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Boxen und Schulsport

Wenn vor gar nicht allzu langer Zeit jemand gefordert hätte, dass das Boxen im Schulsport Eingang halten solle, wäre ihm wohl breitester Widerstand, mehr noch Empörung beschieden gewesen. Bis in die 1990er Jahre hinein galt Boxen bei der Mehrheit der Bevölkerung als brutaler Kampfsport, der mit Blut, Blessuren, Verletzungen, Entstellungen assoziiert wurde. Dass solche Vorurteile eher mit  Erfahrungen aus dem Profiboxen zu tun hatten und kaum etwas mit dem olympischen Amateurboxsport, wurde von kaum jemanden zutreffend eingeordnet. Erst mit den Kämpfen des  Profi-Halbschwergewichtlers  Henry Maskes, der sich auch im olympischen Amateurboxen mit dem Gewinn des Olympiasiegs (im Mittelgewicht)  und Weltmeistertitels einen Namen gemacht hatte, bahnte sich Mitte der 1990er Jahre  eine allmähliche Änderung der öffentlichen Meinung an, wenn’s ums Boxen ging. Ab der Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends wurden in Deutschland sogar erste Töne vernommen, die von einer Integration des Boxsports in den Schulsport, natürlich zunächst in außerunterrichtlichen Bezügen, ausgingen. Natürlich waren zunächst starke Widerstände zu spüren, die sich gegen ein solches Ansinnen richteten.  

Auslandserfahrungen

In mehreren europäischen Ländern ist der Boxsport schon seit längerer Zeit Teil des Schulsports geworden.  In Frankreich wird seit geraumer Zeit das Konzept „Boxe Éducative“ in den Schulen des Landes angeboten, auch im Rahmen des regulären Sportunterrichts. Es geht hier um Ansätze, die dem olympischen Amateurgedanken des Boxsports naheliegen, aber insbesondere pädagogische Zielsetzungen einbeziehen und in den Vordergrund stellen. Zunächst wurde in Frankreich das „Boxe Éducative“-Konzept als Mittel eingesetzt, um problematische Jugendliche an den Rändern der Großstädte mit pädagogischen Maßnahmen und Boxangeboten erreichen zu können. Man versprach sich unter anderem  davon, dass mit diesem Angebot eine bessere Integration der Jugendlichen in regelhafte Strukturen erfolgen und es damit auch gelingen könne, diese Jugendlichen besser an schulische Erfolge heranzuführen, um damit ihre künftigen Aussichten in der Arbeitswelt zu verbessern. Sportlich wird in Frankreich das „Boxe Éducative“ als ein Ansatz gesehen, der die Jugendlichen auch „regulär“ zur Aufnahme eines Trainings in den  Boxvereinen ermuntern könne.   Die Ansätze, die in Deutschland beim Boxen im außerunterrichtlichen Zusammenhängen verfolgt werden, orientieren sich in starkem Maße an diesem französischen Vorbild. Hierzu mehr weiter unten.

Auch in der Schweiz wird „Leichtkontaktboxen“ im Rahmen des Schulsports schon seit längerer Zeit angeboten. In Zusammenarbeit mit den Boxsportverbänden können entsprechend zusätzlich  ausgebildete Sportlehrer Boxen im „normalen“ Sportunterricht anbieten. Hier hat sich insbesondere der Schweizer Sportlehrer Stefan Käser, der auch eine Diplomhausarbeit zum Thema Boxen und Schulsport verfasst hat,  hinsichtlich Initiative, Planung und Konzeptbildung einen Namen gemacht.  In der Schweiz wird allerdings insgesamt mehr der sportliche Aspekt des Boxens betont, weniger die pädagogischen Implikationen, obwohl auch hier die französischen Erfahrungen mit „Boxe Éducative“ aufgegriffen wurden. Wie in Deutschland, mussten auch  in der Schweiz allerdings massive Vorurteile gegen das Boxtraining im Schulsport überwunden werden, weil diese Sportart nur eine sehr geringe Akzeptanz aufzuweisen hatte. Bevor Boxen im Schulsport  im größeren Rahmen in der Schweiz verbreitet war, wurde innerhalb von drei Jahren an Basler Gymnasien ein Testlauf unternommen. Das Projekt wurde insgesamt positiv gewertet. Als pädagogische und sportive Leitgedanken wurden unter anderem  die Förderung von Selbstvertrauen, Kommunikationsfähigkeiten, Körperbewusstsein, Fitness entwickelt und erprobt.  Aber auch eine Erhöhung der Frustrationstoleranz konnte beobachtet werden. Dies wurde unter anderem dadurch erreicht, dass  gesteigertes Selbstvertrauen entwickelt  und darüber hinaus  erlernt wurde,  eine im Kampf „erlittene“ sportliche Niederlage  zu akzeptieren. Im Rahmen des Projekts wurde auch insbesondere darauf geachtet, dass die Schüler die Ringrichterrolle übernehmen lernen, was dazu führte, dass nicht nur die Regeln des Boxsports besser verstanden und durchdrungen wurden, sondern auch mehr Verständnis für die kämpfenden Sparringspartner entstehen konnte.

In Großbritannien wird ebenfalls  seit einigen Jahren  das sogenannten „Fitnessboxen“ in den Schulen des Landes angeboten. Hier ist aber der Körperkontakt bzw. das Sparring bislang ausgeschlossen.

Schulsport und Boxen in Deutschland – ein Rückblick

Im Dritten Reich war das Boxen im Schulsport integriert. Man verfolgte damals mit diesem Sport wehrertüchtigende Ziele. Die Kinder und Jungendlichen sollten hart gemacht und für den Kampf, auch in militärischer Hinsicht,  vorbereitet werden. Boxen galt also als eine Sportart, die im Schulsport deshalb favorisiert wurde, um die deutsche Jugend für militärische Aufgaben in der Zukunft  vorzubereiten und abrufbar zu machen. In der Autobiographie Max Schmelings, der nach seinen Kämpfen in den USA nicht selten vom „Führer“ eingeladen war,  wird geschildert, wie Hitler gegenüber Schmeling von der Bedeutung des Boxens als erzieherisches Mittel, als Erziehung zur Härte sprach. Ebenso wurde in der Hitlerjugend  der Boxsport als erzieherisches Mittel zur „Stählung“ und Förderung männlicher Härte missbraucht. Nicht zuletzt die Erfolge deutscher Boxer in den 1930er Jahren  (u. a. Schmeling, Neusel, Heuser), die viele Jugendliche in Deutschland nicht zu Unrecht  begeistert zur Kenntnis nahmen, kamen den NS-Ideologen hierbei zur Hilfe, zumal die Wirkung  dieser Boxgrößen dazu beitrug, dass die Mehrzahl der Jugendlichen sich durchaus motiviert an den Boxübungen in den HJ-Lagern und auch in den Schulen beteiligten.

Nach dem Krieg wurde in der DDR Boxen zum Pflichtbestandteil des Sportunterrichts in den Polytechnischen Oberschulen, der Regelschule im Einheitsschulsystem der DDR. Die Staats- und Parteiführung versprach sich davon nicht nur eine breitere Möglichkeit, mit entsprechenden Ausleseverfahren den olympischen Kader im Boxen zu fördern, sondern auch eine Verbesserung der Volksgesundheit, insbesondere wegen der konditionellen Möglichkeiten, die der Boxsport liefert. Insgesamt wurde in der DDR der Sport in den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung integriert. Sportlich gekräftigte Jugendliche und Erwachsene waren nach dieser Lesart eher in der Lage, am sozialistischen Aufbau im Arbeiter- und Bauernstaat mitzuwirken. Deshalb spielte in allen Schulen der DDR im Unterricht die ideologische Ausrichtung bis zuletzt eine überragende Rolle, und davon war natürlich auch der Boxunterricht nicht ausgenommen.  Jedenfalls wurde das Boxen bis in die letzten Tage der DDR in den Schulen regulär betrieben. Nachwirkungen bzw. Ausläufer  davon sind bis heute zu sehen: Das Sportgymnasium in Chemnitz bietet Boxen im regulären Sportunterricht an. Das Training findet hier bis zu zwei Mal am Tag statt. Die Sportlehrer, die den Boxunterricht begleiten, sind mit einer Trainerlizenz ausgestattet. Auch Noten werden am Sportgymnasium in Chemnitz im Boxunterricht vergeben; sie gehen in die Gesamtsportnote ein. Natürlich ist es heute so, dass die sozialistische Ideologie im Sportunterricht dieser Schulen keine Rolle mehr spielt.  

In der alten Bundesrepublik ist ein (vielleicht verständliches)  genau entgegengesetztes Phänomen   festzustellen: In der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung galt Boxen als brutal, als ein Sport, der die aggressivsten Potenziale des Menschen weckt und zur Verrohung beiträgt. Vielfach wurde dabei das Profiboxen bemüht, das man im Fernsehen oder in den Filmen zu sehen bekam. Hinzu kam, dass das Profiboxen nicht selten in der Presse und den anderen Medien  in die Nähe krimineller Machenschaften und Prostitution gerückt wurde, was ja im Übrigen teilweise auch den Realitäten, zumindest in gewissen Zeiträumen,  entsprach. Das Verdienst des Halbschwergewichtlers Henry Maske, der 1988 Olympiasieger (da noch im Mittelgewicht) und später Weltmeister bei den Profis wurde, besteht darin, dass er den Boxsport, auch das Profiboxen,  in Westdeutschland ab Mitte der 1990er Jahre zur Seriosität und allgemein verbreiteter Popularität verhalf. Dass allerdings dieser Sport in den Schulen Eingang finden sollte, lag zu dieser Zeit noch völlig außerhalb des Vorstellungsvermögens der meisten Menschen.

Boxen  und Aggressionsbereitschaft

In mehreren Studien, unter anderem in der  von Astrid Albrecht von 1993, konnte gezeigt werden, dass bei Kindern und Jugendlichen das Boxtraining eher zum Aggressionsabbau beiträgt. Festgestellt wurde, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an Boxkursen  lernten, konzentrierter, aktiver, entspannter und selbstsicherer aufzutreten. Frustrationsschübe und Angstverhalten bzw. Auflehnungsverhalten wurden teilweise zum Verschwinden gebracht. Eine weitere  Untersuchung zeigte, dass nach einem dreimonatigen Boxtraining von Schülern zwischen 12 und 14 Jahren signifikant weniger aggressives Verhalten als bei den nichtboxenden Schülern verzeichnet werden konnte. Die bei vielen vorherrschende Meinung, der Boxsport sei erheblich verletzungsgefährdender als andere Sportarten, konnte  in einigen Untersuchungen (u. a. „Gerling-Statistik“) widerlegt werden: Zumindest im Amateurboxsport ist die Verletzungsgefährdung nicht höher als in anderen Sportarten, wobei allerdings langfristige Untersuchungen zu dieser Frage noch ausstehen.  Das schlechte Image, das in Teilen der Bevölkerung zum Boxsport nach wie vor besteht, ist offenbar nicht zuletzt  auf übertrieben in der Presse aufgebauschte Einzelfälle im Profiboxen zurückführbar.

Boxe Éducative in Niedersachsen

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Seit Mitte dieses Jahrzehnts wurde in Niedersachsen zunächst ein dreijähriges Pilotprojekt „Boxe Éducative“ an verschiedenen Schulen des Landes angeboten. Das Projekt wurde als außerunterrichtliches Angebot, also z.B. in Arbeitsgemeinschaften und strikt getrennt vom regulären Schulsport, getestet. An dem Projektvorhaben waren das NDS-Kultusministerium, der Landessportbund NDS und der niedersächsische Box-Sport-Verband beteiligt. Mit dem Schuljahr 2006/2007 wurden zunächst in zehn Schulen begonnen.   Betreut wurden die Trainingsstunden von zusätzlich ausgebildeten Sportlehrern und Sportlehrerinnen, Sozialarbeiter(innen); außerdem wurden die Übungseinheiten von lizensierten und zusätzlich pädagogisch ausgebildeten Trainern des Niedersächsischen Boxsport-Verbandes begleitet. Im ersten Abschnitt des Pilotprojekts wurde Körperkontakt ausgeschlossen. Nach einer zwischendurch erfolgten Evaluation wurde dies aber geändert und „kontrollierter Leichtkontakt“ im Sparring erlaubt.  Light-Contact Boxing  heißt dabei, dass zwar Berührungen bzw. der „gesundheitsorientierte Körperkontakt“  beim Sparring zugelassen werden, aber keine harten Schlagaustausche stattfinden. Zielgerichteter Knockout  und ebenso  geplante KO-Schläge sind strikt verboten. Boxe Éducative will also ein sportpädagogisches Boxtraining initiieren, mit Lehrern und Trainern, die dazu sorgfältig, nicht nur hinsichtlich des sportlichen Aspekts, sondern auch und besonders bezüglich des pädagogischen Anspruchs, qualifiziert werden.

In der Praxis waren bei den Übungseinheiten, abgesehen vom Trainer, der eine entsprechende Lizenz und eine pädagogische Zusatzqualifikation vorweisen musste, eine Lehrerin bzw. ein Lehrer und ein Sozialarbeiter anwesend. Die Gestaltung des Boxtrainings orientierte sich am olympischen Amateurboxen mit spezifisch pädagogischer Orientierung. Insbesondere sollte durch das regelmäßige Boxtraining Fähigkeiten bezüglich der Sozialkompetenz, Selbstbehauptung, des kontrollierten Umgangs mit den eigenen Körperkräften und der Einschätzung der „gegnerischen“ Körperkräfte  sowie angemessene Impulskontrolle gefördert werden. Aber auch die Entwicklung von Selbstdisziplin, von leistungsbereiten und  zuverlässigen Verhaltensformen wurde angestrebt. Unter Maßgabe  dieser Zielsetzung standen Im konkreten Training unter anderem  die Stärkung der Kondition,  Kraftsteigerung und die Vermittlung boxtechnischer Grundfertigkeiten im Vordergrund. Impulskontrolle sollte im Training dadurch gefördert werden, dass im Rahmen des „Leichtkontakboxens“ von den Teilnehmern im Sparring jederzeit die Schlaghärte in kontrollierter Weise erfolgen musste. Bei Nichteinhalten dieser Regel ergaben sich Abzüge in der Bewertung.

Während der Projektphase wurde deutlich, dass eine stärkere Motivation mit pädagogischen Mitteln  von Trainern und Lehrkräften entwickelt werden musste, um die Schüler/innen zu einer regelmäßigen Teilnahme zu gewinnen.  Die vom niedersächsischen Boxverband gestellten Trainer hatten anfangs zum Teil zu sehr darauf gesetzt, Schüler und Schülerinnen auf Wettkampfperspektiven hin zu trainieren und weniger die pädagogische Relevanz des Projekts im Auge gehabt. Daher wurde verstärkt  auf eine besonders sorgfältige Qualifizierung von Lehrern und Lehrerinnen und der Trainer über Fortbildungsmaßnahmen geachtet.

 Regeln und Ablauf beim Boxe Éducative in NDS

Die Verhaltensregeln, die beim Boxtraining im Rahmen des Projekts eingehalten werden sollten, wurden unter Mitwirkung der gesamten Trainingsgruppe entwickelt. Dadurch sollten die Schüler und Schülerinnen Erfahrungen zum kommunikativen Austausch und zur Bedeutung von Regeln im Verhalten einer Sportgruppe entwickeln.   Solche Verhaltensregeln  konnten u. a. dadurch bestehen, dass eine bestimmte Bekleidung gefordert wurde. Unbedingt mussten sie den Anweisungen des Trainers zuhören, d.h. dass hier absolute Ruhe zu herrschen hatte. Des Weiteren war für die Teilnehmer Aufwärmen (meistens hier längere Laufeinheiten) vorgesehen. Das Training bestand dann in Anleitungen  des Trainers zu einer Bewegung bzw. in „übenden Nachahmungen“, aber auch in einer Form des selbstentdeckenden Lernens,   z.B.  hinsichtlich von Schlagtechniken, Vermeidungsbewegungen, Kombination von Schlägen und Schrittbewegungen. Für viele Schüler(innen) war es beispielsweise nicht immer einfach, zu lernen, wie eine linke oder rechte Gerade richtig gesetzt wird, dass sie aus der Schulterbewegung kommen muss und gleichzeitig eine angemessene Deckung zu erfolgen hat. Hier musste darauf geachtet werden, dass nicht die Perfektion bei der Erlernung solcher Schlagabfolgen gefordert wurde, sondern die allmähliche Steigerung und Verbesserung durch entsprechende Bemühungen im Vordergrund standen, damit die Motivation zum Boxtraining beibehalten werden konnte. Zu harte Schläge oder auch unfaires Verhalten wurden im Übrigen durch Abzüge in der Bewertung  geahndet. Bei anderen  Regelüberschreitungen  wurde in Zusammenarbeit mit den Schülern Konsequenzen bei Regelverstößen erarbeitet, die während des Trainings erfolgen konnten. Beispielsweise wurde  zunächst  bei einfachen Verstößen mit Ermahnungen und Hinweisen, die aber verständlich und in möglichst pädagogisch sinnvoller Weise begründet wurden,  reagiert, andererseits aber auch weitere und gröbere Verstöße mit zusätzlichen Liegestützen oder „Banksitzen“ geahndet. Im äußersten Fall, wenn es zu mehrfachen deutlichen disziplinarischen Verstößen und Unregelmäßigkeiten kam,  konnte auch ein Ausschluss aus der Trainingsgruppe erfolgen.

Von besonderer Bedeutung für den pädagogischen Auftrag des Projekts war es auch, dass die Schüler und Schülerinnen dazu angehalten wurden, die Rolle des Ringrichters zu übernehmen. Hier sollte erreicht werden, dass die Schüler/innen durch eine solche Maßnahme erlernen sollten, Ansätze von Verantwortungsbereitschaft zu entwickeln und auszubauen. Wie schon oben angesprochen, war es ein weiterer Effekt der Einnahme der Ringrichterrolle, dass die teilnehmenden Schüler das Regelwerk des Boxsports, hier auch des Leichtkontaktboxens, stärker in sich aufnahmen, also sozusagen „internalisieren“ konnten. Nicht nur im Training, sondern auch bei Wettkämpfen, die künftig geplant sind, sollen sowohl „externe“ Kampfrichter als auch Schüler der Trainingsgruppen eingesetzt werden. 

Wissenschaftliche Begleitung

Das Projekt wurde vom Institut für Sportwissenschaften der Leibniz-Universität Hannover wissenschaftlich begleitet, und zwar sowohl in der Phase, in der kein Körperkontakt zugelassen wurde als auch in der letzten Phase, wo Leichtkontaktboxen im Sparring erlaubt war (s.o.). Die Evaluation der Universität unter Leitung von Prof. Dr. Pilz kam zu einer insgesamt durchaus positiven Gesamteinschätzung des Projekts. Im Untersuchungsbericht wurde das Projekt als „Signal“ auch für andere Bundesländer gesehen und sogar nicht ausgeschlossen, dass das Boxen auch im regulären Schulsport, also nicht nur als außerunterrichtliche Veranstaltung, eingesetzt werden könne. Wichtig sei aber, dass neben der sportlichen insbesondere die pädagogischen Implikationen eines solchen Sportangebots vermittelt werden müssten. 

Hamburger Projekt

Auch in der Hansestadt wurde im Juni des Jahres 2010 ein Projekt Boxsport im Rahmen des außerunterrichtlichen Angebots an vier Schulen der Stadt gestartet. Wie zu erfahren ist, wurde auch vor dem Start dieses Projekts äußerst „kontrovers“ diskutiert, ob ein solches Vorhaben gelingen könne.  An den Schulen wird in der Woche ein Boxtraining von 1 ½ Stunden in der Woche angeboten. Im Mittelpunkt steht hier Fitnesstraining einschließlich Seilspringen. Schlagvarianten mit Boxhandschuhen werden am Gegner an den Handinnenflächen erprobt; allerdings ist Sparring vom Training ausgeschlossen, weil hier die Gefahr von Verletzungen gesehen wird. Die Kurse werden Trainern aus einem Boxverein geleitet, nicht von Sportlehrern der jeweiligen Schulen.

Ausblick

Das niedersächsische Boxprojekt soll nach den vorherrschend positiven Erfahrungen und der Evaluation der Leibniz-Universität Hannover in jedem Fall als festes Angebot weitergeführt und entsprechend ausgebaut und ergänzt werden. Der federführende Initiator des Projekts, der Förderschullehrer Dr. Arwed Marquardt, hat Materialien zum Thema auf der Seite www.boxe-educative.de zusammengestellt. Wer hier seine Informationen vertiefen möchte, ist dort gut aufgehoben. Ebenso ist es möglich, nach Rücksprache mit Herrn Dr. Marquardt an der Beobachtung von Trainingseinheiten teilzunehmen.

Dass ein außerunterrichtliches Angebot  für den Boxsport für die Schüler und Schülerinnen auch in anderen Bundesländern  bereitgestellt und erprobt wird, erscheint sinnvoll.  Ebenso wichtig wäre der weitergehenden  Frage nachzugehen, ob Boxunterricht tatsächlich integrativer Bestandteil des regulären Sportunterrichts werden könnte. Hier sollten eventuell weitere wissenschaftliche Studien erfolgen, um zur Klärung beizutragen.   Eine solche grundlegende sportunterrichtliche Entscheidung würde natürlich zum Beispiel weitgreifende Veränderungen und Ergänzungen in der Sportlehrer(innen)-Ausbildung voraussetzen. Eine noch engere Zusammenarbeit mit den Boxsportverbänden wäre unverzichtbar. Ebenso wäre es notwendig, Überzeugungsarbeit zu leisten, so dass die Öffentlichkeit, insbesondere Schüler, Elternschaft und Lehrkräfte, ein solchen Vorhaben mittragen könnten. Kann man sich vorstellen, dass eines Tages, in ferner Zukunft, Schüler oder Schülerinnen in Deutschland ein Sportabitur absolvieren, in dem neben Leichtathletik oder Turnen auch Boxen vertreten ist? Oder dass in den Realschulen im regulären Sportunterricht qualifiziertes Boxtraining stattfindet? Es kommt einem vor, als seien dies Zukunftsvisionen. Für  Boxsportfreunde jedenfalls erscheint es überaus positiv, dass mit dem niedersächsischen Boxangebot, das von begeisterungsfähigen und engagierten Pädagogen, Trainern und Sozialpädagogen angeschoben wurde, Türen für  den Boxsport in den Schulen geöffnet werden konnten.

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16 Kommentare

  1. Mr. Wrong
    7. März 2012 at 20:57 —

    papalapap, Boxen lernt man in den Schulpausen, nicht im Schulunterricht 😀 😀

  2. MainEvent
    7. März 2012 at 21:02 —

    Die Kubaner sind wohl das beste Beispiel für erfolgreichen Boxsport aus der Schule!!!
    In der BRD gehörte das Boxen bis mitte 60er zum guten Ton!!!!!!!!!!!!!! Erst durch Leute wie Charly Graf u.ä. ist der Ruf etwas verkommen

  3. Mr. Wrong
    7. März 2012 at 21:14 —

    Deutschland braucht einen Brian Sutherland, eine Lichtgestalt des Boxens

  4. floyd
    7. März 2012 at 21:45 —
  5. jemand
    7. März 2012 at 21:54 —

    schön geschrieben, hier in Ostdeutschland (wo viele das noch im Unterricht gemacht haben) gibts in meiner Wahrnehmung auch weniger Leute die dem Boxen so ablehnend gegenüber stehen. früher durfte man wohl auch mal gegen den lehrer ran, das wär ein spaß geworden :)

    @ Mr. Wrong

    sollen ja nicht alle so boxen wie Huck 😉

  6. Boxer44
    7. März 2012 at 22:25 —

    Sollte schon viel früher geschehen. Gutes Beispiel mit Kuba. Ausserdem streben die Jungs ja echt wissenschaftlich an, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass das Amateurboxen viel mehr Vorteile mit sich bringt, als Nachteile, wenn überhaupt welche geben.

    In ein paar Jahren werde ich auch da mitmachen, die Leute zu überzeugen 😉

  7. johnny l.
    7. März 2012 at 22:28 —

    super artikel!

  8. Rudy
    8. März 2012 at 01:57 —

    Den Beitrag halte ich für viel zu lang geraten.Manchmal ist weniger eben mehr. Boxen als Schulsport mit Verletzungsrisiken wie gebrochenen Nasen,blauen Augen,geblatzten Lippen u.a.? Besser nicht.

  9. schnippelmann
    8. März 2012 at 07:23 —

    Also ich hatte zu DDR Zeiten auch noch Boxen in der Schule. In der 10. Klasse auch gegen den Lehrer. War schön 😉

  10. MainEvent
    8. März 2012 at 10:09 —

    @Mr.Wrong :) :) :) :)

  11. Paul
    8. März 2012 at 11:56 —

    Wer Zeit und Interesse hat, eine Trainingseinheit in einer der beteiligten Schulen zu besuchen, kann das übrigens tun. Die Mailadresse des Koordinators, Dr.Arwed Marquardt,ist bei mir erhältlich. :-)

  12. Matten
    8. März 2012 at 15:55 —

    Also in den neuen Bundesländern gab es vor der Wende Boxen im Sportunterricht !!! Kann mich auch noch dran erinnern…… Schön die braunen Boxhandschuhe mit Pferdehaar :-)

  13. Arwed
    8. März 2012 at 16:38 —

    Hallo Rudi,
    du hast den Artikel vielleicht nicht zu Ende gelesen (war dir ja auch zu lang): Es handelt sich um Leichtkontaktboxen – gebrochene Nasen etc. sind vollkommen ausgeschlossen.
    Ich habe an meiner Schule eine solche AG und die Schülerinnen und Schüler dürfen auch mal gegen mich Sparring machen – das ist für die tatsächlich eine tolle Erfahrung.

  14. Lucky_Punch
    9. März 2012 at 09:46 —

    Wenn die Kinder Wladimir als Vorbild nehmen, wirds nichtmal blaue Flecken geben! Der Typ klammert das ist echt ÜBEL 😀

  15. EwigerSparrer
    18. September 2012 at 10:53 —

    Einmal, vor 30 Jahren, nach einer Demonstrationsveranstaltung unseres damaligen Boxklubs, sagte ein versierter Amateur-Wettkampfboxer unter uns Kameraden (ohne Trainer): „ich würde mir mehr von solchen [Leichtkontakt- also!] Kämpfen wünschen“.

  16. El Cubano
    18. September 2012 at 13:07 —

    MainEvent sagt:
    7. März 2012 um 21:02

    Die Kubaner sind wohl das beste Beispiel für erfolgreichen Boxsport aus der Schule!!!
    In der BRD gehörte das Boxen bis mitte 60er zum guten Ton!!!!!!!!!!!!!! Erst durch Leute wie Charly Graf u.ä. ist der Ruf etwas verkommen
    _____________________________________________________________________________________

    Falsch, Boxen ist kein Schulsport in Cuba.

    LG
    El Cubano

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