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Der Mann, der das Gesetz des „They never come back“ durchbrach

Der 20. Juni 1960 ist noch immer ein Tag, der viele Boxfans in Erinnerungen schwelgen lässt. Es ist der Tag, an dem der erste Schwergewichtler das berühmt-berüchtigte „They Never Come back“ durchbrach. In New York stellt sich Floyd Patterson dem Weltmeister im Schwergewicht, Ingemar Johansson, zu einem Refight. Johansson ist der klare Favorit, dennoch siegt Patterson mit einem schweren Knockout in der fünften Runde und bricht damit das ungeschriebene Gesetz der ehemaligen Schwergewichtsweltmeister, dass sie nämlich, wenn sie einmal entthront sind, niemals mehr zurückkehren werden.

So wächst Patterson auf

Er kommt am 04. Januar des Jahres 1935  in der Ortschaft Waco in North Carolina zur Welt. In Deutschland herrscht der Nationalsozialismus mit Hitler als Reichskanzler und „Führer“ an der Spitze. In den USA ist Franklin D. Roosevelt seit 1933 Präsident der Vereinigten Staaten. Nicht lange nach der Geburt  Floyds siedelt die Familie nach New York um. Floyd hat 10 Geschwister. Der Vater, Raymond Thomas Patterson, ist ein einfacher Arbeiter, der später sein Glück nicht fassen kann, als Floyd die Familie mit dem beim Boxen verdienten Geld unterstützen kann.

Floyd ist ein schwieriges und zunächst verhaltensauffälliges Kind. Er verweigert nicht selten den Schulbesuch, weil er eine tiefe Abneigung gegen die schulische Disziplin entwickelt. Dazu wird berichtet, dass er sich als „Herumtreiber“ hervortut und als Schulschwänzer bekannt ist. Nachdem dies mehrfach passiert ist, wird er von den Behörden aufgegriffen und in ein Erziehungsheim gesteckt. Der jugendliche Floyd erwartet, dass ihm in der Anstalt ein Leben wie in einem Gefängnis droht. Das Gegenteil trifft ein, denn in der Anstalt findet er vergleichsweise solide ausgebildete Lehrer, schön gestaltete Klassenzimmer und ausgezeichnete Sportmöglichkeiten vor. Und er wandelt sich fast auf der Stelle zu einem disziplinierten und auch leistungsmäßig durchaus befriedigenden Schüler. Berichtet wird, dass er in der freien Zeit zum „Naturburschen“ wird, dass er Schlangen fängt, Forellen mit bloßen Händen greift und  dass er den Bauern bzw. Farmern der Umgebung bei der Arbeit hilft. Das Leben kommt ihm hier wie ein schöner Traum vor. Der Traum findet ein jähes Ende, als er von den Behörden als „resozialisiert“ eingestuft wird und als „gefestigter“ Jugendlicher nach Hause entsandt wird.

In einer normalen „Public School“  kümmert sich der Hotelier John Schwerfel, der sich damit verdient gemacht hat,  Kinder aus ärmeren Familien unter die Arme zu greifen, um ihn. Mit dessen Hilfe schafft es Floyd, eine High School zu besuchen. Er unternimmt alle Anstrengungen, den Anforderungen dort gerecht zu werden und gilt als durchaus solider Schüler. Allerdings: Als die Familie ihn braucht, weil sich deren finanzielle Verhältnisse verschlechtern, hilft er aus und nimmt auf Vermittlung von Schwerfel verschiedene Arbeitsstellen an, u. a. als Kellner, Hoteldiener oder Chauffeur. Schwerfel ist es auch, der ihn zum Boxen bringt und mit Frank Lavelle, einem in Brooklyn bekannten Trainer, zusammenbringt. Frank Lavelle ist Trainer  eines „Gym“, das von Cus D’Amato geleitet wird. D’Amato wird als boxbegeisterter,  ja fanatischer Mann geschildert, der sowohl die Trainerfunktion als auch die als Veranstalter in einer Person  vereint und der später seinen Ruhm übrigens auch  als Manager von Mike Tyson ausbaute. Es ist das Jahr 1949, als Floyd Patterson mit 14 Jahren,  von D’Amato gefördert, ernsthaft mit dem Boxtraining beginnt.

Boxanfänge und Amateurlaufbahn

 Sein erster Kampf ist überliefert. Er boxt Anfang 1950, erst fünfzehn Jahre alt,  gegen einen schon erfahrenen Mariner, und er siegt. Erst im fünften Kampf erfährt er, wie eine Niederlage schmeckt, als er, allerdings nach Punkten, hoch verliert. Die Niederlage schmerzt ihn, aber sie hindert ihn nicht am weiteren Aufstieg im Amateurboxen.  In den Jahren 1951 und 1952 siegt er bei den „Golden Gloves“, der wichtigsten Veranstaltung im Amateurboxsport der USA, im Mittelgewicht. Im gleichen Jahr, siebzehnjährig, nimmt Floyd an den US-Meisterschaften, die gleichzeitig der Qualifikation für die anstehenden Olympischen Sommerspiele in Helsinki dienen sollen,  teil. Und er schafft die Teilnahme mit drei vorzeitigen Siegen und einem Punktsieg. Im olympischen Boxturnier von  Helsinki wird er mit drei Knockouts und einem Punktsieg Olympiasieger im Mittelgewicht, schlägt dabei im Finale nach wenigen Minuten seinen Gegner, den Rumänen Wassile Tita, durch Knockout. Damit ist er der zweitjüngste Boxer, der jemals Sieger bei einem olympischen Turnier werden konnte.

Erste Profierfahrungen bis zum Herausforderer um den Titel

Dass auf erfolgreiche Amateurboxer, selbst wenn sie Olympiasieger geworden sind,  auch im Profiboxsport  immer eine große Karriere wartet, ist keineswegs der Fall. Man kennt aus der Vergangenheit eine nicht geringe Anzahl von Boxern, die im Amateurbereich riesigen Erfolg hatten, im Profiboxen aber eher untergingen.  Der Olympiasieger im Schwergewicht von 1936, Herbert Runge, hat zum Beispiel sein Olympiagold zu keinem Zeitpunkt beim Profiboxen bestätigen können und ist dort auf ganzer Linie gescheitert. Natürlich gibt’s auch andere Beispiele, denken wir an Ali, Frazier, Foreman oder W. Klitschko. Aber nichts ist falscher, als von einem guten Amateur ohne weiteres auf einen erfolgreichen Profi zu schließen.

Das kluge Management von D’Amato bringt Floyd schon sehr früh auch mit attraktiven Gegnern zusammen, ohne dass er sich mühselig über Rahmenfights einen Weg suchen muss. Sein Debüt gibt er Mitte September 1952 in der St. Nicholas Arena in New York. Da ist er noch mit seinen 74,6 Kilogramm im Mittelgewicht und knockt Eddie Godbold in der vierten Runde aus. Die folgenden Kämpfe gewinnt er bis 1954 allesamt, einige aber eher knapp. Gegen den Haudegen Dick Wagner, einen Halbschwergewichtler, gewinnt er zwar Mitte April 1953 nach Punkten, aber für manche Beobachter umstritten. Noch im gleichen Jahr, im Dezember, siegt er in einem Refight über Wagner durch TKO, nachdem er ihn in der dritten Runde zwei Mal und in der 5. Runde einmal am Boden hat. Sein Manager, Cus D’Amato, zögert aber, ein  Angebot von Joe Maxim, einem ausgefuchsten Halbschwergewichtler,  anzunehmen. Der erst 19jährige Floyd scheint ihm noch zu unerfahren zu sein, um gegen diesen Routinier und früheren Halbschwergewichtsweltmeister bestehen zu können. Als es 07. Juni 1954 doch zu dem Kampf mit Maxim kommt, muss der Manager mit ansehen, wie sein Schützling von dem technisch ausgereiften Halbschwergewichtler nach Punkten besiegt wird. Allerdings: Der Sieg Maxims ist denkbar knapp, und manche sprechen auch von einer Fehlentscheidung. Jedenfalls ist es die erste Niederlage, die Patterson als Profi einstecken muss.

Was viele nicht erwarten, tritt ein: Patterson scheint die Niederlage nicht demoralisiert zu haben. Er legt eine Serie von Siegen hin, häufig mit vorzeitigem Ausgang. Unter anderem knockt er den französischen Schwergewichtler Jaques Royer  de Crezy aus; auch Harrison, der hoch in der Weltrangliste angesiedelt ist, muss den Ringboden über die Zeit aufsuchen. Dieser Sieg trägt zu einem Gutteil dazu bei, dass Patterson weiter an Popularität in den USA gewinnt. Als er Jack Gannon, den wichtigsten Sparringspartner Rocky Marcianos,  klar nach Punkten besiegt, empfiehlt er sich für einen Ausscheidungskampf um den vakanten Schwergewichtstitel. Der Thron ist verwaist, seitdem Rocky den Titel ungeschlagen zurückgegeben hat. Und er trifft nach zwanzig Kämpfen, von denen er nur einen verloren hat, am 08. Juni 1956 im Garden  auf Tommy „Hurrican“ Jackson. Bei den Wetten ist er keinesfalls Favorit, sie stehen 5:5.  In der dritten Runde bricht er sich seine rechte Hand  und kann nur noch mit der linken Hand den ständig nach vorne marschierenden „Hurrican“ abwehren. Dennoch   gewinnt er den Kampf nach Punkten und hat sich damit den Titelkampf um die Schwergewichtsweltmeisterschaft verdient. Der Mann, der auf ihn wartet, ist Archie Moore.

Weltmeister aller Klassen

Sein Gegner, Archie Moore, bestimmt seit Jahren das Halbschwergewicht, hat sich in dieser Gewichtsklasse den Weltmeistertitel geholt. Er ist bereits um die Vierzig, ca. 180 cm groß und wiegt zu Kampfbeginn etwas mehr als 85 kg. Ein Jahr zuvor war er schon gegen Rocky Marciano im Kampf um den Schwergewichtstitel angetreten, aber von Rocky in der neunten Runde ausgeknockt worden. Nach der Niederlage hatte er bis zum Titelkampf am 30. November 1956 in Chicago eine eindrucksvolle Siegesserie mit durchweg vorzeitig gewonnenen Kämpfen hingelegt.

Patterson ist 183 cm groß und bringt zum Kampftermin ein Gewicht von ca.  83 kg auf die Waage.  Beide sind damit eher zu den leichteren Schwergewichten, fast an der Grenze  zum Halbschwergewicht, zu zählen. Während seiner gesamten Boxkarriere muss man Patterson hinsichtlich seines Gewichts als einen Boxer sehen, der heute allenfalls im Cruisergewicht zu finden wäre. Im Kampf mit Moore erweist er sich, offenbar auch, weil er  erheblich jünger als Moore ist, als der wesentlich schnellere Mann, der mit guten Kombinationen aufwarten kann. Ein nahezu an Perfektion grenzender Haken mit seiner Linken schlägt in der fünften Runde bei Archie Moore ein und beendet damit den Kampf vorzeitig. Patterson ist damit mit seinen 21 Jahren der bis dahin jüngste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten und löst mithin Joe Louis ab, der ca. ein Jahr älter war, als er 1937 Champion gegen Braddock wurde.  Erst Mike Tyson wird ihn Jahre später „unterbieten“. Jedenfalls gehen die Boxfans davon aus, dass mit Patterson jemand auf dem Schwergewichtsthron sitzt, der sich lange Zeit dort halten wird.

Titelverteidigungen

 Sein Manager, Cus D’Amato, besorgt ihm seit seinem Titelgewinn Gegner, von denen er annimmt, dass sie Patterson nicht gefährlich werden können. Die damals wirklich „gefährlichen“ Herausforderer sind  z.B. Liston oder Zora Folley, die aber zu diesem Zeitpunkt keine Titelchance erhalten. Zudem hat der Manager tiefgehende Auseinandersetzungen mit dem „International Boxing Club“ und lässt wegen dieses Streits  keinen Titelanwärter zu, der mit dieser Institution das Geringste zu tun hat.  So findet man Patterson bei seinen Titelverteidigungen nahezu ausschließlich gegen eher zweiklassige Gegner, wie beispielsweise Tommy „Hurrican“ Jackson, den er im Qualifikationskampf um die Schwergewichtsweltmeisterschaft schon nach Punkten bezwungen hatte und den er in einem zweiten Kampf im Juli 1957 in der 10. Runde durch TKO besiegt. Nur einige Wochen später, im August des gleichen Jahres,  trifft er in Washington auf Pete Rademacher, der bei den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne Gold im Schwergewicht geholt hatte. Noch niemals ist es bis dahin passiert, dass ein Amateur in seinem ersten Profikampf gegen den Weltmeister antreten darf, selbst wenn er Olympiagold geholt hat. Im Profi-Debüt scheint er gegen Patterson zunächst erfolgreich zu sein; er schickt den Weltmeister sogar in der ersten Runde auf die Bretter. Dann aber zeigt Patterson Profi-Cleverness und lässt den Amateur-Olympiasieger mehrfach in seine schnell und präzise geschlagene Geraden laufen. Rademacher wird übel zugerichtet,  wird selbst sechs Mal niedergeschlagen. Patterson siegt in der sechsten Runde durch Knockout. Von vielen Boxfans wird das Ereignis als vorhersehbar, von manchen sogar als Farce gewertet.

Ein Jahr später, am 18. August 1958, nimmt er in Los Angeles die Herausforderung von Roy Harris an. Wiederum zeigt er sich überlegen, besonders seine schnellen und meisterlich vorgetragenen Kombinationen überzeugen das Publikum. In der zwölften von 15 Runden kommt das Aus für den tapfer kämpfenden Harris. Im Mai 1959 setzt er die Schwergewichtskrone gegen Brian London aufs Spiel, der aber nur einige Monate vorher den britischen Meistertitel an Henry Cooper verloren hatte. An den Titelkampf kommt London deshalb, weil der Manager Coopers die Chance auf einen WM-Kampf gegen Patterson nicht wahrnimmt. Auch Brian London hat nicht die geringste Chance gegen Patterson, wird in den ersten zehn Runden systematisch ausgeboxt und schwer angeschlagen. Ein hart geschlagener linker Haken Pattersons beendet den Kampf in der 11.  Runde.     

Die Niederlage

Auch die fünfte Titelverteidigung der Schwergewichtskrone sollte, wenn’s nach D’Amato gegangen wäre, ohne Probleme über die Bühne gehen. Ausgewählt aus dem Kreis der Anwärter wird Ingemar Johansson. Der Schwede hatte sich bei den Olympischen Spielen in Helsinki im Schwergewichts-Finalkampf gegen den US-Amerikaner Ed Sanders einen denkbar schlechten Ruf erworben: Er war in der zweiten Runde wegen „Feigheit“ aus dem Kampf genommen worden, selbst das Olympiasilber wurde ihm verwehrt. Erst fast zwei Jahrzehnte später sollte sie ihm zuerkannt werden, weil mittlerweile für jeden klar geworden war, dass das Ringverhalten Johanssons keineswegs als Feigheit gedeutet werden konnte, sondern eine zulässige Taktik war, um den Gegner zu ermüden. Johansson sagte später selbst, dass genau dies sein Plan gewesen sei.

Kurz nach Olympia war Johansson Profi geworden und hatte eine beispiellose Siegesserie hingelegt. Unter anderem hatte er den früheren Schwergewichtseuropameister, Heinz Neuhaus, ausgeknockt, nachdem er gegen den italienischen Schwergewichtler Franco Cavicci den europäischen Titel errungen hatte. Auch Henry Cooper wurde in Stockholm vorzeitig besiegt. Ebenso  knockte er den Weltranglistenboxer  Eddie Machen aus, und das  bereits in der ersten Runde nach drei Niederschlägen.

Dennoch sehen die Amerikaner Patterson als klaren Favoriten. Allerdings: In der US-Presse wird der Kampf nicht selten mit dem ersten Schmeling-Louis-Fight verglichen, auch die vernichtende Rechte des schwedischen Europameisters weckt bei manchen Erinnerungen an die berühmte rechte Hand Schmelings. Das Interesse ist jedenfalls riesig. Der Kampf wird in die Haushalte übers Fernsehen übertragen, auch in den Kinos des Landes ist er zu sehen. Die Börse kann sich bei beiden sehen lassen: Patterson erhält nach heutiger Rechnung ca. 1,25 Millionen Euro, Johansson nur die Hälfte davon. Beide sind altersmäßig zwei Jahre auseinander: Patterson ist 24, Johansson 26.  Der Europameister wiegt 88,6 Kilogramm, Patterson sechs Kilo weniger.

Am 26. Juni 1959 findet der Kampf um die Schwergewichtsweltmeisterschaft im Yankee Stadium in der New Yorker Bronx statt. Ein Kampf, der die Fans mitreißt. Die ersten beiden Runden verlaufen dabei bis zur Mitte der zweiten Runde noch wenig ereignisreich. Von der berüchtigten Rechten des schwedischen Europameisters ist nichts zu sehen. Und plötzlich ist sie da. Patterson ist bis „acht“ am Boden, steht noch mitgenommen und desorientiert auf, will in seine Ecke. Da stürzt sich Johansson auf den Weltmeister und Patterson liegt wieder am Boden. In der dritten ein weiterer Niederschlag, und Johansson trommelt weiter unaufhörlich auf den Titelträger ein. Insgesamt braucht Johansson sieben Niederschläge, bis nach zwei Minuten der dritten Runde mit einem donnernden rechten Cross das Aus für Patterson kommt. Ein Desaster für den Weltmeister. Später wird er in einem Interview sagen, dass Johansson der „härteste Puncher“ gewesen sei, der ihm je begegnet ist, härter noch als Sonny Liston. Übrigens: Johansson hat damit den „Rekord“ von „Mankiller“ Jack Dempsey eingestellt, der, ebenfalls in seinem Titelkampf um die Schwergewichtsweltmeisterschaft,  Luis Firpo im Jahre 1923 sieben Mal in einer Runde am Boden hatte.

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Die Rückkehr: Patterson bricht das Gesetz des „They never come back“

Es gibt natürlich auch nach diesem Kampf „Experten“, die schon vorher zu wissen meinten, dass Patterson ein Glaskinn habe und dass er Weltmeister in einer Zeit wurde, in der es keine herausragenden Schwergewichtler gab. Viele räumen in dem unmittelbar danach organisierten Refight, der auf den 20. Juni 1960, also fast genau ein Jahr nach dem letzten Kampf, festgelegt wird,  Patterson keine Chance mehr ein. Aber der Exchamp wird  nicht zum ersten und letzten Mal unterschätzt. Er analysiert mit seinem Trainer den WM-Kampf und unternimmt alles, um eine Vorbereitung hinzubekommen, die ihm eine Siegmöglichkeit gegen Johansson eröffnet.  Als Sparringspartner werden Schwergewichtler geholt, deren rechte Schlaghand als „tödlich“ gilt. Er trainiert systematisch, wie er rechte Gerade vermeiden kann, die ihm im Kampf gegen Johansson das Licht ausgepustet hat. Er hat einen neuen Betreuer: Joe Louis, den früheren großen Schwergewichtschamp. Louis rät ihm zusätzlich, etwas mehr Gewicht zu machen und empfiehlt, dass Patterson häufiger seinen kurzen linken Haken, den er schnell und präzise herauszubringen versteht, schlagen solle. Auch Archie Moore lässt sich überraschenderweise bei ihm blicken und muntert ihn auf. Er sagt ihm, dass Patterson seinen Jab präziser und öfter einsetzen solle, damit sei Johansson zu schlagen, der „nichts Besonderes“ sei.

Als sich die beiden am 20. Juni 1960, dieses Mal in den Polo Grounds von New York, gegenüberstehen, ist Patterson vier Kilo schwerer als beim ersten Kampf. Dieses Mal ist der schwedische Titelträger klarer Favorit, zumal davon ausgegangen wird, dass Patterson durch seine desaströse Niederlage psychisch schwer angeschlagen ist. Für Patterson wird es der Kampf sein, in dem sich seine weitere Karriere entscheidet. Für die Veranstalter ist der Fight äußerst erfolgreich: Einschließlich der Mittel, die durch Fernsehübertragungen erzielt werden, kommen mehr als zwei Millionen Dollar zusammen, wovon Johansson 600.000, Patterson dagegen 100.000 Dollar mehr, also 700.000 Dollar, erhält. 

Die Polo Grounds sind mit 46.000 erwartungsfrohen Zuschauern gefüllt, als in den ersten Runden Johansson wie im ersten Kampf versucht,  mit schnell geschlagenen rechten Geraden Boden zu gewinnen. Aber Patterson ist vorbereitet und lässt ihn oft ins Leere laufen.  Nur in der zweiten Runde trifft ihn „Thors Hammer“ hart am Kopf, aber Patterson kann dieses Mal die Wucht des Schlages vermeiden , und er wird „nur“ hoch in der Gesichtspartie getroffen, kann sich dann durch Klammern aus der Affäre ziehen.  In der fünften fällt die Entscheidung: Patterson trommelt einen Hagel linker Geraden auf Johansson, trifft den Schweden am Kopf und kann sich unter den rechts und links geschlagenen Kontern des Weltmeisters wegducken. Dann schafft es Patterson, zwei  harte linke Kopfhaken zu schlagen, die Johansson auf den Boden zwingen.  Der ist bei „neun“ auf den Füßen, aber Patterson treibt ihn vor sich her, an die Seile, schlägt erbarmungslos auf den Körper des Schweden ein. Dann gelingt ihm  ein vernichtend linker Haken an den Kopf des Titelverteidigers.  Und der Weltmeister ist geschlagen, bleibt weit über die Zeit am Boden, auch weil er mit dem Kopf auf den Ringbelag gekracht ist. Eine weltweite Sensation. Zum ersten Mal hat sich ein ehemaliger Schwergewichtsweltmeister seinen Titel zurückgeholt.  Bis Muhammad Ali wird Patterson diesen Ruhm, der einzige gewesen zu sein, der das Gesetz durchbrach, behalten.

Einige seltsame Gerüchte machen die Runde. Es wird behauptet, man habe Johansson mit vergiftetem Essen schwächen wollen. Andererseits ist bekannt, dass sich der schwedische Weltmeister wenig ernsthaft auf den Kampf gegen den Herausforderer vorbereitet habe. Berichtet wird, dass er nur sehr rudimentär trainiert  und sich mehr mit seinen geschäftlichen Problemen als mit dem Kampf beschäftigt habe. Jedenfalls sei er zu sehr von sich überzeugt gewesen und habe fest geglaubt, Patterson auch im Rückkampf das Fürchten zu lehren.  

Zum dritten Mal gegen Johansson

Relativ schnell wird ein dritter Titelkampf ausgehandelt. Am 13. März 1961 stehen sich beide in Miami Beach in Florida wiederum gegenüber.  Dieses Mal nehmen die Veranstalter über 2,5 Millionen Dollar ein. Zu Beginn des Kampfes scheint wieder eine Sensation in der Luft zu liegen, denn Patterson wird schon in der ersten Runde zwei Mal zu Boden geschickt. Dann dreht sich der Fight. Noch in der gleichen Runde  schlägt er  Johansson mit einem linken Haken nieder. In den weiteren Runden bestimmt er, wenn auch knapp, den Kampf. Mehr oder weniger artet der Fight in eine desorientierte Keilerei  aus. In der sechsten Runde gelingt Patterson eine  präzise und schnelle Links-Rechts-Kombination. Johansson liegt am Boden, will aufstehen, fällt nach vorne und wird ausgezählt. Weltmeister im Schwergewicht ist und bleibt Floyd Patterson.

Der Thronfolger: Sonny Liston

Cus  D’Amato wird nach den Titelverteidigungen gegen Johansson von Patterson nach zwölf Jahren als Manager abgelöst. Der hatte immer vor einem Titelkampf gegen Sonny Liston, den unaufhaltsam aufstrebenden Schwergewichtler, der überall kurzrundig siegt, gewarnt. Patterson nimmt nun die Herausforderung an, will aber vorab noch seine Krone gegen Tom McNeeley, einen eher zweitklassigen Gegner,  sozusagen in einem Aufbaukampf verteidigen. Er knockt ihn Anfang Dezember 1961 im kanadischen Toronto  nach vier Runden aus, hat ihn vorher elf Mal (!) am Boden. Damit  scheint  er bereit für Sonny Liston zu sein.

Liston hat bis zum Kampf gegen Patterson eine Siegesserie hingelegt, die seinesgleichen sucht. Fast alle Kämpfe beendet er in den ersten Runden. Dabei hatte er mit Folley und Williams Schwergewichtler auf die Bretter gelegt, denen Patterson durch das erfolgreiche Management von D’Amato eher aus dem Weg gegangen war. Für die meisten ist er der Herausforderer im Schwergewicht,  gegen den kein Kraut gewachsen ist. Liston ist elf Kilo schwerer als Patterson, hat eine Reichweite von 213 cm, Patterson dagegen nur 180 cm.  Die Wetten stehen 7:1 für Liston. Patterson meint aber, der urwüchsigen  Schlagkraft und Wucht Listons durch seine schnellen Fäuste und seine ausgefeilten technischen Fähigkeiten begegnen zu können.

Liston macht in dem Titelkampf am 25. September 1962in Chicago kurzen Prozess. Nach nur zwei Minuten der ersten Runde ist Patterson schwer ausgeknockt. Fast ein Jahr später, am 22.07.1963, wiederholt sich das Ereignis. Nach drei Niederschlägen in der ersten Runde liegt Patterson weit über die Zeit am Boden. Liston ist und bleibt Weltmeister aller Klassen. Und jedermann meint, dass er das, wie  weiland Joe Louis, mindestens ein Jahrzehnt lang bleiben wird. Wie wir alle wissen, verliert er seinen Titel bereits in seinem ersten Kampf nach dem zweiten Patterson-Fight sensationell gegen Muhammad Ali  (damals noch Cassius Clay).

Nach dem Titelverlust

Wer gedacht hat, dass Patterson nach seinen schweren Niederlagen gegen Liston demoralisiert aufgibt, ist auf dem Holzweg. Er ist erst 28 Jahre, und er arbeitet unermüdlich an sein Comeback. Kaum ein halbes Jahr später, Anfang Januar des Jahres 1964,  sieht man ihn im schwedischen  Stockholm  im Kampf gegen den durchaus nicht unbekannten italienischen Schwergewichtsmeister Sante Amonti mit einem TKO siegen. Amonti ist in der zweiten, vierten und achten Runde am Boden. Ebenso schlägt er Weltranglistenschwergewichtler wie Eddie Machen und George Chuvalo deutlich. Nach einem TKO-Sieg gegen Tod Herring hat er sich einen erneuten Titelkampf im Schwergewicht verdient. Weltmeister aller Klassen ist mittlerweile Muhammad Ali, der in zwei aufsehenerregenden Kämpfen Sonny Liston eliminiert hat. Gegen den Weltmeister hat der mittlerweile 30jährige kaum eine Chance. Er verliert in der 12. Von 15 angesetzten Runden durch TKO.

Für Patterson ist noch immer nicht Schluss. Er reist nach London und stellt sich der europäischen Schwergewichtsgröße Henry Cooper, hat ihn drei Mal am Boden und siegt in der vierten Runde über den tapferen Briten durch technischen Knockout.  Weiter geht’s. Er tritt gegen die „weiße Hoffnung“ Jerry Quarry an, erreicht im ersten Kampf ein Unentschieden, wobei er zwei Mal in der zweiten Runde  am Boden ist, Quarry ein Mal in der siebten Runde.  Im Refight Ende Oktober 1967verliert  er in Los Angeles  äußerst umstritten nach Punkten.  

Noch ein Titelkampf, und das Skandalurteil

Der Schwergewichtsthron ist verwaist, seitdem Ali wegen seiner Kriegsdienstverweigerung der Titel abgesprochen wurde.  Floyd Patterson steht zur Überraschung vieler Beobachtung vor einem weiteren Titelkampf um die Schwergewichtsweltmeisterschaft. Der Kampf findet Mitte September 1968  im Stockholmer Fußballstadion „Solna“ statt. Ellis wird als Punktsieger ausgerufen. Ein klares Fehlurteil,  und die Zuschauer gehen auf die Barrikaden.  Fast eine halbe Stunde  randalieren sie mit einem ohrenbetäubenden Lärm, so dass die Veranstalter schon fürchten müssen, dass das Stadion dem Erdboden gleichgemacht wird. Nur Patterson enthält sich jeden Kommentars und nimmt das Urteil ohne jeden Widerspruch an.

Letzte Titelchance: Muhammad Ali  und das Karriereende

Und er macht weiter.  Nach einer einjährigen  Pause, die er sich selbst auferlegt hat, geht’s 1970 weiter. Nur einen Kampf  nimmt er sich in diesem Jahr vor. Zwei Jahre nach dem Skandalkampf gegen Jimmy Ellis, am 13. September 1970, besiegt er Charley Green im Garden durch Knockout in der zehnten Runde. 1971 wird er wieder aktiver; man sieht ihn in sechs Kämpfen, wovon er drei vorzeitig beendet.  Dann trifft er im Februar 1972 auf den bärenstarken Argentinier Oscar „Ringo“ Bonavena. Der hatte in einer Qualifikation zur Weltmeisterschaft im Schwergewicht 1967 im Frankfurter Waldstadion Europameister Karl Mildenberger deutlich nach Punkten besiegen können. Gegen Patterson aber verliert er klar. Nach einem weiteren, dieses Mal vorzeitigen Sieg gegen den Mann aus Puerto Rico, Pedro Agosto, wird er vom zurückgekehrten Muhammad Ali als Herausforderer angenommen. Im Madison Square Garden hat der da schon 37jährige Patterson gegen den 14 Kilogramm schwereren Ali im gesamten Kampf nicht die geringste Chance und wird in der siebten Runde mit schweren Blessuren aus dem Kampf genommen. Er selbst muss feststellen, dass es für höhere Aufgaben nicht mehr reicht.

Nach insgesamt 64 Kämpfen, bei denen er 55 Siege errungen hat, davon 40 durch Knockout, und acht Niederlagen sowie einem Unentschieden,  tritt Floyd Patterson  vom aktiven Boxsport zurück. Im Jahre 1991 wird er in der „International Boxing Hall of Frame“ aufgenommen.  

In den letzten Jahren seines Lebens erkrankt er an Krebs und Alzheimer. Am 11. Mai 2006 verstirbt er in der Nähe von New York.

Fazit und Versuch einer Würdigung

Für das Schwergewicht gilt Patterson für viele eher als „zarter“ oder „schmächtiger“ Vertreter. Er kam in seiner Laufbahn nur wenige Male über die 85 Kilogramm. Seine körperlichen Nachteile, die auch in der Reichweite zu finden sind, glich er aber aufs Effektivste durch seine Angriffsfähigkeiten und seinen nie zu brechenden Kampfgeist  aus. Mit schnellen Angriffen ging er in den Gegner, furchtlos. Seine linken Haken waren legendär. Seinem Manager, Cus D’Amato, hat er einiges zu verdanken, nicht zuletzt den auch von ihm entwickelte Kampfstil („Peek-a-boo“), der sich unter anderem dadurch kennzeichnete, dass die von ihm betreuten Boxer  die Fäuste vor dem Gesicht auf Augenhöhe hielten und mit Pendelbewegungen von Kopf und Körper, mit Ducken und entsprechenden Meidbewegungen ihre Gegner weniger Ziele beim Angriff boten, ihnen aber andererseits eher Möglichkeiten eröffneten, wirkungsvolle Jabs schlagen zu können oder Aufwärtshaken bei der Rückwärtsbewegung anzubringen.  Pattersons Nehmerfähigkeiten waren aber recht eingeschränkt, da stimmen alle Beobachter überein, und man kann diesen Punkt sozusagen auch statistisch „belegen“: In seinen Titelkämpfen ging er insgesamt sechzehn Mal zu Boden.

Der Ruhm, der erste Schwergewichtsweltmeister gewesen zu sein, der den Verlust des Titels rückgängig machte und der damit das berühmte Gesetz des „They never come back“ durchbrochen hat, wird ihm nicht zu nehmen sein. Erst Muhammad Ali konnte es Patterson gleichtun. Seine boxerischen Fähigkeiten, insbesondere seine Schnelligkeit und Kampfstärke, wird in der Erinnerung bleiben. Auch heute noch kommt er in  manchen Bewertungen früherer Boxweltmeister schlecht weg, wird eher als einer gesehen, der in einer Zeit der wenigen großen Schwergewichte Weltmeister werden konnte.  Und dies  trotz seiner nachgewiesenen Erfolge gegen Spitzenschwergewichtler innerhalb einer Zeitspanne von mehr eineinhalb Jahrzehnten, in denen er das Schwergewicht in der Welt entscheidend geprägt hat.  Dass sein Manager, Cus D’Amato, ihm zunächst mit viel Geschick einige  für ihn „gefährliche“ Weltranglistenschwergewichte vom Hals gehalten hat, sollte man nicht überbewerten. Letztlich waren es nur zwei Schwergewichtler, gegen die Patterson in seiner aktiven Laufbahn  nicht die geringste Chance hatte, und das waren der vernichtende Puncher Sonny Liston und der Größte, Muhammad Ali. So kann man zusammenfassend im Rückblick Patterson nicht zu den ganz Großen zählen, aber bestimmt zu denen, die das Schwergewicht  nach dem Rücktritt Rocky Marcianos in der Welt jahrelang an vorderster Stelle bestimmt haben.

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7 Kommentare

  1. Mr. Wrong
    6. April 2012 at 21:55 —

    sehr guter Artikel, Patterson´s eingesprungener linker Hacken war der Hammer.

  2. Stonehigh
    6. April 2012 at 22:37 —

    Der Mann ist bis heute einer meiner Lieblings-Boxer, danke für den Artikel !

  3. SemirBIH
    7. April 2012 at 00:25 —

    Klasse Artikel !

  4. kevin22
    7. April 2012 at 10:33 —

    @ Paul

    Guter Artikel, sehr gut recherchiert und auf den Punkt gebracht!

    Müsstest nur nochmal nachschauen was Rechtschreibung und Grammatik betrifft, da sind noch einige Fehlschläge vorhanden 😉

  5. gutszy
    7. April 2012 at 14:20 —

    ich liebe diese artikel, spannend und informativ. danke

  6. Tom
    7. April 2012 at 15:49 —

    @ Paul

    Sehr guter Bericht,ich bin der Meinung das es der bisher Beste ist den du hier geschrieben hast und er hatte für mich wieder einmal einige kleine Details parat die ich so noch nicht kannte!

    Weiter so!

  7. Allerta Antifascista!
    7. April 2012 at 17:31 —

    Kann nur zustimmen, sehr guter Artikel!

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