54 —

      Lieber ein Fehlurteil in Deutschland, als ne Fehlgeburt aus Californien. 😉 Ich möchte nur einmal einen durchdachten und produktiven Kommentar übers Boxen von dir lesen, dann schmeiss ich der Comunity ne Runde Bier. Aber da es eh nicht passieren wird, trink ich es selber 😉

  6. 28. April 2015 at 11:14 —

    Zeuge hat mich überzeugt, Murat war gut ,Kölling als Rahmenprogramm (so wird das nix ) Gebor kann noch besser werden, sonst wie gehabt bei Sauerland.Hoffentlich wird bei Sauerland nicht mehr soviel betrogen.

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